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In Myanmar ist nicht alles Gold, was glänzt

Myanmar beansprucht, den Buddhismus in reinster Form zu praktizieren - 30.09.2017 08:00 Uhr

Ein Fischer lauert auf seinen Fang. © Matthias Oberth


Nach 14 Stunden Flug und einer Stunde Taxifahrt mit viel Stop-and-go in Richtung Zentrum ist Frau Moo ein echter Lichtblick. Sie und ihre Kolleginnen an der Hotelrezeption strahlen um die Wette und Frau Moo lächelt auch an den folgenden Tagen und beantwortet mit engelsgleicher Geduld unsere sowie die vielen, vielen Fragen der Hotelgäste.

Zunächst gilt es aber, dem myanmarischen Zeitgefühl Tribut zu zollen: "Genießen Sie doch den ersten Abend im Restaurant auf dem Hoteldach mit Blick auf die Shwedagon-Pagode", so ihre Empfehlung. Dazu der Hinweis, dass das Restaurant zwar um 22 Uhr schließt, man aber problemlos mit selbstmitgebrachten Getränken dort so lange sitzen kann, wie man möchte. Kann das ernst gemeint sein? Ja, es ist ernst gemeint und gleichzeitig ein Sinnbild dafür, dass Myanmar als Reiseland (derzeit) noch auszeichnet: Geschäftstüchtigkeit und Umsatz sind nicht alles. Gäste sollen sich wohlfühlen, die Einheimischen aber auch.

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Myanmar: Im Land der Tempel und Pagoden

Myanmar, das frühere Burma, hat in den vergangenen Jahren einen immensen Aufschwung als Reiseziel erlebt. Für Individualisten als auch Pauschalreisende bietet das im Umbruch befindliche Land eine kaum zu überbietende Vielfalt.


Klar, der Tourismus boomt in dem Land, das sich seit 2010 schrittweise von der Militärdiktatur abgewandt hat. Dennoch hinkt die Infrastruktur gegenüber so mancher westlichen Erwartungshaltung noch hinterher. Wer nämlich glaubt, in Myanmar das nächste preisgünstige Urlaubsziel in Südostasien aufzutun, wird sehr schnell eines Besseren belehrt. Im Gegensatz zu Thailand, Laos und Vietnam ist in Myanmar das Angebot an einfachen Unterkünften eher überschaubar. Am Vorzeigestrand "Ngapali Beach" beispielsweise dominieren Luxusanlagen oder zumindest hochpreisigere Ressorts. Pauschalreisende der Generation 40+ bestimmen das Bild und es ist zu spüren, dass hier die Touristen nicht auf jeden Euro (oder besser gesagt Kyat, wie die myanmarische Währung heißt) achten müssen.

Davon profitieren wiederum die vielen kleinen Fischrestaurants, die sich wie an einer Perlenschnur aufgereiht, auf der den Hotels gegenüberliegenden Straßenseite angesiedelt haben. Hummer ist nur eine der Spezialitäten aus dem Meer, die Abend für Abend in schier unglaublichen Mengen über den Tresen gehen.

Abendessen beim Tagelöhner

Wer will, kann fast überall eine Angeltour buchen und bekommt am Abend dann seinen eigenen Fang serviert. Die schwäbische Reisegruppe aus Tuttlingen lässt es sich am Nachbartisch richtig gut gehen. Die drei Ehepaare sind mit einer in Deutschland gebuchten myanmarischen Führerin unterwegs, die sich um Ausflüge, Besichtigungen und Reiseroute gekümmert hat. "Ein Rundum-sorglos-Paket mit Familienanschluss", beschreiben sie ihren Trip, zu dem auch ein "ganz authentisches" Abendessen in der Hütte eines Tagelöhners gehört.

Dass die Schere zwischen Arm und Reich in Myanmar immer weiter auseinander klafft, dazu trägt auch die Tourismusbranche ihren Teil bei. Gut ausgebildete Kräfte sind gesucht und kommen - nicht zuletzt wegen des Trinkgeldes - auf ein ansehnliches Gehalt, zumindest im Vergleich zum Verdienst im Landesdurchschnitt. Dieser lag im Jahr 2015 noch bei 1.270 Dollar - im Jahr! Abgehängt wird, wie so häufig in den Schwellenländern, vor allem die Bevölkerung auf dem Land. Landwirtschaftliche Produkte sind billig, der Bildungsgrad gering, Kinderarbeit die Regel und nicht die Ausnahme. Kein Wunder, dass es immer mehr Menschen in die Metropolen des Landes zieht oder eben in die touristischen Hotspots, die sich in Myanmar an zwei Händen abzählen lassen.

Die Burmesen schützen sich in der größten Hitze mit bunten Schirmen vor der Sonne. © Matthias Oberth


Zum (lohnenswerten) Pflichtprogramm gehört etwa der Besuch der früheren Königsstadt Bagan. Trotz der tagtäglich hereinbrechenden Heerscharen von Touristen bietet dieser Ort ein tief beeindruckendes Reiseerlebnis und prägt sich nachhaltig ins Gedächtnis ein. Die über 2000 Tempel, Stupas, Chedis, Pagoden sowie Nebengebäude verteilen sich auf rund 36 Quadratkilometer. Hier kommt jeder zu seinem ganz persönlichen Besichtigungsprogramm - am besten mit Fahrrad oder einem E-Scooter, denn knatternde, benzingetriebene Motorroller sind in Bagan (glücklicherweise) nicht im Angebot der zahlreichen Verleihstationen.

Dass auch hier zahlungskräftiges Publikum vorhanden ist, darauf lassen die in erklecklicher Zahl aufsteigenden Heißluftballons schließen, die mit den ersten Sonnenstrahlen gen Himmel schweben. Bis zu 500 Dollar legt jeder Gast für die gerade mal rund einstündige Fahrt mit dem Ballon auf den Tisch. Spektakulär ist das Ganze dennoch allemal.

Wer lieber am Boden bleiben möchte, sollte sich zumindest eine Flussfahrt auf dem Irrawaddy gönnen. An der Ablegestelle in Old Bagan kann man eine solche Tour auf eigene Faust buchen. Einfacher und unproblematisch geht es über die jeweilige Unterkunft, die gleich die Anfahrt mitorganisiert. Da Bagan zum Pflichtprogramm eines jeden Myanmar-Besuchers gehört, stehen in Neu-Bagan im Süden (eher für Familien) und in Nyaung U im Norden (das Backpacker-El-Dorado) eine große Auswahl an kleineren Pensionen zur Auswahl.

Ohrenbetäubender Lärm der Boote

Myanmar ist ein Land, das zum Genießen einlädt. Dadurch gerät der Reiseplan aber auch schnell einmal durcheinander. In unserem Fall wurde Mandalay mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten geopfert und dafür der Inle-See direkt angesteuert. Ausgangspunkt der Ausflüge auf, um und über den zweitgrößten Süßwassersee Myanmars, ist für die meisten Touristen das quirlige Städtchen Nyaung Shwe. Am nördlichen Ende des Sees gelegen, brechen hier allmorgendlich hunderte von "Long-Tail"-Booten unter dem ohrenbetäubenden Lärm der Außenbordmotoren zu ihren Touren auf. Man kann sich aber auch schon hier auf ein Fahrrad schwingen und entlang des Seeufers die Sehenswürdigkeiten vom (obligatorischen) Tempel bis hin zum Weingut erkunden.

Wer mehr die Abgeschiedenheit liebt, sollte sich dagegen für eine der Unterkünfte auf dem See entscheiden. Die Pfahlbauten sind einerseits Teil des Besichtigungsprogramms, aber eben auch ganz normaler Wohnraum für die Familien, die hier die schwimmenden Gärten bewirtschaften, Silberschmuck herstellen, Lotus-Webereien betreiben oder Cheroots - die klassischen myanmarische Zigaretten - herstellen.

Wir sind nochmals rund eineinhalb Stunden über den Inle-See unterwegs, bis wir unsere Unterkunft, die "Inle Heritage Stilt Houses", erreichen. Sozusagen am Ortseingang von Inn Paw Khon gelegen, will heißen, nur zugänglich über den kleinen Stichkanal der vom See in Richtung Ortsmitte führt. Hier hat Yin Myo Su eines ihrer Projekte realisiert, die in Myanmar allesamt noch einen Exotenstatus haben.

Gläubige beten den goldenen Buddha an. © Matthias Oberth


Die Anlage besteht lediglich aus sechs Bungalows, einem Empfangsgebäude und dem angeschlossenen großzügigen Restaurant. Gleichzeitig ist es das Ausbildungszentrum für rund 60 junge Menschen aus der Shan-Region, die hier eine erstklassige Ausbildung für das gastronomische Gewerbe erhalten. Die Auszubildenden managen die Anlage unter Anleitung ihrer Ausbilder komplett selbst, sagt Thant Zin Aye, die sich als Managerin um die Bereiche Rezeption und Housekeeping kümmert.

Zwischen den Stelzenhäusern wird Gemüse ökologisch angebaut und mittels modernem Wassermanagement und Erzeugung von Solarenergie ressourcenschonender Tourismus praktiziert.

Ein Umdenken ist in Myanmar bereits jetzt notwendig, wie am Inle-See sehr deutlich zu sehen ist. Viele Reisende bleiben nur für zwei, drei Nächte dort. Buchen die obligatorische Bootsfahrt zu den Einbein-Ruderern, lassen sich im Schnelldurchlauf durch Handwerksbetriebe schleusen, durchqueren einen der schwimmenden Gärten und legen noch einen Zwischenstopp auf einem der knallbunten Märkte rund um die Tempelanlagen ein. Die wenigsten bekommen etwas von den Bergen des Plastikmülls mit, der sich in den Schilfgürteln des Sees türmt, geschweige denn von der starken Überdüngung und zunehmenden Verlandung des Sees.

Nachhaltigkeit im Tourismus ist schwer zu verwirklichen, in einem Land, in dem mehr und mehr Menschen versuchen, ein kleines Stück von dem Kuchen abzubekommen, der gerade zur Verteilung ansteht. Dazu kommen politische Schlagzeilen, die inner- und außerhalb von Myanmar für Unruhe sorgen. Die Vertreibung und Flucht der Minderheit der Rohingya (siehe Kasten links), die dem islamischen Glauben angehören, werfen einen Schatten auf das so friedfertig geltende Volk, das für sich in Anspruch nimmt, den Buddhismus in seiner reinsten Form zu praktizieren.

Auf dem Land sieht man noch häufig Karren mit Wasserbüffeln. © Waltraud Rohr


Zum aktuellen Konflikt mit der Minderheit der Rohingya:
Vor ein paar Wochen ist im nördlichen Teil der an Bangladesch grenzenden Rakhaing-Provinz (ehemals Arakan) ein Aufstand der sunnitischen Minderheit der Rohingya ausgebrochen, auf den die Armee brutal reagiert hat. Es fanden Morde und Vertreibungen statt, vermutlich eine Million Menschen fliehen oder sind geflohen. Erst nach langem Zögern hat die de- facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi die Vertreibung halbherzig verurteilt.
Die muslimischen Rohingya wurden von der ehemaligen britischen Kolonialmacht als Arbeiter unter anderem auf Teeplantagen geholt. Sie bekamen nach der Unabhängigkeit des damaligen Burma nie die Staatsbürgerschaft und sind Repressionen ausgesetzt.
Unruhen können uns in vielen Reiseländern treffen - im konkreten Fall Myanmars sind touristische Gebiete wie die im Text genannten nicht betroffen. Jeder Reisende muss für sich entscheiden, welche Risiken er eingehen will. Eine Entscheidungshilfe sind die Länderinformationen des Auswärtigen Amtes:

http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Laenderinformationen/00-SiHi/Nodes/MyanmarSicherheit_node.html

Mehr Informationen:
Myanmar Tourism, http://tourism.gov.mm/
  

Matthias Oberth E-Mail

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