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Kanadas Osten: Quirlige Metropolen in absoluter Einsamkeit

Eine Reise zwischen zwei Kulturen in Ontario und Quebec - 08.09.2017 18:00 Uhr

Toronto wächst so rasant, dass sich ständig die Skyline verändert. © Roland Englisch


Da ist er wieder, schwarz und mächtig auf gelbem Grund. Der Elch. Die nächsten 27 Kilometer gehören ihm, das Schild warnt in etwas eigenwilligem Französisch vor der Begegung: ""En cas d'intrusion composez 511" - "Im Fall des Eindringens wählt 511". Eindringen ist nicht der Plan. Ansehen schon. Doch er kommt nicht aus dem Unterholz, der Elch.

Ontarios Puls bestimmt Toronto, am Lake Ontario gelegen, dem riesigen kleinsten der fünf Großen Seen. Die Stadt boomt wie kaum eine in der westlichen Welt. Ideal als Start- oder Endpunkt einer Rundreise durch den kanadischen Osten. Jedes Jahr ziehen Tausende hierher; die Stadt platzt aus allen Nähten, was die Immobilienpreise nach oben treibt und den Verkehr kollabieren lässt. Gut für jene, die eine Stadt zu Fuß erleben, die ihre Atmosphäre aufnehmen wollen bei einem Marsch durch die Altstadt, durch Chinatown, an die Harbourfront.

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Entspannt durch Kanadas Osten

Wer durch Kanadas Osten reist, der lernt schnell, dass hier drei Dinge funktionieren: Die Menschen sind weltoffen, sie sind multikulturell. und sie sind tiefenentspannt. Das liegt nicht nur an der Weite des Landes. Die Kanadier sind einfach anders drauf.


Es ist dieser Kontrast aus Wolkenkratzern im Rücken der Harbourfront und den flippigen Häusern des Kensington Market ein paar hundert Meter stadteinwärts. Der Markt nahe Dundas und Yonge Street verströmt mit seinen bunten Häuschen den Charme der 1980er Jahre. Die Harbourfront mit ihren himmelstürmenden Glaspalästen zeigt in die Zukunft, der nicht weit entfernte Distillery District steht für das Vergangene.

Und alle stehen für das, was Kanada ist. Diese Mischung aus alt und neu, aus Epochen, Ethnien und sozialen Schichten, die nebeneinander, miteinander existieren, zeigt, wie es gehen kann. Wenn multikulti funktioniert, dann hier, in diesem selbstbewussten, friedlichen, gelassenen, stolzen Einwandererland.

Wann immer es geht, geht es aufs Land

Wie gelassen sie sein können, zeigt sich jeden Tag auch auf den Highways. Wann immer es geht, hängen die Kanadier ihre Boote ans Auto, spannen sie ihre Wohnwagen an. Und stauen sich hinaus aufs Land. Kanadier lieben das Wasser, die zahllosen Seen, die Gletscher in der Eiszeit in den kanadischen Granit geschürft haben. Heute tummeln sich die Reichen und die Superreichen in ihren dezent im Wald versteckten Villen, die untertrieben "Bootshäuser" genannten Paläste am Ufer signalisieren den Reichtum.

Da stehen sie also im Stau, die Kanadier, und niemand hupt, niemand drängelt. Was ganz gut so ist. Denn es sind nicht eben viele Straßen, die von Toronto weg und hinüber nach Ottawa führen, der Hauptstadt, die so britisch sein kann wie London und so ruhig wie Bonn.

Vorne Bootshaus, hinten die dazugehörige Villa: So zeigt man seinen Wohlstand an einem See in der Provinz. © Roland Englisch


Oder nach Quebec, weiter im Nordosten gelegene Metropole, die mit Rang sieben in Kanada nicht ganz so metropolenhaft ist. Was am Selbstbewusstsein der Quebecer und überhaupt der Menschen in ihrer Provinz nicht kratzt. Auch nicht, dass die Wirtschaft einst die Flucht angetreten hat nach Toronto, als der kleine französischsprachige Teil Kanadas sich in den 1970er Jahren abspalten wollte vom großen Rest.

Dabei hat es seinen Reiz, dieses Französische. Gerade in Quebec, das mit seiner Altstadt wirkt, als hätten sie eine Kleinstadt aus der Normandie hierher versetzt, mit Bistros, Austern und Crêpes und Wein. Nur am Wochenende nicht. Weil dann die Amerikaner kommen und die Asiaten, die das protzige Hotel Fairmont Le Chateau Frontenac für eine gelungene Kopie von Schloss Neuschwanstein halten, obwohl es innen wie außen ziemlich hässlich ist. Die alten Häuschen sind für sie wie Europa, sie können sich also die Reise über den Atlantik sparen. Selbst in Rothenburg ob der Tauber ist es an den Wochenenden gemütlicher.

Mächtige Gezeiten am Sankt-Lorenz-Strom

Kein Wunder also, dass sich kein Elch blicken lässt. Auch nicht auf der Fahrt den Fluss hinauf nach Tadoussac. Trotz der Schilder, die ihn entlang der Straße ankündigen. Hier weitet sich der Sankt-Lorenz zu einem Fjord. Und obwohl der Atlantik knapp 300 Kilometer entfernt ist, legen die Gezeiten die Ufer regelmäßig frei.

Ein bisschen wie in Europa: Vor allem am Wochenende strömen durch die Altstadt von Quebec Massen an Touristen, die sich dann ein wenig wie auf dem alten Kontinent fühlen. © Roland Englisch


Tadoussac ist das Revier der Wale. Die Riesen kommen im Sommer. Und mit ihnen die Touristen. Die steigen bevorzugt im Hotel Tadoussac ab, einem traumhaft gelegenen Haus mit weitem Blick über den Fluss. Der Bootsausflug ist ein Muss, in den Zodiac genannten Schlauchbooten, die schnell und wendig sind. Wenn dann die Finnwale neben dem Boot auftauchen, die Mink- oder die Belugawale, dann ist vergessen, dass die dreistündige Waltour einen ziemlich überflüssigen Abstecher über die Breite des Flusses nach Rivière du Loup einschließt. Und das Essen abends bei Chez Mathilde erledigt den Rest.

Wale also. Bloß kein Elch. Wer Zeit hat, sollte nicht direkt zurückfahren nach Quebec oder nach Montreal, der heimlichen Hauptstadt der Provinz. Der sollte mit dem Wagen den Saguenay hinauf-, in Chicoutimi auf die andere Uferseite hinüber- und dann die Route 381 hinunterfahren. Eine so einsame wie grandiose Straße, die durch Gebirge führt, durch Nationalparks, durch echtes Kanada und echtes Elchgebiet. Auch wenn die sich, logisch, nicht zeigen.

Bei Tadoussac lassen sich besonders gut Wale beobachten — Touristen besteigen dazu ein Boot. © Guillaume Lavallee / AFP


Montréal. Sie haben es begriffen, dass Separatismus kein Weg ist. Sie sprechen wieder auch englisch, zeigen sich weltoffen in einer grandiosen Stadt. Wer es sich leisten kann, und so teuer ist es nicht, quartiert sich im Marriott Chateau Champlain ein, weit oben, weil die voll verglasten Zimmer einen sensationellen Blick bieten über die Stadt, bei Tag und Nacht. Die Stadt brummt, verströmt jenes Weltflair, das auch Toronto hat, pulsiert - selbst wenn die Menschen merkwürdige Dinge essen wie Poutine, dünne Pommes mit Schale, die in Schmelzkäse und Bratensoße ertrinken, oder Biberschwänze, in Fett heraus gebackener Teig, dick mit Nutella beschmiert.

Wenn dann, am Ende einer so elch-losen wie schönen Zeit, der Flieger nach Hause geht, wenn sich der Irrsinn deutscher Autobahnen zeigt, erst dann weiß man, wie entschleunigt das Leben sein kann.

Mehr Informationen: de-keepexploring.canada.travel 

Roland Englisch Nürnberger Nachrichten

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