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Kneipenszene in Jerusalem: Erst Markt, dann Bar

Wo in der Stadt tags Waren verkauft werden, sitzt abends buntes Volk beim Drink - 27.01.2018 08:00 Uhr

Orthodoxe Juden wie junge Kreative lauschen beim Bier einer Klezmer-Band. © Meike Kreil


200.000 Besucher drängeln sich jeden Tag durch die engen, teilweise überdachten Gassen und zwischen den Ständen. Es sind Reisende, die vielleicht kurz zuvor mit einem Kreuzfahrtschiff angekommen sind, aber vor allem Einheimische, die ihre Besorgungen machen. Geschäft reiht sich an Geschäft: 300 Händler wollen ihre Ware loswerden, viele tun das lautstark kund. Hier Gewürze, in der Farbe kräftig und im Duft intensiv, da Kaffee, dort Baklava mit Nüssen und Honig, süßlicher Geruch steigt in die Nase. So weit dürfte die Szenerie nicht so sehr von dem Bild abweichen, das viele Touristen von einem Basar im Nahen Osten haben.

Weniger bekannt aber ist, dass der Mahane Yehuda Markt nachts noch einmal zum Leben erwacht. Nach Sonnenuntergang wird das Gelände mit den verwinkelten Gässchen im Zentrum der seit jeher so umstrittenen Stadt noch einmal zum Besuchermagneten. Nicht nur für Touristen, die sich nach dem Besuch von Klagemauer, Ölberg und Davidsstadt einen Absacker gönnen.

Wo vorher Geschäfte waren, sind dann Kneipen, Ladentheken werden zu Bars. Wo vorher Verkäufer standen, haben Gastronomen und Barkeeper Platz genommen. Aus den spärlichen Schaufenstern ist die Ware verschwunden. Wo wenige Stunden zuvor noch Fleisch oder Hummus - die leckere Leibspeise der Israelis - gereicht wurden, kommen nun flüssige Spezialitäten wie etwa ein Anisschnaps in die Hände der Gäste. Dazu gibt es noch das eine oder andere schnelle Gericht.

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Wenn der Jerusalemer Markt nachts noch einmal zum Leben erwacht

Der Mahane Yehuda Markt, der größte in Israel, erwacht nach Sonnenuntergang noch einmal zum Leben. Wo am Tag noch Waren verkauft werden, gehen nachts Drinks über die Ladentheke. Mitten in der so umstrittenen Stadt trifft sich eine junge und bunte Szene. Gläubige und Säkulare feiern friedlich nebeneinander.


Nicht mehr der Duft von Gewürzen erfüllt die Luft, sondern der Klang von Live-Jazz. Ein Duo mit Bass und Klarinette hat dort Platz genommen, wo vorher Kisten mit Granatäpfeln, Bananen und Orangen standen. In einer Ecke daneben liegen noch die leeren Kartons vom Tag, auch ist der Geruch nach Fisch noch nicht gänzlich verflogen. Besucher müssen aufpassen, dass sie nicht auf dem glitschigen Boden ausrutschen. Eine Gasse weiter dröhnt israelischer Pop aus einer Bar, manch einer der Gäste wippt mit dem Takt.

40 unterschiedliche Lokalitäten können die Nachtschwärmer abklappern. Sie heißen zum Beispiel "Neighbour-Bar" oder "BeerBazaar" mit einer riesigen Auswahl an Bieren, oder "Casino de Paris", das eine berüchtigte Vergangenheit hat. Tische und Stühle stehen vor den Lokalen mit der hebräischen Schrift, doch manche Gäste stehen lieber. Viele halten ein Bier, einen Cocktail oder ein Glas Wein in der Hand, in der anderen eine Zigarette, während sie sich angeregt mit ihren Freunden unterhalten. Die Atmosphäre ist locker und entspannt. Ob das auch an dem verdächtigen - und eigentlich illegalen - Geruch von Marihuana liegt, dem Besucher hier mancherorts begegnen?

Für das besondere Flair sorgen nicht nur bunte Girlanden, die nur nachts zum Vorschein kommen, sondern auch die außergewöhnliche Kulisse, die sich in dieser Art nur nach Marktschluss darbietet. Wenn die Geschäfte schließen, dann werden nämlich die Rollläden heruntergezogen. Das gibt Graffiti preis, die tagsüber bei offenen Jalousien nicht zu sehen waren.

Hier bläst ein kreativer Wind

Man sieht kunstvolle Porträts berühmter Persönlichkeiten, die am Tag im Geheimen zu schlummern scheinen, um in der Nacht freigelassen zu werden. Als ob die Kunstwerke zeigen, dass hier nachts ein anderer, ein kreativer Wind herrscht. Hier tun junge Erwachsene genau das, was Menschen im Alter zwischen 20 und 35 Jahre normalerweise gerne tun - nämlich ratschen, trinken, Musik hören. Und das gilt genauso in Israel.

Nur, dass in Jerusalem einige dazwischensitzen, die große schwarze Hüte tragen, aus denen lange gelockte Koteletten hervorschauen - ultraorthodoxe Juden. Auch sie führen ein Nachtleben, wenn auch ein etwas anderes als die Künstler. Etwas mehr am Rand, mit weniger Alkohol und weniger lauter Musik. Die meisten hier gehören ihrem Aussehen nach der kreativen künstlerischen Szene an. Dafür spricht auch, dass in Marktnähe viele Ateliers und Wohnungen von Designern liegen, die vorher alte Fabrikgebäude waren. Nun finden dort regelmäßig Partys und Festivals statt.

Mehr Informationen: www.goisrael.de und Germania Fluggesellschaft, www.flygermania.com. Letztere hat diese Reise unterstützt.

Wichtiger Hinweis: Diese Reise fand noch vor den Unruhen statt, die im Dezember in manchen Teilen Israels und Palästinas herrschten, bei denen es Tote und Verletzte gab. Grund war die umstrittene Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt durch die USA. Wenn Sie eine Reise nach Israel planen, dann beachten Sie bitte die Hinweise des Auswärtigen Amts:
www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/israel-node/israelsicherheit/203814 

Meike Kreil

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