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Neuer Reisetrend: All-inclusive mit Joint

Die Cannabis-Legalisierung wird in manchen Ländern zur Touristenattraktion - 03.01.2019 16:21 Uhr

Konsumenten feiern in Ontario die Freigabe von Cannabis. © Chris Roussakis / AFP


Die Änderung der öffentlichen Meinung zu den sogenannten weichen Drogen erfolgte schleichend. Legendär war Bill Clintons Einlassung, er habe als Student zwar Marihuana probiert, aber nicht eingeatmet. Verbote haben Feierabendkiffer nicht davon abgehalten, ihren Joint zu rauchen.

Schlagzeilen machte nun Kanada, das Anbau, Verkauf und Konsum von geringen Mengen Marihuana freigegeben hat. Die Umsetzung des Experiments dauert noch und ist regional und örtlich unterschiedlich. In den USA ist Anfang November Michigan zur Gruppe der Liberali-sierer hinzugekommen.

Seit Colorado und Washington den Cannabiskonsum 2014 freigegeben haben, ist dort geradezu ein "Marijuana tourism" entstanden. Renommierte Reiseführer wie Fodors und Lonely Planet gehen auf das Thema ein, die Webseiten offizieller Fremdenverkehrsstellen beantworten häufig gestellte Fragen.

Die Carnegie Mellon University prognostizierte 400 000 zusätzliche Besucher für den Washington State nach der Liberalisierung. Online-Anfragen für Hotels in freigegebenen Gebieten schnellten in die Höhe.

Inwiefern es bisher einen messbaren Zuwachs an Touristen gab und gibt, darüber wird gestritten. Viele Anbieter von Ferienwohnungen nehmen mittlerweile einen Hinweis in ihrer Werbung auf, dass innerhalb der vier Wände gehascht werden darf. Anbieter von Fernbusverbindungen in Nordamerika informieren ihre Gäste plakativ über "Dos and Don'ts" zum Thema Drogen.

Ein Coffeeshop zeigt auf einem Plakat Obama mit Joint im Mund. © dpa


Längst gibt es auf Cannabis spezialisierte Stadtführungen und Kochkurse, zum Beispiel in Seattle. Private Vergnügungsanlagen mit Hasch-gewächshäusern, Haschsouvenirläden, Restaurants mit Haschrezepten und Musikbühnen sind in Planung.

Investoren erwarten ein Milliardengeschäft, insbesondere in der Landwirtschaft, der Pharmaindustrie und mit Treibhäusern. Politiker träumen von zusätzlichen Jobs und boomenden Steuereinnahmen. Und Juristen erhoffen sich, der Rauschgiftmafia zumindest teilweise das Geschäft kaputtzumachen.

Der amerikanische Fachausdruck für privaten, nichtmedizinischen Cannabisgenuss ist "recreational marijuana", was so viel bedeutet wie "entspannendes Marihuana". Die Spezialgeschäfte dafür heißen meist "dispensaries", zu deutsch: Apotheken. Marihuanafans in Amerika benutzen die Codes 420, 4:20 oder 4/20 (four-twenty), wenn sie von Cannabis sprechen. Mit dem Hinweis "420 friendly" werden touristische Produkte gekennzeichnet, die drogenliberal sind.

Wie es zu der Bezeichnung kam? Eine Gruppe suchte 1971 in Kalifornien nach einer aufgegebenen Cannabisplantage und traf sich dazu um 4.20 Uhr nachmittags. Daraus entstand das Codewort "4:20", das sich bis heute hält.

Bei Jack Daniel´s ist Whiskeytrinken verboten

Abzusehen ist, dass die USA hinsichtlich Cannabis ein Flickenteppich werden, ähnlich wie bei den Regeln zu Alkohol. Aktuell er-
lauben 33 Bundesstaaten ihren Kommunen eigene Bestimmungen für Verkauf, Besitz und Verbrauch von Hochprozentigem. Daraus resultieren die "dry communities". Extrem strikt sind Kansas, Mississippi und Tennessee. Ausgerechnet in Lynchburg, der Heimat von Jack Daniel's, wird Whiskeytrinken bestraft.

So bleibt auch die Legalisierung von Cannabis stark eingeschränkt. Zum einen steht immer noch ein US-Bundesgesetz im Raum, das Rauschmittelgenuss verbietet, und selbst bei den liberalen Gesetzen der Bundesstaaten gibt es in manchen Detailfragen noch keine Rechtssicherheit. Zum anderen gelten zahlreiche Regulierungen wie etwa die erlaubten Mengen oder Verbotszonen wie Restaurants und öffentliche Grünanlagen. Auch in Disney-parks bleibt es beim Cannabisverbot. Wer dort beim Marihuanarauchen erwischt wird, erhält nicht nur eine Anzeige, sondern lebenslanges Hausverbot.

Selbstverständlich ist Autofahren unter Rauschmitteleinfluss strafbar. Und wer eine Grenze überquert, sollte keinerlei Rauschgift dabei haben.

Bisher galt Amsterdam als das Mekka der Haschraucher. In rund 200 so genannten Coffeeshops wird mehr als nur Bohnenkaffee verkauft und konsumiert. Rund jeder vierte Amsterdambesucher, so wird ge-
schätzt, geht auch in einen Coffee-shop. Legalisiert ist Marihuana in den Niederlanden allerdings mitnichten – nur in engem Rahmen geduldet. Pragmatisch gibt die offizielle Touristen-Webseite zwar konkrete Empfehlungen, weist aber auch auf die Drogenpolitik des Landes hin.

Portugal toleriert ebenfalls kleine Mengen an Cannabis, und in Barcelona wird über pragmatische Regeln nachgedacht. In Südafrika hat eine vorsichtige Entkriminalisierung begonnen.

Mediziner verfolgen die Entwicklung mit Bedenken: Vor allem Kinder und Schwangere müssten geschützt werden. 

Gerd Otto Rieke

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