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Ötztal: Brücke zu Piccards Bruchlandungsplatz

Eine neues Bauwerk erschließt Touren durch hochalpines Gelände - 08.09.2018 08:00 Uhr

Eine neue Hängebrücke ermöglicht Wanderern eine gefahrlose Querung der Schlucht unter dem Gurgler Ferner. Sie ist Piccard gewidmet. © Ewald Schmidt, Ötztal-Tourismus


Am 27. Mai 1931 um vier Uhr morgens starteten die beiden Wissenschaftler von Augsburg aus. Allerdings war von Anfang der Wurm in der Expedition: Helfer hatten etwas zu viel Gas in den Ballon gefüllt. Er schoss deshalb blitzschnell in die Höhe und driftete gen Süden. Gas abzulassen war den beiden Forschern, die sich in eine rund zwei Kubikmeter kleine Kapsel aus Aluminium gequetscht hatten, nicht möglich. Und eine Leine hatte sich verheddert.

Dummerweise hatten die beiden Männer im Trubel des Starts auch noch vergessen, ihre Wasserflaschen mitzunehmen. So blieb ihnen nichts anderes übrig, als Kondenswasser von den Wänden zu schlecken. Doch Piccard und Kipfer erreichten die Stratosphäre und stellten mit einem Flug in 16 000 Metern einen Weltrekord auf.

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Wandern auf den Spuren von Auguste Piccard im Ötztal bei Obergurgl

Gletscher, schneebedeckte Dreitausender und eine komfortable Hütte auf über 3000 Metern: Eine zweitägige Rundwanderung von Obergurgl im Ötztal über das Ramolhaus führt zu spektakulären Aussichtspunkten und einem Ort der Geschichte schrieb: 1931 landete Stratosphären-Forscher Auguste Piccardder Ballon außerplanmäßig auf dem Gurgler Ferner. Für Wanderer wird die mittelschwere Tour durch eine neue Hängebrücke über die Schlucht unterhalb des in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangenen Gletschers möglich.


Nach 17 Stunden sank bei entsprechenden Temperaturen auch der manövrierunfähige Ballon. Schließlich landeten die Forscher mit ihrer Kapsel sehr unsanft auf einem Gletscher im hintersten Ötztal. Bewohner aus dem damals noch ziemlich verschlafenen Weiler Obergurgl hatten den gelben Ballon gesehen. Am nächsten Morgen machte sich ein Rettungstrupp zum Gletscher auf. Piccard und Kipfer kamen den Helfern aber bereits entgegen. Sie hatten sich selbst befreien können.

Per Telegramm verbreitete sich die Kunde von der Landung der Forscher in Windeseile. Fotografen und Reporter reisten an, Piccard und Kipfer gaben eine Pressekonferenz – und lobten unter anderem die Schönheit der unberührten Gletscherwelt.

Schlagartig wurde der Ort berühmt

Für Obergurgl war das Ereignis einschneidend: Fortan hatte der kleine Weiler im Hochgebirge einen klingenden Namen. Immer mehr Sommerfrischler und später Skifahrer zog es ins Ötztal. Das kleine Bergnest verwandelte sich in einen Urlaubsort mit heute rund 700 000 Übernachtungen pro Jahr.

Mitten im Ortskern des Hoteldorfes erinnert ein Denkmal an die beiden Forscher und ihren Ballonflug. Hier ist auch der Start einer mittelschweren Wanderung, die bis in die Nähe der damaligen Landestelle führt. Konditionsstarke und geübte Berggeher schaffen die Tour an einem Tag. Wer die Landschaft in Ruhe genießen und auf über 3000 Meter Höhe übernachten möchte, sollte sich aber zwei Tage Zeit nehmen.

Auguste Piccard landete 1931 auf dem Gurgler Ferner mit seinem Stratosphärenballon not. Auguste Piccard landete 1931 auf dem Gurgler Ferner mit seinem Stratosphärenballon not. © Ötztal-Tourismus, Much Heiss


Der erste Tourentag ist mit gut vier Stunden Gehzeit und rund 1000 Höhenmetern ideal zum Einlaufen. Zunächst führt der Ramolweg mäßig steil über Almwiesen. Es bleibt genug Zeit und Luft, Schafe vor dem Hochgebirgspanorama, Wildbäche oder das hübsch auf einem Felsen thronende Tagesziel Ramolhaus zu fotografieren. "Wer nicht so oft im Hochgebirge unterwegs ist, sollte sich Zeit lassen und langsam an die Höhe gewöhnen", rät Bergführer Vitus Auer. Denn, so mahnt er, am Ende der Tour wird es noch einmal richtig anstrengend. Ein steiler, steiniger Steig führt die letzten 250 Höhenmeter auf 3006 Meter zur Hütte hinauf.

Oben angekommen werden die Wanderer auf der Terrasse mit einem kühlen Getränk und einem großartigen Rundumblick auf eisbedeckte Gipfel und den Gurgler Ferner belohnt. Und auch sonst ist das Schutzhaus der Alpenvereinssektion Hamburg ein Ort, an dem man es einige Zeit aushält: Schlaf- und Waschräume sind frisch renoviert. In den beiden Stuben lodert ein Feuer im Kachelofen, und Hüttenwirt Martin Mraz serviert zum Abendessen ein dreigängiges Menü und gute Laune.

Das Eis ist stark zurückgegangen

Am nächsten Morgen ziehen in der Dämmerung zunächst Seilschaften mit Eispickeln und Steigeisen am Rucksack los: Rund um die Hütte liegen beliebte Hochtourenziele, etwa der 3537 Meter hohe vergletscherte Schalfkogel. Normale Wanderer können noch eine Runde weiterschlafen und dann in Ruhe das Frühstücksbuffet plündern.

Die zweite Etappe, für die ebenfalls mindestens vier Stunden eingeplant werden müssen, führt zunächst auf einem schmalen Bergsteig abwärts. Dann kraxelt man mit Stahlseilen und eisernen Trittstufen steile Felsen hinab. Sie wurden in früheren Zeiten vom Gletscher glatt geschliffen. Das Eis ist in den vergangenen einhundert Jahren stark zurückgegangen.

Helfer bergen die Kugel, in der Professor Auguste Piccard am Weltall kratzte. © Ötztal Tourismus


Wo Alpinisten früher die Ausläufer des Gurgler Ferners querten, ist nur noch Geröll und ein reißender Bach. "Die Steinschlaggefahr hat durch den Rückgang des Eises massiv zugenommen", so Vitus Auer. Provisorische Brücken wurden von Lawinen und Hochwasser immer wieder zerstört. Deshalb entschlossen sich die Obergurgler, in eine haltbare Stahlhängebrücke zu investieren. Letztes Jahr wurde das 140 Meter lange Bauwerk fertiggestellt und ermöglicht seitdem einen sicheren Übergang.

In rund 100 Metern Höhe führt die Konstruktion über die Schlucht. Und von hier ist auch der Landeplatz von Auguste Piccard und Paul Kipfer einige hundert Meter oberhalb zu sehen. Auch hier hat sich die Gletscherzunge schon lange zurückgezogen und Geröll freigelegt. Über Felsstufen und einen alpinen, aber gut zu begehenden Steig führt der Weg weiter zur Langtalereckhütte mit Blick auf den Gurgler Ferner und den Landeplatz.

Mehr Informationen:
Ötztal Tourismus, www.oetztal.com, der diese Reise unterstützt hat.

  

Clara Grau

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