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Polen-Rundreise: Alle Klischees gehen über Bord

Eine Wohnmobiltour brachte lauter positive Überraschungen - 16.09.2017 08:00 Uhr

Krakau ist Polens Touristenmetropole Nummer eins. Hier vor den Tuchhallen. © Matthias Niese


Obwohl wir von Nürnberg aus schon nach knapp 430 Kilometern dort sind, kennen viele von Polen nur ein paar fiese Witze, in denen es meist ums Klauen geht. Sie vermuten, dass dieses vermeintlich rückständige Land noch immer gefährlich und schwierig zu bereisen ist und gruseln sich vor Ostblock-Flair mit Ladenbaracken, Plattenbauten, tristen Hausfassaden, Kohlgeruch und Kohlebrand in der Luft. Und wird man nicht gerade als Deutscher dort noch immer misstrauisch beäugt und schlimmstenfalls bestohlen?

Die demokratische Wahl einer Regierung, die Ressentiments gegen Deutsche schürt und demokratische Institutionen kappt, scheint zu bestätigen, dass eine Mehrheit der Polen noch immer rückwärtsgewandt denkt. Doch wir sehen auch Bilder, auf denen Hunderttausende mit Wut und Witz auf schönen Plätzen den Nationalisten die Stirn bieten. Was für ein spannendes Land, denkt man sich da.

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Bei einer Wohnmobilreise durch Polen kippen die Vorurteile

Polen weckt noch immer unschöne Assoziationen, die wir bitte alle über Bord werfen: Arm, schmutzig, unfreundliche Menschen, gefährlich, rückständig. Das Land hat in den letzten Jahren einen riesigen Sprung nach vorne gemacht und ist eine tolle Alternative zum Urlaub im Süden. Wir haben das Land mit dem Wohmobil erkundet, eine Rundreise, die auch mit dem Zelt oder in günstigen Quartieren ganz einfach mögich ist.


Wir wollten diese Nachbarn kennenlernen und sind als Familie knapp drei Wochen mit dem Wohnmobil zu ihnen gereist, übernachteten oft frei in Städten, an Schlössern, Seen, Stränden und Häfen - näher kann man Land und Leuten kaum kommen.

Diese Reise kann jeder dank vieler Campingplätze mit dem Zelt oder in den häufig dort angebotenen Häuschen, in Pensionen und Hotels leicht nachmachen. Selbst zur Hauptsaison sollte man überall ein Quartier bekommen.

Es war auch eine Reise zu den eigenen Wurzeln, denn wir wollten wissen, wie es heute ausschaut in Lomnitz, wo 1943 die Mutter im damals noch deutschen Niederschlesien geboren wurde. Solche Familiengeschichten gibt es viele in Deutschland. Die Zeit war reif für eine Spurensuche.

Heute heißt das Örtchen und der Startpunkt der Reise Łomnica, es liegt nur 70 Kilometer hinter der deutschen Grenze im Tal der Schlösser bei Hirschberg (Jelenia Góra) am Fuß des Riesengebirges. Dessen höchster Berg Schneekoppe, den sich Polen mit Tschechien teilt, ist 1603 Meter hoch.

Eine Nacht mit dem Wohnmobil im Hof vor Schloss Lomnitz in Niederschlesien. © Matthias Niese


Zu seinen Füßen hatte sich der preußische Adel Sommerresidenzen in die schöne Landschaft gestellt. Viele davon waren in der Nachkriegszeit verfallen und wurden nach der Wende wachgeküsst, sie sind heute Hotels mit altem Charme, von Deutschen wie Polen gut besucht. Dort entspannen die Gäste, fahren Rad, wandern und können im Winter sogar Skifahren. Die Gegend zählt inzwischen zu den Top-Touristenregionen des Landes.

Über die Städte Breslau (Wroclaw) und Krakau (Krakow) mit dem nahen Salzbergwerk und Unesco-Weltkulturerbe Wieliczka, in dem riesige Kathedralen in den Salzstock geschlagen wurden, fuhren wir quer durchs Land gen Norden nach Danzig (Gdansk) an die Ostsee. Von dort reisten wir in Etappen von Badeort zu Badeort, von weiten Stränden und riesigen Wanderdünen gen Südwesten zurück. Wir haben dabei so viel gesehen und erlebt, dass so manches Polen-Klischee über Bord geworfen oder zumindest relativiert werden muss:

Polen hat noch Ostblock-Ambiente?
Vor 21 Jahren bei einem Kurztrip nach Schlesien schien die Uhr dort stehen geblieben zu sein. Löchrige Straßen, die Fassaden grau und mit abfallendem Putz, die Zäune rostig und schief, viele Häuser, in denen einst Deutsche wohnten, standen leer, kaum Blumen, kaum Gehwege. Da waren die neuen Bundesländer schon viel weiter. Doch Polen musste sich erst aus eigenen Mitteln, später mit Hilfe der EU aufhübschen. Es gelang.
Beispiel Lomnitz: Der Ort hat nun gepflasterte Gehwege, unzählige Häuser wurden saniert, die Vorgärten sind gepflegt, überall blühen Blumen. In Neubaugebieten entstehen Häuser, wie sie auch bei uns gebaut werden. In jedem noch so kleinen Dorf gibt es mindestens einen Tante-Emma-Laden. Die Wahrheit ist aber auch, dass viele Dörfer in anderen Regionen von Armut und Landflucht gezeichnet sind. In den Vororten der Städte stehen noch Plattenbauten, doch die Zentren wurden meist liebevoll saniert.
Metropolen wie Breslau, Danzig und vor allem Krakau spielen als Touristenmagnete mit moderner Infrastruktur in der selben Liga wie Prag oder Florenz. Und wenn die Polen etwas bauen, dann machen sie es heute gleich richtig schick und gut.

Kinder haben ihren Spaß an einer Wasserdüse vor dem Rathaus von Breslau. © Matthias Niese


Die Infrastruktur ist rückständig?
In Polen wird überall gebaut. Die Straßen haben sich verbessert, die wichtigsten Städte sind durch Autobahnen (teils kostenpflichtig, aber billig) oder Schnellstraßen verbunden. Die Polen haben moderne Autos, allerdings ist der Fahrstil oft ruppig. Auf dem Land stehen viele Alleen, durch die buckelige oder neue Straßen führen. In den Städten sind moderne Busse und Straßenbahnen unterwegs - Tickets für rund 50 Cent pro Fahrt gibt es per Kreditkarte am Automaten in der Bahn. Selbst in Eisdielen kann man mit Kreditkarte zahlen. Bargeld holen Sie sich mit EC-Karte am Automaten. Achtung, immer den Betrag in Zloty wählen, sonst kommt ein saftiger Aufschlag dazu. In jedem größeren Ort gibt es Tankstellen mit Shops, Städte haben meist Tourismusbüros, die bei Fragen weiterhelfen.

Polen ist schmutzig?
Es fällt auf: Das Land ist mindestens so sauber wie Deutschland, Städte und Grünanlagen sind noch sauberer. Hier wirft kaum jemand seinen Abfall im Vorübergehen einfach weg.

In Polen wird geklaut?
Polen hat solche wirtschaftlichen Fortschritte gemacht, dass sich eine wohlhabende Mittelschicht gebildet hat. Wir haben unser Wohnmobil auf unbewachten Parkplätzen gut gesichert und keine Wertsachen darin gelassen - wie wir es überall machen würden. Auf der Reise fühlten wir uns sicher, nichts ist passiert. Einmal wurde zum Beispiel das Wechselgeld aus einer Bäckerei hinterhergetragen.

Typisch in Polen sind die einen halben Meter langen Baguettes, lecker individuell belegt und nur knapp drei Euro teuer. © Matthias Niese


Das Essen ist deftig und eintönig?
Polnisches Essen ist lecker, abwechslungsreich und so günstig, dass wir fast nie selbst gekocht haben. Es wäre zu schade gewesen, Piroggen (mit Pilzen, Kraut, Fleisch, Kartoffeln oder Käse gefüllte Nudelteigtaschen), Gulasch mit Kartoffelpuffern, mit Käse gefüllte und panierte Hähnchenrouladen mit Kartoffelbrei und Krautsalat, den frischen Fisch der Ostsee oder eine der vielen Suppen mit Schmand, Rote Beete und Ei nicht kennenzulernen. Eine Familie zahlt selten mehr als 25 Euro - inklusive Getränke. Noch billiger sind die unzähligen Imbissstände. Danach schleckten alle ein leckeres Lody (Eis), das auch mit frischen Früchten in fast jedem Ortskern serviert wird - Polen ist Eis- und Waffel-Land!

Es gibt in Polen kein gutes Bier?
Bier von Braukonzernen kann dort genauso fad sein wie bei uns, doch Polen hat eine lebendige Kleinbrauerszene, die ihre kreativen Biere in fast jedem Supermarkt verkauft. Eine Flasche kostet dort nur gut einen Euro, ein Massenbier die Hälfte, in der Kneipe zahlt man unter zwei Euro.

Das Wetter ist schlecht?
In den ersten beiden Wochen im August hatten wir nur schönes Wetter. Im Süden war es richtig heiß, an der Ostsee leicht bewölkt bei etwa 22 Grad. Dann regnete es mal zwei Tage. Die Ostsee wird im Sommer 21 Grad warm, die unzähligen Badeseen sind deutlich wärmer.

Polen mögen die Deutschen nicht?
Auf der Reise ist uns kein einziges Mal ein Pole mit offensichtlichen Ressentiments begegnet. Alte wie junge Polen waren freundlich und neugierig, man sprach mit uns Deutsch, Englisch oder mit Händen und Füßen. Gerade Familien mit Kindern gegenüber ist man äußerst hilfsbereit.

Mehr Informationen:
Polnisches Fremdenverkehrsamt, www.polen.travel/de

  

Matthias Niese Magazin am Wochenende / Gute REISE E-Mail

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