17°

Samstag, 22.09.2018

|

zum Thema

Risse und Löcher im Paradies: Hawai‘i und seine Vulkane

Auf der größten Insel des Archipels bricht die Erde auf – und bietet tiefe Einblicke in ihr Innerstes - 25.07.2018 06:00 Uhr

Dieses Videostandbild zeigt Lava, das über eine Straße strömt. Seit 4. Mai 2018 baut der Vulkan Kilauea Hawai‘i Island um. © Byron Matthews/AP/dpa


Ehiku hatte so ein Gefühl. Pele ist unruhig, sagte der junge Hawai´ianer Mitte April, als er wiedermal eine Gruppe deutscher Touristen beim Entdecken des rund 1350 Quadratkilometer großen Volcanoes-Nationalpark auf der Hauptinsel des Archipels begleitete. Pele, das ist in der Hawai´ianischen Mythologie die Vulkangöttin. Sie wohnt im Gipfelkrater des 1219 Meter hohen Kilauea, der zu den aktivsten Vulkanen der Erde gehört. Und der zusammen mit vier weiteren Vulkanen Hawai´i Island bildet.

Die gesamte Inselgruppe Hawai‘i ist aufgrund eines Hot Spots entstanden – eines Lochs in der Erdkruste, das heiße Magma aus dem Erdinneren nach oben durchgeschmolzen hat. Daher lassen sich hier hautnah Phänomene beobachten, die sich sonst unter der Erdkruste verbergen. Die Inselgruppe ist außerdem Teil des Pazifischen Feuerrings, der sich über 40.000 Kilometer am Rand der Pazifischen Platte entlang zieht und der durch die Kontinentalverschiebung entstanden ist.

Bilderstrecke zum Thema

Lava, Risse und Beben: Vulkanausbruch auf Hawai‘i

Nach dem Ausbruch des Vulkans Kilauea auf Hawai‘i Island erreichen uns immer wieder spektakuläre Bilder aus dem US-Bundesstaat.


Wie sehr Ehiku mit seiner Vorahnung Recht hatte, zeigte sich wenige Tage später: Der Kilauea brach aus. Die Eruption begann nach Angaben von USGS, der Erdbebenwarte der USA, am 30. April. Zu sehen und zu spüren war das noch kaum. Denn der Kilauea gehört zu den Schildvulkanen. Das bedeutet, er lässt seine Lava eher selten durch den Krater in die Höhe schießen und wirft auch kaum mit Gesteinsbrocken. Die Lava quillt vielmehr aus Rissen, die sich an den Flanken des Vulkans auftun – und zwar teilweise in 20 bis 30 Kilometern Entfernung vom Krater.

Die Hawai‘ianer sind das von dem etwa 300.000 Jahre alten – und damit sehr jungen – Kilauea gewohnt. Er verändert die Insel, die umgangssprachlich auch Big Island genannt wird, mit seiner langsam fließenden Lava eigentlich unentwegt; mal mehr, mal weniger. Davon, wie die rotglühende Flüssigkeit in den Pazifik sickert, existieren zahlreiche Fotos und Videos von Touristen. Dokumente eines meistens ungefährlichen Naturereignisses.

Dieses Mal aber blieb es nicht dabei. Der Vulkan beförderte aus seinen Tiefen, die bis 3700 Meter unter den Meeresspiegel reichen, einen besonders großen Schwall Magma. In der Folge begann am 4. Mai die Erde zu beben. Im Abstand von nur einer Stunde kam es zu zwei Erdstößen der Stärke 5,4 und 6,9 – und damit zu den heftigsten dort seit 1975. Sie erschütterten die komplette Inselgruppe und destabilisierten die Flanken des Kilauea. Immer mehr und immer größere Risse durchzogen den Südosten von Big Island. Die austretende Lava blockierte Straßen, zerstörte Häuser.

Vorhersage unmöglich

Anstatt sich zu beruhigen, wurde der Vulkan zunehmend aktiver. Es folgten weit über 1000 Nachbeben. Von Rauch begleitete Lavaströme breiten sich seitdem ständig weiter aus. Und an den Stellen, an denen sie sich ins Meer ergießen, ist es mittlerweile richtig gefährlich geworden. Denn die dabei aufsteigenden Dampfwolken – die Laze genannt werden – enthalten nicht nur eine hohe Schwefelgaskonzentration, sondern auch kleine Glaspartikel. Diese bilden sich, wenn die heiße Lava auf das salzhaltige Meerwasser trifft. Die Dämpfe sind hochexplosiv und beim Einatmen ätzend. 

Eine Vorhersage, wie sich die Lage weiter entwickelt, ist  nicht möglich, erklärt Professor Joachim Wassermann vom Geophysikalischen Observatorium der Universität München im Mai. "Wenn ich das tun könnte, hätte ich schon längst ein Haus auf Hawai‘i", sagt der Seismologe. 

Allerdings sind am anderen Ende des pazifischen Feuerrings, auf der indonesischen Insel Java, ebenfalls einige Vulkane aufgewacht. Am 11. Mai zum Beispiel brach der Mount Merapi aus, spuckte eine Aschewolke mehr als einen Kilometer hoch in die Luft. Und am Ijen war es laut dem Tübinger Frühwarndienst A3M bereits Ende März zu einer Eruption von Schwefelgas gekommen, 30 Menschen mussten ärztlich behandelt werden.

Ende Juli gab es ein schweres Erdbeben auf der indonesischen
Urlaubsinsel Lombok, einer Nachbarinsel von Bali. Rettungskräfte mussten mehr als 500 Ausflügler von dem aktiven Vulkan Rinjani holen und in Sicherheit bringen. Darunter waren annähernd 200 Touristen aus dem Ausland, auch einige Deutsche. 
Durch das Beben waren tonnenweise Geröll und Schlamm an
dem Vulkan niedergegangen. Die Erdrutsche versperrten den Wanderern
den Weg nach unten.

Der mehr als 3700 Meter hohe Rinjani ist ein beliebtes Ausflugsziel
für Urlauber aus aller Welt. Viele Reiseveranstalter bieten
Klettertouren an. Bei dem Beben kamen mindestens 16 Menschen ums Leben. Zudem gab es mehr als 350 Verletzte.

A3M wurde nach dem verheerenden Tsunami 2004 im Indischen Ozean vor der Küsten Thailands gegründet. Damals, so erklärt Geschäftsführer Marcel Brandt, gab es zwar Wissen, mit denen vor der Katastrophe hätten gewarnt werden können. "Es gab aber keinen Weg, auf dem diese Informationen die Menschen erreichen konnten." Mittlerweile jedoch lassen sich per App Informationen über die weltweiten Vulkanaktivitäten, aber auch über andere Wetter- und Naturphänomene abrufen. A3M wertet dafür die Veröffentlichungen wissenschaftlicher Beobachtungseinrichtungen aus, wie etwa die der USGS.

Für Hawai‘i Island gilt derzeit eine hohe Alarmstufe, die vom US Geological Survey (USGS) festgelegt wird. Es kann zu Beeinträchtigungen und Unterbrechungen im Reise- und Flugverkehr kommen. Touristen sollten sich daher über die Medien ständig auf dem Laufenden halten und engen Kontakt mit ihrem Reiseveranstalter halten. Der Volcanoes-Nationalpark ist geschlossen. Wer ihn besuchen will, muss warten, bis Peles Unruhephase beendet ist.

Und die könnte sich nach Schätzungen von US-Geologen noch Monate oder Jahre hinziehen. Wenn die Eruptionsstärke gleich bleibe, könnte es Monate oder bis zu zwei Jahre dauern bis es ein Abflauen gebe, erklärten sie Mitte Juli. Die Lava fließe aus dem gleichen Bereich wie bei ähnlichen Ausbrüchen in 1840, 1955 und 1960. Im Jahr 1955 hatte es die bisher längste Eruption gegeben. Sie dauerte 88 Tage.  

Gudrun Bayer

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Reise