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Smartphone in den Ferien bringt Kummer und Segen

Das mobile Internet erleichtert das Reisen, bringt uns aber auch ums Abenteuer - 27.07.2017 09:13 Uhr

Bitte nicht nachmachen! Aus Frust könnte man manchmal das Telefon einfach ins Wasser werfen. © colourbox.de


Sicher erinnern Sie sich noch an Ihr altes Leben. An eine Zeit vor dem mobilen Internet, also vor fünf bis zehn Jahren. Da hatten Sie auf Reisen plötzlich das Gefühl, dass es Sie keine Anstrengung mehr kostet, nichts zu tun. Sie waren nicht nur räumlich, sondern auch gedanklich fort vom Alltag. Der kroch allmählich aus Ihrem Koffer und suchte ebenfalls das Weite.

Nun hatten Sie den Idealzustand des erholsamen Reisens erreicht. Sie standen womöglich an einem Strand mit der Sonne auf und legten sich mit ihr schlafen. Sie schauten nicht mehr auf die Uhr und hatten kein Bedürfnis, noch irgendetwas zu tun. Sie waren weg. Können Sie heute noch alles hinter sich lassen?

Wahrscheinlich nicht. Mit der permanenten Internetverbindung ist der Mensch ein Stück weit degeneriert. „Freies WLAN überall ist mittlerweile das Nonplusultra, ein handfestes Bedürfnis der Gäste“, konstatiert Renate Freericks vom Bremer Institut für Tourismuswirtschaft und Freizeitforschung. Beobachten Sie sich selbst: Nervös suchen Sie nach dem nächsten Hotspot, ständig ziehen Sie das Telefon aus der Tasche. Es ist wie eine Sucht. Wir können nicht mehr abschalten — ganz egal, wo wir sind. Die Flucht vor dem Alltag endet im Alltag.

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App auf die Reise: Praktische Begleiter für unterwegs

Die Zahl nützlicher und unnützer Apps für Ihr Smartphone ist schier unendlich. Das gilt auch für das Thema Reisen. Daher schlagen wir eine Schneise in den Dschungel der Anwendungen und stellen Ihnen Apps vor, die wir für empfehlenswert halten.


Doktrin der großen Internetkonzerne ist ja auch nicht die Entschleunigung, sondern die Beschleunigung unseres Lebens, der stete Konsum. Selbst die Urlaubsorte und die Reiseveranstalter haben Apps entwickelt, mit denen sie uns jederzeit erreichen und Angebote machen. Sie haben uns abgewöhnt, dass wir auch mal mit uns selbst zufrieden sind, ohne ständig auf einem Display herumzuwischen. Wir haben uns darauf eingelassen und müssen nun, bewusst oder unbewusst, einen Preis dafür bezahlen.

Wer früher mit dem Rucksack durch die Welt tingelte, saß abends in seiner Backpacker-Unterkunft mit Gleichgesinnten beim Bier oder sang mit ihnen am Lagerfeuer Lieder aus aller Welt. Man hat gemeinsam gelacht, geredet und sich aufeinander eingelassen, erlebte unwiederbringliche Abende. Um die Jahrtausendwende standen dann die ersten Internetrechner in Hostels und Internetcafés und viele Reisende starrten nur noch auf Bildschirme. Seit sie das Internet in der Hosentasche tragen, sitzen sie noch nicht einmal mehr gemeinsam im selben Raum. Handy und Laptop haben uns das Miteinander geraubt, den Austausch der Kulturen, das einzigartige Erlebnis.

Die Qualität der Internetverbindung im Quartier ist uns inzwischen wichtiger als dessen Lage. Dort schalten wir dann nicht ab, sondern ein, checken Nachrichten aus der Heimat, posten in sozialen Medien Fotos und Impressionen. Dabei haben wir den Inhalt nur noch nebenbei gewonnen, denn weil wir schon beim leichtesten Anflug von Langeweile aufs Display schauen, ist ein großes Stück Realität an uns vorübergezogen. Körperlich sind wir in der Fremde, emotional in der Heimat. Der Austausch mit Freunden und der Familie ist uns wichtiger als der Kontakt zu Einheimischen.

Wir verpassen die besten Geschichten

Dabei geht uns der größte Reiz des Reisens verloren: das Abenteuer. Wissen wir vorher schon, wo wir einchecken, landen wir nicht mehr zufällig im besonders netten Guesthouse und treffen interessante Menschen. Gehen wir nicht mehr raus, verpassen wir die besten Geschichten. Einerseits.

Andererseits haben das mobile Internet und die Erfindung des Smartphones gerade Reisenden unzählige Erleichterungen gebracht. Wir müssen zum Beispiel nicht mehr mit einem Koffer stundenlang durch eine Ortschaft laufen, um in irgendeiner Absteige noch ein Zimmer zu finden. Das Netz erspart uns, dass wir tagelang Urlaubskataloge durchblättern, um dann auf den Wahrheitsgehalt von Werbebotschaften zu vertrauen. Wir picken uns heute bei Bewertungsportalen wie tripadvisor oder Foursquare das von den Kunden am besten benotete Quartier oder Restaurant heraus, buchen in Sekunden und verbringen unsere wertvolle Zeit nicht bei Abzockern, sondern bestenfalls bei netten Leuten und gutem Essen. Das Reisen wird sicherer und effektiver und die Informationen sind viel aktueller als im dicksten Reisebuch.

Dumm nur, wenn alle diesen Tipps folgen und sich vor Ort um die wenigen Zimmer oder Tische balgen. „Mainstream-Falle“ nennen das Experten. „Das Internet und die Bewertungsportale haben die touristischen Attraktionen verändert“, sagt der Tourismusforscher Florian Bauhuber von der Universität Eichstätt-Ingolstadt. Tausende Hobbykritiker geben im Netz Insidertipps weiter, und so steht etwa der Berliner Fernsehturm im Ranking weit hinter „Mustafa’s Gemüse Kebap“, vor dem sich am Kreuzberger Mehringdamm tagein, tagaus hunderte Touristen stundenlang die Beine in den Bauch stehen, nur weil der unscheinbare Laden super Bewertungen bekommen hat. Klassische Sehenswürdigkeiten verlieren an Zuspruch, Touristenfallen müssen schließen, gute Angebote überleben.

Auch im Urlaub nicht mehr wegzudenken: Ein Smartphone voller nützlicher Apps. © iStock


Das Internet hilft uns in der Not auch aus der Patsche, wenn uns etwa wirklich niemand mehr versteht. Dann sprechen wir unsere Frage nach dem Weg auf Deutsch ins Smartphone, eine Übersetzungs-App schreibt sie zum Beispiel auf Chinesisch oder liest sie vor und übersetzt die Antwort zurück ins Deutsche. Wir können natürlich auch gleich Apps wie Rome2rio oder MapsMe nach dem besten Weg von A nach B fragen und landen unterwegs vielleicht bei einem begnadeten Koch in Marokko, der nur dank des Internets überhaupt Gäste für sein kleines Restaurant gewinnen konnte – das Netz schafft auch den Ärmsten die Chance auf eine Existenz — und sei es, weil sie über Airbnb, 9flats oder Wimdu ein Bett in ihrer Hütte vermieten. Auf diesen Plattformen bieten meist Privatleute ein Zimmer oder gar ihr ganzes Haus an, die Reisenden schlafen bei Einheimischen und erleben lokales Flair.

Doch viele Menschen wollen das gar nicht, sie fühlen sich in der Fremde nur wohl, wenn sie dort auf Heimat treffen, wenn sie etwa an der Playa de Palma ein Schnitzel essen. Nun nehmen sie dankbar die maximale Portion Zuhause in ihrem Smartphone mit. Das erleichtert ihnen die Kommunikation ungemein, während sie früher umständlich ausländische Münzen sammeln mussten, um von einer schmuddeligen Telefonzelle nach Hause zu telefonieren. „Besonders jüngere Menschen wollen diese Nabelschnur. Sie fühlen sich dadurch nicht beeinträchtigt“, sagt Peter Zellmann vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien. Zum Glück gibt es einen goldenen Mittelweg, auf dem uns das Handy in der Ferne gut begleitet.

Das Handy nur einmal am Tag einschalten

Digital detox, das digitale Entgiften, empfiehlt sich als Reisemedizin. Immer mehr Hotels haben dieses Bedürfnis gestresster Menschen erkannt und fordern sie auf, ihr Handy an der Rezeption abzugeben. Dabei können wir die Dosis selbst wählen. Der drastischste Weg wäre, Laptop oder Handy einfach daheim zu lassen. Früher sind wir ja auch ohne zurechtgekommen, haben Karten aufgefaltet, statt auf Google Maps getippt, waren nicht angeschmiert, wenn der Akku leer war.

Wer es ausprobiert hat, ist begeistert: In Internetforen berichten unzählige Reisende, sie hätten den Urlaub wieder besonders intensiv erlebt und die Geräte nach ein paar Tagen keine Sekunde mehr vermisst. Wer beruflich oder aus anderen Gründen erreichbar sein muss, sollte trotzdem abschalten. Kaum eine Nachricht ist so wichtig, als dass man sie nicht auch erst am Abend lesen kann. Dann schaltet man konsequent das Smartphone nur eine Viertelstunde ein. Den Rest des Tages bleibt es auf dem Nachtschrank oder tief im Koffer vergraben.

Und wenn die Nachbarn und Freunde nicht schon alle Fotos von der Reise gesehen haben, erzählt man ihnen davon umso begeisterter nach der Rückkehr. Von Angesicht zu Angesicht. 

Matthias Niese Magazin am Wochenende / Gute REISE E-Mail

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