Mittwoch, 16.01.2019

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Steiler Geheimtrip im Ski Juwel

Eine versteckte Rodelbahn endet in einem zauberhaften Bergdorf der Wildschönau - 10.01.2019 11:32 Uhr

Am Schatzberggipfel haben diese beiden Winterurlauberinnen viel Spaß im Schnee. © Matthias Niese


Wer aber seinen Schlitten mitbringt oder an der Talstation in Auffach mietet und ihn mit der Gondel hinaufnimmt bis zur Bergstation der Schatzbergbahn, oben ein Stück den Pistenrand hinabrodelt, links abbiegt und den Schlepplift zum Thaler Kogel kreuzt, saust hinein in eine zauberhafte, stille Winterwunderwelt mitten im Verbund Ski Juwel.

Die erfüllt so ziemlich alle schneeweißen Alpenklischees und nimmt zudem noch ein glückliches Ende. Nirgends, weder in Prospekten noch auf Schildern, wird von dieser Tour geschrieben. Diesen Tipp verraten einem nur die Wildschönauer.

Erst einmal müssen die Rodler aber auf dem ersten Abschnitt heftig den Schlitten an den Hörnern packen, dass die Kufen hinten nur so in die Piste beißen. Steil geht’s hinab, der Rodel rennt wie Sau. Einer von uns schmeißt sich sogar in voller Fahrt ab, um nicht im Schuss am Baum zu enden oder geradewegs mitten in die Piste zu gleiten. Auf dem Hintern und mit den Hacken im Schnee bekommt er gerade noch die Kurve nach links auf die Skiroute

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Pistenspaß in der Wildschönau: Überschaubar und nah

Die Tiroler Wildschönau ist in nur drei Stunden ab Nürnberg erreicht. Viele Franken kennen sie noch aus ihrer Schulzeit, denn hier machen einige Schulen ihre Skikurse. Sie ist überschaubar und am Boden geblieben, darum zieht die Region so viele Fahranfänger, Familien und Genussfahrer an. Im Verbund Ski Juwel können sie auch abseits der Piste tolle Geheimtipps entdecken.


Die führt nun in Serpentinen über fünfeinhalb Kilometer hinab nach Thierbach. Kurve um Kurve liefern wir uns ein Rennen durch dichten Tannenwald, bis sich weiter unten der Blick nach rechts öffnet auf das tief eingeschneite Dörfchen mit seiner Kirche und ein paar Tiroler Höfen drumherum.

Es liegt in einem Talkessel, erreichbar nur über ein schmales Sträßchen von Auffach aus. Die Rodelbahn endet am Kirchhof, dahinter liegt ein Wirtshaus. Wir ziehen unsere Schlitten die paar Meter bis zum Sollerer Wirt, wo es durch eine schwere Holztüre in die urige Tiroler Wirtsstube geht.

Die ist noch weitestgehend so erhalten, wie sie 1670 erbaut wurde. Drei Holztische stehen im Raum, im Herrgottswinkel prangt das Kreuz, und unsere feuchten Skijacken hängen wir zum Trocknen an die Holzlatten vor dem Kachelofen. An einem zünftigeren Ort kann man eine rasante Schlittenfahrt in den Alpen nicht beenden.

Voller Stolz das Schlimmste verhindert

Karin Moser bringt Zillertaler Hefeweizen, Tiroler Gröstl und zur Verdauung einen Krautinger. Dieser Schnaps wird aus weiß-roten Rüben gebrannt und schmeckt besser, als er riecht. Karin ist hier die Wirtin in x-ter Generation und erzählt vom Stolz der 120 Thierbacher und wie sie verhindert haben, dass die Gemeinde in ihrem Dorf ein Baugebiet ausschrieb.

"Das hätte das idyllische Ortsbild zerstört, den Charakter des Dorfs verändert", sagt sie. Vier große Höfe teilen sich das verfügbare Land, alle vier Bauern waren sich einig, kein Stück davon zu verkaufen. "Es darf halt auch künftig keiner ausscheren", hofft sie.

Die Schlittenpiloten stärken sich in der gemütlichen Stube beim Sollerer Wirt. © Matthias Niese


Rebellisch waren sie hier schon immer, einige der berühmtesten Freiheitskämpfer des Tiroler Befreiungskriegs gegen die Bayern von 1809 stammen aus der Wildschönau, unverhältnismäßig viele aus Thierbach. Und so sind sie sich sicher, dass es kein Investor je schaffen wird, das Ortsbild mit großen Hotels und Ferienanlagen zu verschandeln.

Nur in Privatzimmern und in den Zimmern dreier Gasthöfe wohnt man direkt im Ort, muss sich dann aber manchmal mit Etagendusche begnügen. Viele Stammgäste, ein paar Familien und vor allem Tourengeher schätzen das urige Ambiente. Denn in Thierbach sind sie weit weg vom austauschbaren Tourismus großer Skiorte, kommen aber immerhin dreimal am Tag mit dem Skibus nach Auffach, wo die Schatzbergbahn in den Verbund Ski Juwel führt (siehe unten).

Wir Rodler nehmen den letzten Bus um viertel nach fünf und ein paar schöne Erinnerungen an ein ganz stilles Wintererlebnis mit hinab ins Tal.

Abwechslungsreich und bodenständig - der Verbund Ski Juwel

Die Gipfelbahn und die Hütte Gipföhit am Schatzberg. © Matthias Niese


Die Tiroler Wildschönau ist sanft und am Boden geblieben, überfordert niemanden mit allzu steilen Hängen, verwirrend vielen Liften, Schwarzen Pisten, überhöhten Preisen, Menschenmassen oder wummernden Après-Ski-Pavillons. Sie ist ein Familienskigebiet, das wegen seiner Topografie auch von Tourengehern geschätzt wird. Und sie ist vielen von uns eine alte Bekannte.

Schulen aus Nürnberg und der Metropolregion fahren seit Jahrzehnten in knapp drei Stunden mit Bussen voller Siebt-, Acht- oder Neuntklässler in die Wildschönau, dieses Seitental des Inntals — die meisten kratzen und kratzten dort ihren ersten Pflugschwung in den Schnee.

Sie ist sanft und am Boden geblieben, überfordert niemanden mit allzu steilen Hängen, verwirrend vielen Liften, Schwarzen Pisten, überhöhten Preisen, Menschenmassen oder wummernden Après-Ski-Pavillons. Sie ist ein Familienskigebiet, das wegen seiner Topografie auch von Tourengehern geschätzt wird.

Im Verbund mit dem Alpbachtal

Für sich genommen würde die Wildschönau zu den kleinen Wintersportgebieten zählen. Manchen war das zu wenig Auswahl, darum hat sich die Wildschönau 2013 mit dem benachbarten Alpbachtal zusammengeschlossen, das ist seitdem bequem via Schaukel erreichbar.

Beide Täler mit ihren vier unterschiedlichen Skibergen Schatzberg, Markbachjoch, Wiedersbergerhorn (mit 2025 Metern der höchste) und Reither Kogel profitieren von der Partnerschaft und firmieren seitdem unter dem Namen "Ski Juwel". Der will mit diesen Fakten brillieren: 109 Kilometer Piste (90 Prozent davon beschneit), 45 Lifte, 25 bewirtete Skihütten, kostenloses W-Lan im gesamten Skigebiet, kostenlose Skibusse.

Flockige Winterfreude auf der Rodelbahn in der Wildschönau. © Matthias Niese


Um gegen die großen Tiroler Nachbarn mit ihren teils gewaltigen Kapazitäten bestehen zu können, schafft jede Gondel der 2017/18 neu eröffneten Wildschönauer Schatzbergbahn nun acht statt früher vier Skifahrer in 13 Minuten auf den 1900 Meter hohen Berg – ärgerlich lange Wartezeiten von über einer Stunde sind damit vorbei.

Als Skigebiet mittlerer Größe betreibt der Ski Juwel mehrere teils beleuchtete Rodelbahnen, mit dem Lauser Sauser eine Achterbahn mit Bob-Autos, ein Kinderland und zwei Snowparks.

Wer dann noch den Speedcheck machen möchte, schießt am Wiedersbergerhorn ein Erinnerungsfoto mit Geschwindigkeitswert.

Mehr Informationen:
Aktuell (12.1.2019) herrscht trotz Schneemassen in der Wildschönau normaler Skibetrieb, die Region ist gut erreichbar.
Die Rodelbahn nach Thierbach ist gerade gesperrt. Bitte informieren Sie sich über die aktuelle Lage bei  Wildschönau Tourismus, http://www.wildschoenau.com, der diese Reise unterstützt hat. 

Matthias Niese Magazin am Wochenende / Gute REISE E-Mail

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