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Wien schindet mit einer schönen Leich Eindruck

Die Stadt liebt makabre Traditionen, Beerdigungen und schwarzen Humor - 03.11.2018 07:45 Uhr

Ein Schädel in der Kapuzinergruft trägt eine Replik der deutschen Reichskrone. Das Original war lange in Nürnberg. © Wien Tourismus.


"Es wird a Wein sein und mir wer'n nimmer sein", heißt es in einem bekannten Trinklied. Noch finsterer ist hier nur der schwarze Humor, wie er von Georg Kreisler perfektioniert wurde, der sich nicht nur im Chanson "Der Tod, das muss ein Wiener sein" mit der makabren Seite seiner Geburtsstadt beschäftigte.

Die urplötzlich aufscheinenden, dunklen Gesichter des alten Wien waren auch bei einem der berühmtesten Streifen der Kinogeschichte zu sehen, in der schaurigen Atmosphäre des Film "Der dritte Mann". An manchen dunklen Ecken scheint sich Wien seit den Dreharbeiten 1948 wenig verändert zu haben.

Die Stadt hat auch heute noch ein paar Leichen im Keller, und man kann sie sogar besichtigen. Denn obwohl der innerstädtische Friedhof um den Stephansdom 1732 geschlossen worden war, konnten sich die Angehörigen der besseren Kreise noch bis 1783 weiterhin direkt unter den Gotteshäusern bestatten lassen. Dafür wurden nach und nach mehrstöckige Gruften angelegt, in denen wohl um die 100 000 Tote liegen.

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Die Gruft unter der Michaelerkirche ist noch genau so erhalten. Bei der Führung in kleiner Gruppe geht es eine steile Treppe hinunter und mit schauriger Taschenlampenbeleuchtung durch kleine Kellergewölbe mit niedrigen Türdurchgängen. "Hier stellen sie die Totenschreyn in allertiefste Gewölb hin wie Truhen, so man im Keller verbirgt mit köstlichem Schatz", schrieb der Nürnberger Reisende Jakob Beyerle 1713.

Durch den lange Zeit niedrigen Grundwasserspiegel war es in manchen Gruften so trocken, dass die Leichen mumifizierten. In einigen Gängen lehnen noch kleine Bretter an der Wand, wie viele der Särge in schönster barocker Bauernmalerei bunt verziert – nur dass auch Totenschädel zu den Motiven zählen. Die Besucher werden gebeten, sich auf dem unterirdischen Friedhof respektvoll zu verhalten. Dennoch sehen sie einige Mumien und halb eingefallene Särge, in denen im Halbdunkel Skelette erkennbar sind. Ein großes Gewölbe mit dutzenden Särgen ist das Beinhaus, in dem die Knochen früherer "Generationen" von Verstorbenen liegen, die man teilweise auch im lehmigen Boden der Grüfte eingearbeitet hat.

Im Herzgrüfterl verwesen kaiserliche Organe

Makaber ging es in der Gruft unterm Stephansdom zu, nachdem sie im 19. Jahrhundert für Besucher geöffnet worden war und man die herumliegenden Mumien regelrecht vorführte. Hier sind auch viele Habsburger bestattet. Doch nicht nur dort.

Um den Machtanspruch der Dynastie zu unterstreichen, wurden etwa in der Herzogsgruft von St. Stephan die Organe der Habsburger in Kupfergefäßen beigesetzt, Die Herzen hingegen werden in kleinen Urnen in der Lorettokapelle der Augustinerkirche im "Herzgrüfterl" aufbewahrt. Dieser typisch wienerische Ausdruck zeigt, dass man schnell vom Tragischen ins Heitere gerät.

Auf dem Wiener Zentralfriedhof gehört Falcos Grab zu den am meisten besuchten. © David / dpa


Die Körper der Habsburger ruhen in prachtvollen Metallsärgen in der Gruft des Kapuzinerklosters, das eigens für diese ursprünglich winzige Familiengrablege gestiftet worden war, geschmückt mit Schwertern und anderen Zeichen der Macht und Totenköpfen als Symbolen der Eitelkeit und Vergänglichkeit.

In provokativer Schlichtheit steht der fast schmucklose Sarg des Reformkaisers Joseph II. neben dem überladenen Sarkophag seiner Mutter Maria Theresia. Auch für seine Untertanen, die sich – trotz kaiserlicher Ausnahmeregeln für Arme – kaum eine Beerdigung leisten konnten, hatte sich Joseph Erleichterungen wie den mehrfach verwendbaren Klappsarg mit Falltür ausgedacht. Viele Bürger orientierten sich lieber am pompösen Bestattungszeremoniell der Habsburger, zu dem eine riesige Prozession gehörte. Wenigstens eine Kutsche wünschten sich seitdem auch normalsterbliche Wiener für ihre Beerdigung. Denn ein beeindruckender Abgang, eine "schöne Leich", war die letzte Chance, Eindruck zu schinden und den gesellschaftlichen Status der Familie unter Beweis zu stellen.

Wiener Zentralfriedhof © Bwag / Wikimedia


Der 1874 vor der Stadt eröffnete riesige Zentralfriedhof war lange nicht repräsentativ genug, bis die Stadt verstorbene berühmte Bürger wie Beethoven dorthin in Ehrengräber umbettete. Heute ist die Anlage ein beliebtes Ausflugsziel, über das man sagt, er sei halb so groß wie Zürich, aber doppelt so lustig.

Romantischer ist der ältere St. Marxer Friedhof. Wo Mozart hier genau liegt, weiß niemand, weil die eigentliche Beerdigung ohne Angehörige stattfand und das Grab nicht markiert wurde. Einige Wege sind halb zugewachsen, manchmal auch die Skulpturen. Die Grabinschriften beweisen, dass das österreichische Titelbewusstsein früher noch ausgeprägter war – hier liegt etwa die "Rauchfangkehrermeisters-Gattin" neben der "Hausinhabers-Gattin". "In Wien musst' erst sterben, damit sie dich hochleben lassen", hat der Wiener Kabarettist Helmut Qualtinger einmal gesagt — "aber dann lebst lang."

Mehr Informationen:
Wien Tourismus, www.wien.info

  

Christoph Weymann

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