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Wo die Pariser ihre Stadt genießen

Tipps für einen Besuch der französischen Metropole abseits der üblichen Massentouristen-Ecken - 07.04.2018 08:00 Uhr

Nicht nur die Touristen, auch die Einheimischen lieben den Blick von oben auf Paris. © Pablo Porciuncula / afp


Dem Himmel nah

Wenn am Abend das Kaufhaus BHV im Marais-Viertel schließt, bildet sich am Hintereingang eine Schlange. Dann dürfen ihm die Pariser aufs Dach steigen. Der Aufzug saust in den 7. Stock, ein paar muffige Kaufhausgänge führen hinaus auf die Terrasse des "Le Perchoir". Eine Holzterrasse unter einem schützenden weißen Zeltdach, Olivenbäumchen, Holzhocker an niedrigen Tischen. Wer hier hochfindet, wird belohnt mit einem traumhaften Blick auf Paris.

Aliénor Bernardie hatte sich früh in der Schlange angestellt und direkt am Rand der Terrasse einen Platz ergattert. Sie blickt auf das angestrahlte Rathaus, das Hôtel de Ville, in der Ferne leuchtet der Eiffelturm. Die 30-jährige Pariserin ist mit ihrem Vater hier, weil sie ihm diese Aussicht zeigen will. "Wir Pariser lieben Rooftop-Bars", sagt sie. "Wir steigen nicht auf den Eiffelturm, weil wir die Touristenecken meiden." Trotzdem sehne sie sich nach dem Blick von oben auf ihre Stadt. "Paris ist außerdem so eng, so dicht bebaut, und hier oben habe ich das Gefühl, dass ich Platz habe."

Auch einige Hotels laden ein nach oben – etwa das Terrass"-Hotel auf dem Montmartre-Hügel. Einheimische und Hotelgäste teilen sich die Dachterrasse. "Ich freue mich jeden Tag über diesen Blick", sagt der Kellner, "auch wenn er ein bisschen morbide ist". Denn wer nicht in die Ferne blickt, sondern steil nach unten, der sieht direkt auf die Gräber des Friedhof Montmartre, wo Berühmtheiten wie Heinrich Heine oder Jacques Offenbach bestattet sind.

Info:

Le Perchoir auf dem BHV im Marais, Mi. bis Sa. 20.15 bis 1.30 Uhr, im Sommer jeden Abend geöffnet, Eingang hinter dem BHV in der 37, rue de la Verrerie.

https://leperchoir.tv

Dachterrasse des Terrass"-Hotel, 12-14, Rue Joseph de Maistre, geöffnet ab 15.30 Uhr bis 1 Uhr, an der Hotelrezeption wird Ihnen gezeigt, wo der Aufzug nach oben in die 7. Etage ist. Es gibt dort auch ein Restaurant – dafür muss man aber reservieren.

www.terrass-hotel.com

Die schönste Promenade

Langsam gleitet auf dem Bassin de la Villette ein Ausflugsboot vorbei. Boule-Kugeln klacken vor der "Bar Ourcq" – zwei Teams spielen gegeneinander. Leihen kann man sich die Kugeln für das Pétanque-Spiel gratis in der Bar. Ihr Besitzer Jérôme Naccache sitzt an einem Tisch und sichtet Rechnungen.

Beinahe 15 Jahre schon betreibt er die Bar, sie ist eine kleine Institution hier am Bassin im Nordosten von Paris. Naccache erinnert sich: Damals hatte diese Ecke die Pariser kaum interessiert. Erst als das beliebte Doppelkino MK2 an beiden Ufern erbaut wurde, lockte das die Leute hierher. "Heute haben wir hier den Ansturm der Bobos wie in den anderen Vierteln", sagt Naccache. Bobos, Bourgeois-bohème, so nennen die Franzosen die  alternativen Wohlstandsbürger.

Am Bassin de la Villette ist eine der schönsten Promenaden der Stadt, hier findet man Ruhe vor Autolärm und vor Touristen. Naccache mag das Flair. "Jungs aus den nördlichen Vorstädten, orthodoxe Juden, Obdachlose, Künstler, Bobos – sie alle kommen hierher." Im August veranstaltet die Stadt einen Ableger der Strand-Aktion "Paris Plages" hier am Wasser.

Ein paar Schritte weiter sitzen auf der Terrasse des "Pavillon des Canaux" zwei Frauen bei Kuchen und Tee. Aus dem früheren Kanalwärterhäuschen ist ein hübsches Café geworden, manchmal gibt es Kinderprogramm, Pilates und Workshops. Schüler ziehen aus dem Bootshaus nebenan Kanus und damit auf dem Wasser ihre Bahnen. Auf der Terrasse des Brauhaus "Paname Brewing Company" schauen ihnen Leute bei einem Nachmittagsbier zu.

Das Bassin lässt sich schön umrunden, vorbei an den zu Wohnhäusern umgebauten Lagerhallen auf die andere Uferseite – am besten über die letzte Hebebrücke von Paris in der Rue de Crimée. Dieser "pont levant" grenzt das Bassin ab vom Canal de l‘Ourcq, der hochführt zum Parc de la Villette mit seinen Konzerthallen, der bei Kindern beliebten Cité des Sciences et de l‘Industrie und der neuen Pariser Philharmonie. Erbaut wurde die Hebebrücke 1884 von demselben Betrieb, der die Fahrstühle des Eiffelturms installierte. Zirka 9000 Mal im Jahr hebt und senkt sich die Stahlbrücke, von einer Fußgängerbrücke nebenan kann man das gut beobachten.

Info:

Bar Ourcq, 68, Quai de la Loire, in der kalten Jahreszeit nur Do, Fr, Sa, So ab 15 Uhr

Pavillon des Canaux, 39, Quai de la Loire, täglich ab 10 Uhr

Museum für Insider

Hinter dem Eingang bekommt man erst mal einen Schreck. Dutzende Skelette schauen einen an: von Seelöwen, einem Panda und einem Okapi. Eine 80 Meter lange Museumshalle voller toller Tiere.

Allerdings nur ihre Knochen. Schüler sitzen auf dem Boden, und machen Skizzen von den Skeletten. Die Galerie de Paléontologie et d’Anatomie Comparée ist Teil des nationalen naturgeschichtlichen Museums im Jardin des Plantes, des bei den Parisern so beliebten Parks.

Generationen von Franzosen staunten bereits über diese außergewöhnliche Wirbeltier-Sammlung von Fleisch- und Pflanzenfressern. Ein fünfjähriger Orang-Utan mit großer Zahnlücke, Vitrinen voller Hundeschädel oder Gebisse von Bären. Fragile, zarte Skelette von Vögeln und Fröschen sind hier ausgestellt und nur wenige Meter weiter die kräftigen Knochen eines Elefanten aus Asien oder eines Wals. Den Riesenschildkröten kann man durch ihr Skelett auf das Innere des Panzers sehen, und der Alligator vom Mississippi verliert auch nicht in abgespeckter Form seine Fähigkeit, einem Angst einzuflößen.

Es ist das perfekte Museum für Regentage, wenn man den Touristenmassen aus dem Weg gehen will. In dieser Sammlung der vergleichenden Anatomie gehen die Pariser auch gerne mit ihren (freilich nicht zu jungen) Kindern. Nicht nur, weil sie hier die Überreste des Rhinozeros von Ludwig XV. anschauen können. Sondern weil im ersten Stock bei den Wirbeltier-Fossilien auch Skelette von Dinosauriern stehen.

Wer über das knarzende Parkett läuft, ahnt: Eigentlich ist das Museum selbst reif für ein Museum. Nicht nur, weil es bereits 1898 eröffnet wurde. Sondern weil es aus einer Zeit stammt, wo man noch glaubte, alles in der Natur sammeln, mit Schreibmaschine und Zettelchen beschriften und somit die gesamte Tierwelt klassifizieren zu können. Wer nach dem Besuch merkt, dass ihm die Skelette aufs Gemüt schlagen, der muss nur wenige Meter gehen zur anderen Seite des Jardin des Plantes: In die Manège, einem kleinen Zoo mit lebendigen Tieren.

Adresse:

2, rue Buffon,

Mix der Kulturen

Louvre, Eiffelturm, Montmartre – irgendwann ist es gut mit dem Touristen-Pflichtprogramm. Dann will man einfach mal eine normale Straße entlanglaufen mit Einheimischen-Anteil von mindestens 80 Prozent. Bummeln, Bistro, Boutiquen eben.

Man nehme: die Rue Château d‘eau. Kommt man aus der gleichnamigen Metrostation ans Tageslicht, fallen die vielen afrikanischen Friseursalons auf mit Namen wie "African Queen" oder "Senegal beauté". Junge afrikanischstämmige Männer auf dem Gehsteig versuchen, weibliche Kundschaft in die Salons zu locken.

Ab dem Rathaus des 10. Arrondissements wird die Rue du Château d‘eau ruhiger. Vor dem Feuerwehrgebäude rollen die Pompiers Schläuche für eine Übung aus. Gegenüber im überdachten Markt "Marché Saint Martin" (Hausnummer 31-33, Di. bis Sa. 9 bis 20 Uhr, So. 9 bis 14 Uhr) gibt es Käse und Wurst für ein Picknick, das man am Ende dieses Spaziergangs am Canal Saint-Martin machen könnte.

Die Gentrifizierung ist auch hier voll im Gang, dennoch haben traditionelle Metzger und Handwerker überlebt. Vorbei an Wein- und Spielzeugläden und an dem bei Anwohnern beliebten Bistro "Le Petit Chateau d‘Eau", wo es mittags eine Plat du jour für 13 Euro gibt (Hausnummer 34), erreicht man die Galerie L‘oeil ouvert (1, Rue Lucien Sampaix). Sie verkauft Drucke, Bilder und Fotos von Pariser Künstlern.

Wer nach Osten blickt, sieht die Bäume auf der Place de la République – dem Platz, an dem sich die Pariser nach dem Terroranschlägen versammelt haben. Lieber wieder ein paar Schritte zurück in die Rue de Lancry Richtung Canal Saint-Martin. Ein Schreibwarenladen, dann das Schild "Spaghettina". Viele Franzosen denken, hier gibt es Nudeln. Aber es ist eine Deutsche, die hier Spaghetti-Eis verkauft (61, Rue de Lancry, Mi. bis Sa. 13 bis 19 Uhr, So. 14 bis 18 Uhr).

Daneben ein koreanisches Restaurant, "Guabao Saam", dem die Pariser geradezu die Bude einrennen. Statt gleich geradeaus zum Canal Saint-Martin zu gehen, sollte man abbiegen zur Bäckerei Du Pain et des Idees (34, Rue Yves Toudic ), nicht nur wegen der wunderbaren Rosinenschnecken, auch wegen seines Interieurs mit viel Gold und Spiegeln.

Wer Paris nicht verlassen will ohne ein neues Kleidungsstück, der findet in der nahen Rue Beaurepaire eine hohe Boutiquendichte. Am Ende liegt am Canal das Szenecafé "Chez Prune" (36, Rue Beaurepaire). Hier lässt es sich gut draußen sitzen bei einem Glas und Pariser beobachten – wie die Pariser es tun.

Hinweis:

Viele Geschäfte öffnen erst um 11 Uhr, am Sonntag und Montag haben die meisten geschlossen.

Sicherheit:

Schon vor den Terroranschlägen von 2015 galt in Paris der Anti-Terror-Plan "Vigipirate". Seither wurden viele Sicherheitsmaßnahmen verstärkt – sie gehören zum Alltag. Wie in anderen Metropolen müssen sich Paris-Besucher einstellen auf verstärkte Taschen- und Personenkontrollen bei Eingängen von Museen, Theatern, Kaufhäusern und Einkaufszentren.

Seit den Anschlägen mit Sprengstoffgürteln muss man seinen Mantel aufmachen, um den Sicherheitskräften das Abtasten zu erleichtern. Es gibt keine Möglichkeit mehr, größere Gepäckstücke in Museen an der Garderobe abzugeben. Wer mit dem Zug anreist, muss seine Gepäckstücke mit Namensetiketten versehen.

In der Metro kommt es immer wieder vor, dass wegen herrenloser Gegenstände und Koffer ("colis suspect") die Station gesperrt wird oder die Bahn nicht weiterfährt. Schwer bewaffnete Soldaten und Polizisten gehören zum Stadtbild. Die Pariser haben sich daran gewöhnt.

Allgemeine Informationen zu Paris:

https://de.parisinfo.com/ 

Michael Neubauer

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