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Goethe wird aufgeräumt

Weimar huldigt dem Dichterfürsten - 09.08.2012 13:45 Uhr

Auf diesem kleinen Platz wuselt die Welt: Besucher mit Weimar-Büchlein, Stadtführer mit Biedermeier-Kostüm, Kutscher mit Dreispitz. Unter den Schirmen vor dem Gasthaus „Zum weißen Schwan“ sitzen die Touristen und amüsieren sich über ihresgleichen. Hier am Frauenplan wandelt jeder irgendwie auf Goethes Spuren.

Die steinernen Stufen zu Goethes Wohnhaus sind abgeschliffen, als hätten sie Jahrtausende im strömenden Fluss gelegen. Wie viele Menschen sind sie wohl hinaufgestiegen und haben sie ausgetreten? Damals in den fünf Jahrzehnten, als der Dichterfürst hier wohnte, in den Jahren danach und erst recht seit 1885, als das Haus zum Goethe Nationalmuseum wurde?

Seit einem Jahrhundert lenkt man die Besucher über den Seiteneingang – und das waren auf jeden Fall Millionen. Ab dem 28. August wird es wieder mal einen anderen Zugang zu Goethe geben, sozusagen hinten herum. Durch die Kutscheneinfahrt, die schon Goethe benutzte, gelangt der Besucher in einen Empfangsbereich und entscheidet sich dann für eine Visite bei Goethe in dessen Wohnhaus oder eine Begegnung mit ihm in der neuen Dauerausstellung unter dem Titel „Lebensfluten – Tatensturm“ – oder für beides.

Der Countdown läuft

Der Countdown läuft. Ehe die Ausstellungsgestalter mit den restaurierten Exponaten einrücken können, sind noch die Handwerker zugange. Aber schon werden einige der neuen Ideen sichtbar. Eine breite Treppe, die sich einem antiken Theater gleich durch die Etagen zieht, lädt zum Spiel mit Zitaten aus dem Faust ein. Des Pudels Kern: Wie in eine Suchmaschine kann man einzelne Worte eingeben und der Kontext, in dem sie beim Dichter stehen, wird als Zitat im Treppenraum aufleuchten.

In anderen Ausstellungsteilen tritt Goethe in Zusammenhänge, die weit über seine Zeit hinaus aktuell sind: Genie, Gewalt, Welt, Liebe, Kunst, Natur und Erinnerung. Zum Thema Gewalt wird beispielsweise Goethes Hofuniform zu sehen sein, ein Stück Staatsgewalt also. Zum Thema Welt ein Federschmuck aus seinem Besitz.

„Wir haben nicht mehr den Anspruch die Klassik als Ganzes abzubilden“, erklärt die Ausstellungsleiterin Bettina Werche, „sondern können uns ganz auf die Person Goethe konzentrieren. Das wurde möglich, weil andere Aspekte jetzt an anderen Orten aufgegriffen werden, in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek oder im Anfang Juli eröffneten Goethe- und Schiller-Archiv zum Beispiel.“ Und sie verspricht, dass sich die neue Ausstellung nicht nur an leidenschaftlichen Goethe-Verehrern orientiert, sondern auch an jenen, die eigentlich keine alten Dichter auf dem Schirm haben und nur mal schnell reingucken wollen.

Klassisches und Modernes

Weimar räumt also um. Und auf. Das Aufräumen betrifft vor allem das sommerliche Kulturangebot. Schon immer gab es von allem reichlich, Klassisches und Modernes, Hochkarätiges und Kunterbuntes. Aber es war schwer zu überblicken und es sprach sich bestenfalls unter Insidern rum. Also haben sich ein paar Experten zusammengesetzt, alles auf einen Haufen gepackt und sortiert.

Herausgekommen ist das Festival „Weimarer Sommer“, das noch bis zum 1. September mehr als 120 Veranstaltungen bündelt. Man vergleicht sich auch schon kühn mit den Großen der Festspiellandschaft, weiß seine Vorteile zu nennen: Nicht nur monothematisch wie Bayreuth, nicht so steif und teuer wie Salzburg und immer alles nur ein paar Schritte voneinander entfernt.

Was nicht heißt, dass der Haufen Kultur in den nächsten Jahren nicht noch anwachsen könnte. Prof. Christoph Stölzl, Präsident der Hochschule für Musik und Mitinitiator des Weimarer Sommers, lässt Zukunftsmusik erklingen: „Ich wünschte mir hier für Weimar zum Beispiel einen Open-Air-Faust“. Sozusagen Faust für jedermann, statt Jedermann.

Vielfältiges Kulturangebot

Aber schon in diesem Jahr lohnt ein Blick in den Kalender des Weimarer Sommers: vor allem Konzerte, aber auch Oper, Theater, Tanz, ein Filmfest, Lesungen und lyrische Salons. Und beim Festival Genius Loci an diesem Wochenende, das fortan jährlich in Weimar stattfinden wird, erwecken Medienkünstler mittels Videoprojektoren Gebäude zum Leben. Die Schauplätze der Veranstaltungen sind unter anderem das Nationaltheater, Schlösser und Museen, aber auch Parks und Gärten. Schon zur Eröffnung, bei den großen Konzerten im Weimarhallenpark, war zu sehen: Schlips und Kragen oder langes Kleid braucht niemand, eher Decke und Picknickkorb.

Und tagsüber? „Unsere Meisterkurse stehen auch jedem Zuschauer offen“, wirbt Stölzl für die Übungsstunden und Konzerte. Zudem gäbe es ja noch all das, was Weimar immer bietet. Und wer genug hat von Museen, Sammlungen und Gemächern, von Büchern und Büsten, der könne sich in Weimars Parks und Gärten ein schattiges Plätzchen suchen. Natürlich hatte auch Goethe einen Garten für seine naturwissenschaftlichen Studien und für seine Verpflegung. Den gibt es noch heute hinter seinem Haus, allerdings ohne Gemüse. Unberührt von den Umbauarbeiten im Museum blüht er zwischen den Mauern. Kaum zu glauben, dass gleich vor dem Haus die Welt wuselt.

Weitere Informationen zum Reiseziel:

Informationen und Tickets: Tourist-Information Weimar: Tel: (03643) 745-0 , www.weimarer-sommer.de, tourist-info@weimar.de
  

Von Marlis Heinz

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