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In Norwegen einen Gang runterschalten

Valdres im Herzen Südnorwegens lockt Individualisten in die Berge - 17.05.2013 20:20 Uhr

Blick auf die Bergwelt des Varnas.

Blick auf die Bergwelt des Varnas. © Birgit Nüchterlein


Sie tauchen überall auf, diese mal kleinen, mal größeren, mal runden, mal langgezogenen blauen Tupfer, mit denen die Landschaft gesprenkelt ist. Von der kleinen Propellermaschine aus, die uns in 30 Minuten von Oslo ins Valdres-Zentrum Fagernes mit seinem schön gelegenen Freilandmuseum bringt, sieht man besonders gut, wie seenreich das Gebiet ist. Später, beim Wandern, fühlt man sich an die Heide erinnert oder ans Voralpenland.

Das Attribut „lieblich“, das zu diesen Landschaften so gern dazugedacht wird, will auf Valdres ganz und gar nicht passen. „Widerspenstig“ hat ein norwegischer Freund die Gegend westlich des olympischen Winterspielorts Lillehammer einmal genannt – das trifft es ziemlich genau. Man könnte auch sagen „sie hat Charakter“. Menschen, die die Natur lieben und auch deren rauere Seiten schätzen, werden sich hier wohlfühlen.

Von Oktober bis April ist das Y-förmige Tal am Südrand des mit Zweitausendern bestückten Jotunheimen-Hochgebirges ein Paradies für Wintersportler. Doch auch ab Frühsommer bis in den Herbst hinein kann man Valdres bei vielfältigen Aktivitäten erkunden – und genießen. „Die Leute kommen hier mit verspannten Gesichtszügen und hochgezogenen Schultern an und sie sprechen schnell. Nach drei Tagen sind sie ganz gelöst und reden viel langsamer“, beschreiben Marit und Erika die entschleunigende Wirkung der Fjell- (also Berg-) Gegend.

Die Norwegerin und ihre schwedische Kollegin vermieten in Nord-Aurdal, einer der sechs Valdres-Gemeinden, urgemütliche „Hytter“. Die mit Sauna, offenem Kamin und allem Nötigen ausgestatten Holz-Häuschen ducken sich unter ihren gras- und moosbewachsenen Dächern in die Landschaft. Frische Luft und unendlich viel Ruhe gibt’s gratis dazu.

Blau leuchtende Seen

Auf so genannten„Døla Hest“-Kaltblütern geht‘s durch die raue Landschaft.

Auf so genannten„Døla Hest“-Kaltblütern geht‘s durch die raue Landschaft. © Birgit Nüchterlein


Direkt vor der Haustür bricht man auf zu verschiedenen leichteren Touren, etwa noch 100 Meter auf den Fjellenden oder den Bjørgovarden hinauf, die insgesamt gut 1140 Meter hoch sind. „Hier kann man laufen, wo man will“, erklärt Marit.

Blau leuchten die Seen, die immer wieder hinter Bergrücken und Hügeln im reizvoll-kargen, mit Macchia bedeckten und im Herbst eisig winddurchwehten Hochland auftauchen.

Man könnte sich am nächsten Tag durch Niklas’ Hochseilgarten schwingen. Den lassen wir aus und paddeln mit dem bärtigen Naturburschen – der uns vorher noch mit seinem quirligen Husky-Rudel bekannt gemacht hat — lieber im Kanadier über den See Øyangen. Es dauert ein bisschen, bis man den Kahn auf Kurs hat und sich wie in Kanada fühlt. Doch Niklas ist geduldig. Es spricht für ihn und natürlich für Valdres, dass seine Frau Elisa aus Madrid hierher gezogen ist.

Wir lassen das Kanu zu einer idyllischen kleinen Insel gleiten. Absolute Stille auch hier, nur das gleichmäßige Platschen des Paddels ist zu hören. Auf der Insel machen wir es uns auf Rentierfellen bequem, und Niklas entfacht ein Lagerfeuer, auf dem bald eine köstliche Fischsuppe köchelt. Danach gibt’s Kaffee aus einer verbeulten Kanne. Manchmal fehlt eben wenig zum Glück und Wohlgefühl.

Am nächsten Tag steht eine Tour auf den knapp 1750 Meter hohen Gipfel des Mugnetind auf dem Programm. Unser Begleiter ist diesmal Tor Håvard, Typ Oliver Kahn. Dass er uns die 800 Höhnenmeter zumuten kann, hat der erfahrene Bergführer schon ausgemacht. „Man sieht meist nach den ersten 300 Metern, wie die Leute drauf sind“, sagt er. Wir sind offenbar gut drauf, denn der Blondschopf legt einen flotten Schritt vor.

Anstrengender Auftstieg

Wirklich anspruchsvoll kann’s dann kurz vor dem Gipfel werden: Da gilt es, gegen Schotter und einen heftig brausenden Wind anzukämpfen. Und wenn im Herbst Schnee fällt, fühlt sich der wie Nadelstiche auf den Wangen an. Dass man bei solchen Wetterverhältnissen oben dann nur ahnt, wie grandios die Aussicht bei Sonnenschein sein muss – geschenkt, man hat es immerhin geschafft. „Im T-Shirt steht man hier oben selbst im Sommer nicht“, tröstet Tor. Na dann.

Unser Quartier haben wir inzwischen nach Beitostølen verlegt. Ein Wintersport-Resort, das aus einer Alm oberhalb des kleinen Ortes Beito entstanden ist. Als Ausgangspunkt für zahlreiche Aktivitäten ist der Ort bestens geeignet. Man tut hier einiges, um Beitostølen auch außerhalb der Schneesaison attraktiv zu machen. Ein Bob-Dylan-Festival gibt es etwa im September — freilich ohne den Meister selbst.

Niklas entfacht auf einer Insel ein kleines Lagerfeuer.

Niklas entfacht auf einer Insel ein kleines Lagerfeuer. © Birgit Nüchterlein


In Beitostølen holt uns am frühen Morgen Torgeir ab. Mit dem rustikalen, bärtigen Pferdebesitzer im Holzfäller-Hemd und seinem Kollegen Knut erobern wir die Bergwelt diesmal auf robusten, gutmütigen „Døla Hest“-Kaltblütern. Ein ganz eigenes Erlebnis mit meditativem Charakter, das Torgeir aber nur Reitern mit einiger Erfahrung anbietet. Schließlich ist so eine Kletter-Tour mit einem PS nicht ganz so kraftsparend wie es aussieht. Nach sieben Stunden Auf und Ab und mit einer Pause am Lagerfeuer weiß auch der Reiter, was er getan hat – und welche Körperteile besonders beteiligt waren.

Wer noch Reserven hat, kann die Reit-Touren auf mehrere Tage ausdehnen. Für Torgeir und seinen ebenso wettergegerbten Kompagnon Knut ist das die Idealvorstellung: „Erst dann bekommen die Leute ein Gespür für das Tier und die Landschaft“. Stimmt, man hat sich rasch eingeschwungen auf diese Gegend – und die Worte kommen einem tatsächlich nicht mehr ganz so schnell über die Lippen... 

Von Birgit Nüchterlein

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