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Schöner als Rio: San Sebastián im Baskenland

In der Kulturhauptstadt 2016 warten Augenschmaus und Gaumenfreuden - 09.01.2016 08:00 Uhr

Großartig geschwungen ist die Küste von San Sebastián. Wegen des wechselhaften Wetters bietet sich die Stadt allerdings eher für einen Kultur- als für einen Badeurlaub an.

Großartig geschwungen ist die Küste von San Sebastián. Wegen des wechselhaften Wetters bietet sich die Stadt allerdings eher für einen Kultur- als für einen Badeurlaub an.


Ungeachtet der Reize der Bahía de la Concha gilt die Stadt an der Muschelbucht mit ihren rund 186 000 Einwohnern nicht gerade als Badeort. Dafür ist das Wetter selbst im Hochsommer oft zu wechselhaft. Fast alle drei Tage regnet es, statistisch gesehen. Da das Klima insgesamt aber angenehm mild ist und auch im Winter die Temperaturen um die 15 Grad Celsius liegen, kann man sich hier durchaus wohlfühlen.

Auf den Geschmack ist das spanische Königshaus schon 1886 gekommen, als es den Fischerort, dessen Namen im frühen 11. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt wurde, zum royalen Sommersitz erwählte. Das brachte nicht nur den Adel und reichlich Geld nach Donostia, wie die Basken ihre Stadt nennen, sondern auch viel Stil und Prominenz.

Die Spuren der Belle Époque und des Art déco sind bis heute mannigfaltig zu sehen. Prächtige Gebäude und Häuserzeilen bestimmen das Stadtbild. Gusseiserner Zierrat macht quasi jede Tür, jedes Geländer, jeden Balkon, jede Laterne zu einem Schmuckstück. Während sechseckige Steinmuster die Gehsteige prägen, reihen sich kunstvolle Fassaden aneinander. Individualität im Detail ist Trumpf, was förmlich zum genauen Hinschauen und Entdecken einlädt.

So bietet San Sebastián einen wahren Augenschmaus des guten Geschmacks. Besonders schön angerichtet ist er in der Altstadt mit ihren schmalen Gassen, die immer wieder in wohldimensionierte Plätze und gepflegte Grünanlagen münden, die etwas Beruhigendes haben, aber auch Raum für Veranstaltungen bieten. Ausgesprochen malerisch ist das Karree vor dem Rathaus an der Plaza de la Constitución, wo früher einmal Stierkämpfe stattfanden. Ziffern erinnern heute noch an die 147 Logen, aus denen inzwischen längst begehrte Wohnungen geworden sind.

Vor allem in den Vorstädten bekennen sich die Menschen zur Freiheitsbewegung Eta.

Vor allem in den Vorstädten bekennen sich die Menschen zur Freiheitsbewegung Eta. © Jo Seuß


Was auffällt: Historisch gewachsene Architektur dominiert, doch Alt und Neu dürfen auch mal aufeinanderprallen. Sehr spannend beim STM, dem San Telmo Museum, wo man der Geschichte der Donostiarrak, die einst in den Höhlen vor der Küste begann und zum Glück für die Sprache von der Romanisierung verschont blieb, auf multimediale Art begegnet.

Der 2011 errichtete Neubau mit raffinierter Lochmusterfassade, durch das inzwischen Grün sprießt, wurde elegant an das ehemalige Dominikanerkloster angehängt. Es ist eines der wenigen Gebäude, die das verheerende Feuer von 1813 überlebt haben, und neben Ausstellungen über Filmlegenden wird hier auch bildende Kunst gezeigt.

Ein moderner Blickfang ist auch der Kursaal von Rafael Moneo, 1999 vollendet und seitdem vielfältig genutzt. Den leicht schrägen Glasbetonschlitzbau, der abends zum leuchtenden Edelstein wird, hat man mutig in eine Straßenflucht am Hafen platziert. So ähnelt er einem futuristischen, gestrandeten Dampfer und wirkt wie ein Symbol für neue Ideen und prominente Veranstaltungen, zu denen das Internationale Filmfestival im September gehört.

Ein weiterer Fixpunkt im Terminkalender ist seit 1966 die „Jazzaldia“ im Juli. Sehr populär sind aber auch die Ruderregatta Anfang September und das Lauf-Event Anfang November, wo viele Einheimische zeigen, wie sportlich sie sind. Und als besonderer Feiertag gilt der 20. Januar, an dem alljährlich zur Feier des Heiligen Sebastian ein 24-stündiges Trommelfest vor dem Rathaus stattfindet: die „Tamborrada“. Diesmal wird rund um diesen Termin das Kulturhauptstadtjahr eröffnet.

Pintxos sind Schnittchen der besonderen Art.

Pintxos sind Schnittchen der besonderen Art. © Jo Seuß


Die Familie und Traditionen seien für Basken sehr wichtig, sagt Stadtführerin Lourdes Gorrino Arrieta. Die eigene kulturelle Identität sei ein „Gefühl, anders zu sein, aber nicht übertrieben“. Folglich ist neben der blauweißen Fahne von San Sebastián auch die rotweißgrüne Flagge des Baskenlandes in der Stadt präsent. Und im Fußballteam von Real Sociedad San Sebastián kicken nur Basken (und Ausländer), aber keine anderen Spanier.

Die Basken leben ihren Alltag nach dem Motto „Essen, Trinken, Singen und Zusammensein“, wie Lourdes Gorrino Arrieta betont. Tagsüber die Nummer eins unter den Gaumenfreuden: Pintxos. Man begegnet diesen kunstvoll drapierten Häppchen am Tresen in allen Bars und Cafés. Auf Weißbrotscheiben werden wahlweise Thunfisch, Gambas, Eier oder Champignons mit gekochten Zwiebeln, Paprika oder Aufstrichen jeder Art verbunden – und obendrauf folgt mit einem Stück Gemüse, Fisch oder Käse das i-Tüpfelchen.

Jeder Koch hat seine eigenen Kreationen, dabei gilt: Frische Zutaten sind ein Muss. So sind Pintxos Schnittchen der besonderen Art, deren Preis bei „Javier“ je nach Zutaten zwischen 1,65 und 4,20 Euro pro Stück schwanken. Im STM-Museumscafé erinnert etwa die „Gilda“-Kreation (mit um Oliven und Peperonistücken gewickelten Sardellen am hölzernen Spieß) an die legendäre Filmdiva Rita Hayworth.

Zu den Aushängeschildern des lokalen Tourismus zählen Touren durch Bars mit vier, fünf Stationen mit je zwei bis drei Pintxos. Dazu wird Txakolí getrunken – ein spritziger Weißwein, der direkt in der hügeligen Umgebung angebaut wird. Der süffige Tropfen wird in kleinen Gläsern serviert und sollte besser nur schlückchenweise genossen werden.

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Ein Jahr voll Kultur in San Sebastián

San Sebastián im Baskenland ist neben Breslau eine der beiden Kulturhauptstädte 2016. Ein Besuch lohnt sich.


Wer San Sebastián besucht, wird schnell von der Esskultur begeistert sein. Neben einer hohen Dichte an erstklassigen Restaurants und Sterne-Köchen gibt es 119 sogenannte Männerkochclubs, zu denen sich langsam Clubs für beide Geschlechter gesellen. Für die Elite gibt es hier die einzige (und privat geführte) Universität für Köche.

Abends wetteifern daher die Küchenmeister um die Gunst von Touristen und Einheimischen. Einen Besuch wert ist auf jeden Fall das Oquendo, das von außen wie ein kleines Café wirkt, sich nach hinten aber öffnet. Plakate und Fotos erinnern an das reiche Kulturfestivalleben – ein gediegener Ort, wo Ambiente, Speisen und Service vom Feinsten sind.

San Sebastián mag durch den Aufschwung Bilbaos seit dem atemberaubend glänzenden Guggenheim-Museum anno 1997 und vielen weiteren First-Class-Architektur-Neubauten etwas an den Rand gedrängt worden zu sein. Doch wer die beiden Orte vergleicht, stößt in der kleineren Küstenstadt auf ein Flair, das gefällt: Gepflegt, aber nicht gelackt, lebendig, aber nicht aufgeregt – zumal auch Radfahrer und Fußgänger oft getrennte Wege nutzen können. Sehr stimmig, das Ganze, selbst eine stumme Demonstration der Angehörigen von noch immer inhaftierten Eta-Aktivisten passt ins Gesamtbild.

Ab dem frühen Abend scheint die ganze Stadt auf den Beinen zu sein. Man flaniert entlang der Promenade, bleibt an der Brüstung oberhalb des Sandstrands stehen und beobachtet das Spiel der Lichter, der Boote und der Möwen. Und wer „La Perla“, das Wellnessbad an der Promenade, besucht, kann zwischendrin eine Runde im ruhigen Meer an der Playa de la Concha schwimmen. Prächtig, traumhaft, ach was: besser als in Rio!

Zum Kulturhauptstadt-Programm geht es hier.

Allgemeine Infos über San Sebastián bei Spanischen Fremdenverkehrsamt in München.

www.spain.info/de_De

Flüge nach Bilbao bietet unter anderem Air Europa. Busse von Bilbao nach San Sebastián fahren zwischen 70 und 80 Minuten.

www.aireuropa.com

Beide haben diese Reise unterstützt.

 

 

  

Von Jo Seuß

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