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Slowakei: Das Erbe deutscher Siedler

Europas Kulturhauptstadt Košice: In der Ostslowakei locken viele einmalige Kunstschätze - 27.12.2012 14:00 Uhr

Košice  - Jan könnte eine lebende Designer-Idee sein hier in der Kneipe der "Trägerin des Ordens der Arbeit" mitten in der Altstadt im slowakischen Košice. Graue Schiebermütze, blauer, etwas abgeschabter Blouson, graue, ausgebeulte Hose, Zigarette im Mund und vor sich ein Glas Zlaty bažant, "Goldener Fasan". Von oben schauen ihm auf Fotos Marx und Engels, Honecker, Mao Tse Tung und seltsamerweise auch Königin Elisabeth zu.

Prächtige Jugendstilornamente finden sich wie hier am Hotel „Slavia“an vielen Häusern in Košice, Europas Kulturhauptstadt 2013.
Prächtige Jugendstilornamente finden sich wie hier am Hotel „Slavia“an vielen Häusern in Košice, Europas Kulturhauptstadt 2013.
Foto: Gerhard Lauchs
Prächtige Jugendstilornamente finden sich wie hier am Hotel „Slavia“an vielen Häusern in Košice, Europas Kulturhauptstadt 2013.
Prächtige Jugendstilornamente finden sich wie hier am Hotel „Slavia“an vielen Häusern in Košice, Europas Kulturhauptstadt 2013.
Foto: Gerhard Lauchs

Jan ist Stammgast hier. Schon zu Zeiten, als er noch im Bauhof von Košice beschäftigt war, als die Slowakei noch sozialistisch und förderalistisch mit Tschechien verbunden war, trank er hier sein Bier. Die „Trägerin des Ordens der Arbeit“ ist ein Stück Heimat.

Auch wenn das Lokal aussieht, als habe man hier dem slowakischen Sozialismus ein gestalterisches Denkmal gesetzt — alles ist echt. Übriggeblieben von der Renovierungswelle, die die Stadt mehr und mehr erfasst. Gleich nebenan ein adrettes italienisches Ristorante, weiter unten in der schmalen Gasse im ehemaligen Judenviertel ein Thai-Restaurant.


Ein Selbstbildnis von Paul dem Schnitzer.
Ein Selbstbildnis von Paul dem Schnitzer.
Foto: Gerhard Lauchs
Ein Selbstbildnis von Paul dem Schnitzer.
Ein Selbstbildnis von Paul dem Schnitzer.
Foto: Gerhard Lauchs

Košice, das ehemalige Zentrum der slowakischen Schwerindustrie mit einem braun vor sich hin rostenden Stahlwerk am Stadtrand, macht sich schick. In den kleinen Läden der Nebenstraßen der langgestreckten Fußgängerzone mit dem Elisabeth-Dom und dem Staatstheater in der Mitte ziehen Kunstschmiede ein. Holzschnitzer, Maler und Bäcker werten die Altstadt auf. Im ehemaligen Kasernengelände entstehen Ateliers und kleine Bühnen.

Schließlich will Kaschau, wie die 250000-Einwohner-Stadt bei den ehemals vielen deutschen Einwohnern hieß, sich 2013 von seiner besten Seite präsentieren. Denn zusammen mit Marseille ist Košice Kulturhauptstadt Europas. Hunderte von Veranstaltungen — von der Andy-Warhol-Präsentation (er hieß eigentlich Andreij Warhola und seine Familie stammte aus der Region) bis zu aufwändigen Theaterproduktionen— wird es im kommenden Jahr geben. Immerhin 60 Millionen Euro an EU-Mitteln stehen für das Projekt Kulturhauptstadt bereit.


Die Stadt hat wie die gesamte Region ganz im Osten der Slowakei eine bewegte Geschichte. Die Ukraine und Ungarn sind nur jeweils 25 Kilometer entfernt. Und auch Südpolen liegt gleich um die Ecke. Mal gehörte die früher von Slowaken und deutschen Siedlern bewohnte Gegend zu Ungarn. Dann wiederum hatten die Österreicher das Sagen oder in der sozialistischen Förderation die Führung in Prag. 1993 schließlich entstand die Slowakische Republik, die seit 2004 auch Mitglied der EU ist, mit ihrer Hauptstadt Bratislava.

Bewegte Zeiten hat auch die Zipser Burg hinter sich. Ungarn und Slowaken wechselten sich als Besitzer ab. Sie überstand Mongoleneinfälle und Brandkatastrophen. Fast ein halbes Jahrtausend lang nach seiner Gründung im 12. Jahrhundert bewährte sich das Bollwerk auf einem 634 Meter hohen Travertinhügel als eine der mächtigsten und größten Burganlagen Europas mit 41 Hektar Fläche.


Typisch slowakisch: Kofala-Brause.
Typisch slowakisch: Kofala-Brause.
Foto: Gerhard Lauchs
Typisch slowakisch: Kofala-Brause.
Typisch slowakisch: Kofala-Brause.
Foto: Gerhard Lauchs

Heute sind die Kalkplatten von den Schuhen unzähliger Besucher glattgeschliffen, der Aufstieg ist jedoch immer noch steil und die Ruinen wirken fast uneinnehmbar. Aber die Kletterei lohnt sich: Nicht nur, weil oben ein fantastischer Blick auf die spitzen, knapp 3000 Meter hohen Berge der Hohen Tatra möglich ist — auch wenn diese 30 Kilometer entfernt liegen. Innerhalb der Burgmauern lockt ein weiteres slowakisches Kulturgut: Kofala! Nur wenige Cent kostet ein halber Liter des heimischen Pendants zu Coca Cola. Aber es schmeckt — viele sagen sogar, viel besser als die erzkapitalistische Brause.

Kofala hat noch kein Unesco Prädikat als Weltkulturerbe erhalten wie die Zipser Burg. Die Region Zips im Vorland der Hohen Tatra allerdings steht voll von einmaligen und von der Unesco ausgezeichneten Kunstschätzen. Die verschlafene Stadt Levoca, einst als Leutschau das Zentrum der Region Zips, versteckt hinter einer mächtigen Stadtmauer ein verspieltes Renaissance-Rathaus, prächtige Kaufmannspaläste, wie das Thurzo-Haus mit seinen bemalten Fassaden, einen Schandkäfig, die Leutschauer Variante des Prangers, und vor allem die Jakobskirche.

Hier hat sich Paul von Leutschau mit dem Hauptaltar ein fast 19 Meter hohes Denkmal gesetzt. Der Holzschnitzer, von dem man nicht einmal seinen Nachnamen kennt, wird von Fachleuten auf einer Stufe mit Tilmann Riemenschneider und Veit Stoß stehend eingestuft. Wahrscheinlich begegnete er ihnen sogar auf einer Reise nach Franken — ebenso wie Dürer.


Die Zipser Burg steht auf einem mächtigen Kalksteinhügel.
Die Zipser Burg steht auf einem mächtigen Kalksteinhügel.
Foto: Gerhard Lauchs
Die Zipser Burg steht auf einem mächtigen Kalksteinhügel.
Die Zipser Burg steht auf einem mächtigen Kalksteinhügel.
Foto: Gerhard Lauchs

Aber selbst wenn man so gut wie nichts über den begnadeten Holzschnitzer weiß — wie er aussah, ist bekannt. Er hat sich höchst lebendig auf dem Altar gleich hinter dem heiligen Jakob verewigt.

Auch für den Georgsaltar in Spišská Sobota, dem ehemaligen Georgenberg, ist Paul verantwortlich. Der sehr überschaubare Ort rund um einen langgestreckten Marktplatz ist heute ein Stadtteil von Poprad, einem Verkehrsknotenpunkt. In Georgenberg merkt man von Hektik nichts. Die alten Handelshäuser, der mächtige Kornspeicher, strahlen vor allem würdige Ruhe aus. Die Georgskirche, von außen unscheinbar, beherbergt neben dem Georgsaltar, der sogar schon die englische Königin begeisterte, fünf weitere prachtvolle Flügelaltäre. Die Händler von Georgenberg — wie fast alle Bewohner der Region Zips mit deutschen Wurzeln — mussten einst viel Geld besessen haben.

Ein weiteres Kulturerbe dieser Welt steht gleich um die Ecke: die Holzkirche in Kežmarok, dem alten Käsmark. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde das Gotteshaus mit Platz für 1460 Gläubige ohne einen einzigen eisernen Nagel errichtet. Die katholischen Herrscher hatten dies so verfügt. Sie wollten, dass die Kirche der ungeliebten Protestanten nicht allzu lange Bestand haben sollte. Die Rechnung ging nicht auf. Von außen schmucklos gilt die innen reich bemalte und geschnitzte Kirche heute als schönste Holzkirche der Ostslowakei. Und nicht einmal die Holzwürmer wagten sich an die mächtigen Eibenbalken.

Weitere Informationen:
Slowakische Zentrale für Tourismus, die diese Reise unterstützt hat, Tel.: (030) 25 94 26 40 oder www.slovakia.travel. Die Slowakei ist offizielles Partnerland der Reisemesse cmt in Stuttgart (12. bis 20. Januar 2013).
  

Von Gerhard Lauchs


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