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Stets am Kanal entlang in Südnorwegen

In der Region Telemark bietet sich eine Kombination aus Rad- und Schiffsurlaub an - 02.08.2013 20:00 Uhr

Radfahrer können sich ein Wettrennen mit einem der alten Schiffe liefern, die den Telemark-Kanal täglich befahren.

Radfahrer können sich ein Wettrennen mit einem der alten Schiffe liefern, die den Telemark-Kanal täglich befahren. © Michael Husarek


Halvar Baathen kennt sich als Schiffsingenieur bestens aus.

Halvar Baathen kennt sich als Schiffsingenieur bestens aus. © Michael Husarek


Halvar Braathen kennt alle Ozeane dieser Welt. Jahrzehntelang hat er als Schiffsingenieur die Weltmeere befahren. Doch eines hat sich über all die Zeit für ihn nicht verändert: der beeindruckendste Wasserweg ist und bleibt für ihn der Telemark-Kanal im Süden Norwegens. Kein Wunder, dass der alte Seebär auch mit 72 Jahren noch lange nicht an Ruhestand denkt: Jeden Sommer ist er an Bord der Telemarken unterwegs, um Tag für Tag Passagiere von Lunde nach Akkerhaugen zu bringen.

Während der rund fünfstündigen Fahrt gilt es viele Schleusen zu passieren — insgesamt müssen 72 Meter Höhenunterschied überwunden werden. Dies geschieht auf beeindruckende Art und Weise: Die Vrangfoss-Schleuse etwa hat fünf direkt nacheinander liegende Kammern, nur so kann der Höhenunterschied von 23 Metern bewältigt werden. Als die künstliche Wasserstraße 1892 fertig gestellt worden war, firmierte sie in Reisebüchern der damaligen Zeit als „achtes Weltwunder ".

Ein besonderes Erlebnis sind die Schleusungen.

Ein besonderes Erlebnis sind die Schleusungen. © Michael Husarek


Wer heutzutage einige Stunden auf dem Kanal verbringt, kann das immer noch gut nachvollziehen: Eine Schleusung ist ein wahrhaft spektakulärer Vorgang — zumal am Telemark-Kanal nach wie vor alles von Hand gesteuert wird. Die Schleusenkammern öffnen meist junge Saisonarbeitskräfte, die sich zu ihrem Studium etwas dazuverdienen. An Bord der Schiffe haben dagegen häufig alte Seebären wie Halvar Brathen das Sagen. „Hier hat sich seit 1892 nichts verändert“, erzählt der alte Mann voller Stolz. Und beobachtet wie die Tore der nächsten Schleusenkammer leise knarrend aufgehen.

Nur drei Bahnstunden  von Oslo entfernt

Der Kanal hat der ganzen Region den Namen gegeben: Das Telemark beginnt in den südnorwegischen Bergen und endet an der Küste, ein Teil davon ist durch das 105 Kilometer lange Wassersystem, das viele Seen miteinander verbindet, gut mit dem Schiff erkundbar. Überhaupt ist ein Trip ins Telemark, das von Oslo rund drei Bahnstunden entfernt liegt, eine gute Gelegenheit, einen Teil Norwegens kennenzulernen, der bei Skadinavien-Reisen meist unter den Tisch fällt — die Vielzahl der Touristen zieht es eben an die Küste zu den Fjorden oder gleich noch weiter in Richtung Norden, an den Polarkreis

Erst seit wenigen Jahren holt der Süden auf: Vor allem der Radtourismus beginnt sich hier zu etablieren. Auch eine Bike-Tour entlang des Telemark-Kanals lässt sich wunderbar mit Schiffspassagen kombinieren. Entlang des Kanals gibt es ein gut ausgeschildertes Radwegenetz, das ohne nennenswerte Steigungen auch für Familien befahrbar ist. Als bezahlbare Übernachtungsmöglichkeiten bieten sich Campingplätze direkt an einem der Seen oder kleinere Hotels an, die sich in vielen Dörfern entlang der Strecke finden.

Zeitreise in die frühe Industrialisierung

Besonders reizvoll und abwechslungsreich wird eine Tour duch das Telemark, wenn sie in den Bergen beginnt: Das Städtchen Rjukan ist dafür ein idealer Ausgangspunkt. Der Ort bewirbt sich für den Unseco-Weltkulturerbe-Titel, weil er weitgehend unverändert an die Frühzeit der Industrialisierung erinnert. 1911 ließ Sam Eyde im engen Vestfjord-Tal das damals größte Wasserkraftwerk der Welt errichten. In den folgenden Jahren wurden weitere Kraftwerke und Industrieanlagen gebaut — 1917 lebten bereits 10.000 Menschen in Rjukan und Umgebung.

Der Ort mit allen kulturellen und sozialen Einrichtung des Tales wurden vom Betreiber der Kraftwerke gebaut und unterhalten — darunter auch ein so ungewöhnliches Projekt wie Krossobanen, die erste Seilbahn Nordeuropas. Sie wurde 1928 errichtet, damit die Arbeiter aus Rjukan auch im Winter die Sonne zu Gesicht bekommen konnten. Denn wegen der Enge des Tals erreicht von Oktober bis März – kein Sonnenstrahl den Talgrund.

Riesige Spiegel erhellen den schattigen Talgrund

Erst im bevorstehnden Winterhalbjahr ändert sich das: Riesige Spiegel, so genannte Heliostaten, sind so eingerichtet worden, dass künftig der Marktplatz auch im Winter hell erstrahlen soll. Trotz des neu gewonnenen Sonnenscheins lohnt auch künftig eine Auffahrt mit der Krossobanen. Denn oben auf dem Hochplateau wartet eine fantastische Landschaft, die zum Wandern oder Radfahren einlädt. Der Blick fällt dabei immer wieder auf einen der bekanntesten Berge Norwegens, den Gaustatoppen (1883 Meter). Auch dieser Gipfel ist eine Reise wert — im Inneren des Berges führt eine Standseibahn fast bis zum Gipfel.

Nach Rjuken bietet sich als zweiter Standort Lunde an — von dort aus legen nicht nur die Telemark-Schiffe ab, es gibt hier auch einen Fahrradverleih. Der kleine Ort ist ein guter Ausgangspunkt für Touren in die Umgebung. Am Ende einer Telemark-Rundreise ist ein Abstecher nach Skien denkbar — die Hauptstadt der Region zählt gut 50000 Einwohner und wartet mit einem Henrik-Ibsen-Museum auf. Der berühmte Schriftsteller verbrachte hier seine Jugendjahre. Auch Skien ist mit dem Schiff via Telemarkkanal erreichbar. Direkt neben dem Hafen haben sich einige Kneipen angesiedelt, in denen neben vielen jungen Leuten aus der Region auch einige alte Seebären wie Halvar Braathen anzutreffen sind.

Die Reise wurde von innovation norway (www.visitnorway.de) unterstützt. Weitere Infos: www.visittelemark.com 

Michael Husarek

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