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Umbriens dunkles Herz

In der kleinen mittelitalienischen Region bergen noch viele Städte ein unterirdisches Geheimnis - 02.08.2012 15:52 Uhr

Die konstante Temperatur machte die Höhlen von Orvieto zu idealen Lagerräumen.

Die konstante Temperatur machte die Höhlen von Orvieto zu idealen Lagerräumen. © Arno Stoffels


Die kleinen Rotzlöffel gingen Bauer Ernano Proietti ziemlich auf die Nerven. Ständig spielten sie in seinem Gemüsegarten. Seinem Salat und den Tomaten bekam das gar nicht gut, aber vertreiben ließ sich die Rasselbande auch nicht. In dem kleinen Städtchen Narni, eine gute Autostunde nördlich von Rom, gab es in den 1960er Jahren für Kinder nicht viel Zerstreuung.

Da half Proietti nur eine List. Ein gutes Stückchen weg von seinen Stauden stocherte er vor den Augen von Roberto Nini und seinen Kumpels mit seinem Stock in einem Erdloch herum. „Hier müsst ihr graben, da unten ist bestimmt ein Schatz versteckt“, sagte Ernano – und hatte seine Ruhe.

Gold und Silber hat Nini nicht gefunden. „Aber ein Schatz lag tatsächlich dort unten, sogar mehr als das“, sagt der heute 56-Jährige. Denn in den 2300 Jahre alten Fundamenten der Stadt verbirgt sich ein ganzes Labyrinth von Gängen. Der von ihm und seinen Freunden in Kindertagen entdeckte und mit Schutt angefüllte Hohlraum erwies sich später als Felsenkirche aus dem zwölften Jahrhundert, erbaut auf altem römischem Mauerwerk und ausgemalt mit bunten Fresken, die den Erzengel Michael zeigen, die Jungfrau Maria, Mond, Sonne und den Sternenhimmel.

Interessiert hat sich jedoch lange niemand für den Fund. „Erst haben sie uns alle nicht geglaubt und uns dann für verrückt erklärt“, erzählt Nini. Ihn aber ließ der löchrige Untergrund nicht mehr los. Mit seinen Freunden grub er über die Jahre hinweg immer weiter.

Auf den Spuren der "Stadt unter der Stadt"

Später studierte er Archäologie und machte es zu seiner Lebensaufgabe, alles über die „Stadt unter seiner Stadt“ in Erfahrung zu bringen und damit auch ein düsteres Geheimnis zu lüften. Denn mit ihren Schaufeln legten Narni und die anderen nicht nur eine römische Zisterne und ein Teilstück des 13 Kilometer langen Aquädukts aus dem 1. Jahrhundert frei, sondern auch einen großen Saal mit Deckengewölbe, unter dem viel Blut geflossen war und einst Menschen im Namen Gottes und der Kirche grausam gequält wurden.

Unter Narni wurden eine alte Kirche und Folterkammern der Inquisition entdeckt.

Unter Narni wurden eine alte Kirche und Folterkammern der Inquisition entdeckt. © Arno Stoffels


Ein Inquisitionsgericht hatte hier vom 15. bis ins 18. Jahrhundert hinein seinen Sitz, „nur wenige Meter vom Altar entfernt“, sagt Nini. Wie viele hier gemartert und ermordet wurden, weiß niemand. Einige Schicksale aber konnte Nini rekonstruieren. Im Frühjahr 2005 bekam er die Erlaubnis, in den Geheimarchiven des Vatikan zu forschen. Das Dokument wurde vom damals soeben gewählten Papst Benedikt persönlich ausgestellt.

So lichtete sich langsam der Nebel, wurden Vermutungen zur Gewissheit und klärten sich auch die vielen Symbole und Zeichnungen, die die Wände der Gefangenenzelle neben dem Folterkeller über und über bedecken. Sie stammen zum Großteil von Giuseppe Andrea Lobertini, der hier 1759 festgehalten wurde.

Die dunklen Seiten der Inquisition

Der Wachmann des Inquisitionsgerichts wurde eingekerkert, weil er verdächtigt wurde, einem Angeklagten zur Flucht verholfen zu haben. In einer freimaurischen Geheimsprache ritzte er seine Gedanken in die Wände, Symbole von Sonne und Mond, geometrische Muster, Beschreibungen seiner Qualen. Die Entdeckung und Entschlüsselung war eine Sensation. Nini hat aus der Anlage inzwischen ein Museum gemacht und veranstaltet Führungen durch Narni Sotteranea. Die Eintrittsgelder und Spenden erhalten die historische Stätte. Neben Schulklassen, Studenten und Touristen kommen immer wieder auch international bekannte Experten, um sich die lange verborgenen Gänge und Gewölbe anzusehen.

Und inzwischen hat wohl auch die Stadt begriffen, dass sie auf einer Art Schatz sitzt und da über Jahrzehnte hinweg mitnichten Verrückte ihre Freizeit und ihr eigenes und privat gespendetes Geld investiert haben, um sich durch den geschichtsträchtigen Untergrund zu arbeiten. Schließlich genügt ein Blick ins nahe Orvieto, wo der durchlöcherte Tuffstein unter der Altstadt schon lange erfolgreich als Attraktion vermarktet wird.

Höhlengewölbe sollen Touristenattraktion werden

1200 Höhlen finden sich hier, ein bis zu 3000 Jahre altes Labyrinth aus tiefen etruskischen Brunnen, Lagerstätten, Ölmühlen. Die Führungen sind begehrt, auf Wunsch kann man in einigen der riesigen Hohlräume sogar heiraten. Und auch im nahe gelegenen Todi in der Provinz Perugia ist man stolz auf die über fünf Kilometer unterirdischer Stollengänge und Tunnel mit 30 Zisternen und 500 Brunnen aus Antike und Mittelalter.

In Narni war der „Weg zur Erkenntnis“ eben etwas länger, sagt Roberto Nini und umschreibt damit freundlich die einstige Ignoranz der Stadtoberen. Aber in diesem Jahr hätten sie ja nun immerhin von der Kommune zum ersten Mal Geld für das Projekt bekommen. Wie viel? „5000 Euro“, sagt Nini — und verzieht keine Mine dabei.

Umbrien wird aufgrund seiner geografischen Lage, der vielen Wälder und unberührten Natur auch "das grüne Herz Italiens" genannt. Die umbrische Küche hat sich über Jahrhunderte ihre bäuerlichen Wurzeln bewahrt. Hülsenfrüchte spielen immer noch eine Hauptrolle, daneben ist die Region berühmt für Wildschwein- und andere Wildgerichte.

Die Stadt Norcia gilt als italienische Hochburg für Salami-  und Schinkenspezialitäten.  Darüber hinaus ist Umbrien bekannt für Schwarze Trüffel und ein geschmacklich sehr ausgewogenes Olivenöl. Als einzige Region Italiens hat Umbrien weder eine Küstenlinie noch eine Grenze zum Ausland. Dafür wartet das Land zwischen Latium, den Marken, der Toskana und den Abruzzen mit dem Trasimener See auf, dem viertgrößten Binnengewässer Italiens. In der Nähe der Stadt Terni finden sich zudem die Cascate delle Marmore. Die 165 Meter hohen und von den Römern künstlich angelegten Wasserfälle zählen zu den höchsten Europas. 

Weitere Informationen unter  www.narnisotterranea.it, www.orvietounderground.it (deutsche Fassung), www.enit.it 

Von Arno Stoffels

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