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Unterwegs zur Stille im Norden Thailands

Eine Reise zu lächelnden Menschen und spirituellen Orten - 02.01.2016 08:00 Uhr

Von einer hohen Mauer verborgen ist dieser riesige Buddha in der Tempelanlage Wat Si Chum.

Von einer hohen Mauer verborgen ist dieser riesige Buddha in der Tempelanlage Wat Si Chum. © Carola Scherbel


Andächtig kniet eine junge Frau auf dem sandigen Boden vor dem Bodhi-Baum, einem hausgroßen Ficus mit unzähligen Luftwurzelarmen. Ich sehe, wie sie ihre Stirn weit nach unten neigt. Vor ihr im Wurzelgewirr des heiligen Baumes: das klare Gesicht Buddhas, der Rest einer längst zerstörten Sandsteinskulptur. In der großen Tempelanlage Wat Mahathat in der früheren thailändischen Königsstadt Ayutthaya ist der Kopf in den Baum hineingewachsen, von ihm wird er geschützt und gehalten. Ein stiller Platz der Versenkung mitten im touristischen Zentrum der Stadt.

Stille und Meditation – in Thailand ist das überall möglich, an jeder Ecke. Tempel und Pagoden öffnen sich immer wieder vor uns – zwischen Einfamilienhäusern und Einkaufszentren. Buddhastatuen in kleinen und riesigen Formaten mahnen Buddhisten zur Stille. Und Alte wie Junge knien sich hin, werden still.

Ich aber bin hier immer in Bewegung, mit unterschiedlichen Transportmitteln. Meine Fahrt geht durch den Norden Thailands – in die herrschaftliche Vergangenheit des Landes, aber wie ich bemerke, auch in spirituell und traditionell geprägte Regionen. Diese Fahrt macht Vergnügen, mit Bus und Schiff, mit Rikscha, Fahrrad und dem Traktor. Und führt auch zur Stille.

In Ayutthaya – das 80 Kilometer nördlich von Bangkok aus bequem mit dem Bus oder einem gemieteten Minivan auf der Autobahn zu erreichen ist – residierten 400 Jahre lang die Könige von Siam und ließen prächtige Buddha-Tempel mit Pagoden im Khmer-Stil erbauen. Heute sind fast nur noch Ruinen der alten Pracht zu sehen, die Burmesen zerstörten 1767 viele Bauten und schmolzen auch das Gold einer 16 Meter hohen Buddhastatue ein.

Zeugen der großen Zeit

Siams Hauptstadt wurde weiter nach Süden verlegt, erst nach Thonburi, später nach Bangkok. Aber Zeugen der großen Zeit gibt es noch: Die Tempelanlage Wat Mahathat mit dem schönen Buddhakopf im Baum oder wenige Meter entfernt der Viharn Pra Mongkolborpit, wo ein über zwölf Meter hoher Bronzebuddha steht, einer der größten in Thailand. Den Ausblick genießt man gern in Bewegung: auf dem hohen Rücken von Elefanten. Gemütlich traben die Dickhäuter an historischen Tempeln entlang und schaukeln ihre Gäste bequem an den heiligen Stätten vorbei.

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Thailand Thailand Thailand
Auf der Suche nach dem Seelenfrieden in Thailand

Inmitten von Menschenmassen und Farbenpracht verliert sich ein Urlauber im Norden Thailands schnell. Die Einheimischen jedoch haben gelernt, gelassen zu bleiben. Sie nutzen die allerorts vorhandenen Buddha-Statuen zur Einkehr.


Ein ganz weltliches Ziel steuere ich an einem der drei Flüsse an, die Ayutthaya umschließen wie eine Insel – dass die Lage ideal ist für Handel und Gewerbe hatten schon im 17. Jahrhundert die Niederländer erkannt, die hier eine Niederlassung ihrer Vereinigten Ostindischen Companie (VOC) gründeten.

Das Haus am Fluss, von dem aus damals mit Zinn und Holz, Gewürzen und Leder gehandelt wurde, ist heute ersetzt durch einen schmucken Neubau: Das Museum „Baan Hollanda“ erinnert an die gemeinsame Handelsgeschichte. Ausgestellt sind Rochenhaut für Samuraischwerter und Dosen, die innen mit Zinn beschlagen sind, um trocken Tee zu transportieren. Die niederländische Königin Beatrix war hier schon zu Gast und spendete Geld für das Museum, im kleinen Shop könnte ich sogar Delfter Porzellan und echte Holland-Holzschuhe kaufen.

Barke als Gasthaus

Früher legten hier die Reisbarken an – mit bis zu 350 Reissäcken à 100 Kilo in ihrem Rumpf. Heute sind die hölzernen Wannenschiffe nicht mehr tauglich für den Reistransport, als Tourist nutze ich eines aber als Guesthouse. Chattcharan, 55 Jahre alt und Chef der Werft Sri Jaroen, repariert und saniert mit seinen Mitarbeitern diese Schiffe, die dann als Hotelschiffe wieder vom Stapel laufen. Drei Tage vom Wasser aus auf die malerische Stadtkulisse blicken – mit eigener Kabine dort, wo früher die Reissäcke lagerten –, das ist ein verlockendes Angebot.

Bei einer weiteren Schiffsfahrt weiter nördlich auf dem Fluss Sakae Krang in Uthai Thani schaue ich Fischzüchtern bis in ihre Küchen: Die Familien leben seit Jahrhunderten in Holzhäusern auf dem Fluss, Bambusstangen tragen sie, daneben liegen große Reusen, in denen die Fische aufgezogen werden. Taen steht hier hinter ihren Schüsseln mit frisch geräuchertem Fisch, die 62-Jährige verkauft die Schlangenkopf- und Catfische seit Jahrzehnten auf dem Markt in Uthai Thani – oder an uns Touristen, die mit dem Boot vorbeischippern.

Weiter im Norden „erfahre“ ich noch mehr von der thailändischen Geschichte: Vor 1350 war Sukhothai die Hauptstadt, auch hier zeugen Reste prächtiger Tempel von der Blüte des Königreichs Siam. Ich erfahre mir den historischen Park am schönsten und einfachsten – mit dem Fahrrad, das direkt am Parkeingang zu mieten ist.

Ein Traktor eignet sich dagegen als Fortbewegungsmittel auf der organisch-biologischen Reisanbaufarm in Sukhothai. Auf dem Gelände des Flughafens hat die Fluglinie Bangkok Airlines ein großes Stück brachliegendes Land an die biologisch wirtschaftende Initiative vergeben. Besuchen erwünscht. Wollte ich schon mal selbst Reisschösslinge pflanzen? Oder mich auf den Rücken eines der Wasserbüffel setzen, die hier auf den Reisfeldern den Pflügedienst tun?

Reispflanzen im Schlamm

Auf der Farm schlüpfe ich also in eine indigoblaue Baumwollmontur und Gummistiefel und drücke kleine Reispflanzen in den grauschwarzen Schlamm. Danach kann ich beim Thema Arbeit in gebückter Haltung bei 35 Grad schon besser mitreden.

Zur Erholung zeigt mir Farm-Angestellte Aun dann, wo sie die Enteneier einsammelt, wie viele Sorten Chili angebaut werden, wann Drachen- und Passionsfrucht geerntet wird und was sich aus der Lotusfrucht alles zaubern lässt – sogar der Stengel ist essbar.

Welchen Weg legt der Reis zurück bis zur Endkontrolle? Als die Sortiererin Pisa Mai eine Handvoll Jasminreis vor sich auf ein Tischchen schüttet, Korn für Korn mit den Augen nach eventuell unreifen, dunklen absucht, bevor sie die „guten“ zur Verpackung weiterschickt, gehen mir schon nach Minuten die Augen über. Pisa Mai schafft zehn Kilo am Tag, „gute Arbeit, gutes Team“, lacht sie fröhlich und erstaunt mich – wie alle Menschen, die ich treffe — mit liebevoller Sanftmut.

Eine Rikschafahrt gehört in Thailand zum Standardprogramm. Die kleine Stadt Phrae erkunde ich also entspannt auf dem bequemen Radrücksitz, manch ein Rikschafahrer aber fühlt sich zu Höherem berufen. Wer etwa an den stolzen Gewinner des jährlichen Rikscha-Contests gerät, absolviert die Tour durch die Stadt bestimmt deutlich schneller – trotzdem nicht unsicherer, denn die Fahrer achten auf ihre kostbare Fracht ebenso sorgfältig wie es im gesamten Straßenverkehr üblich ist. Es gilt: Rücksicht vor Eigennutz.

Heiliges Fahrzeug

Wie ein schlichtes Auto zum heiligen Fahrzeug wird, erlebe ich in der Nähe der Stadt Nan, als eine ganze Dorfbevölkerung einen kleinen Transporter mit knallig bunten Bändern schmückt und auf seine Ladefläche mehrere Blech-Etageren stellt. Angebunden werden daran nützliche und schöne Dinge wie Nähzeug und Toilettenpapier, Krabbenchips und Suppendosen.

Die Fastenzeit ist vorbei, erklären die Dörfle; die buddhistischen Mönche im Kloster (die kein eigenes Geld und Einkommen haben) brauchen jetzt sinnvolle Dinge für ihren Lebensalltag. Für das große Opferfest wird alles auf den Wagen geladen und zum Tempel gebracht.

Bis Nan geht die Fahrt – und dort zu Fuß durch den Morgenmarkt, der mir grüne Mango, Galgant und Tamarinde offeriert, fermentierten Fisch und bergeweise Currypaste. Das letzte Ziel ist, mit einer schienenlosen Tram. der berühmte Tempel Wat Phumin, voll mit feingezeichneten Wandmalereien. Auch hier erlebe ich – wie überall in Gegenwart des „Erleuchteten“ – Menschen, die still sind in Andacht und Ehrfurcht.

Weitere Informationen zum Reiseziel

Weitere Infos zum Reise-Land des Lächelns und der Stille beim Thailändischen Fremdenverkehrsamt, das diese Reise unterstützt hat.

Tel.: 069/1381390

www.thailandtourismus.de

Thai Airways International bietet derzeit 20 wöchentliche Nonstop-Flüge von Deutschland nach Bangkok an. Tel.: 069/92874444 www.thaiairways.com  

Von Carola Scherbel

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