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Delfinschützer schauen in die Akten

"Wir verschwenden wichtige Ressourcen" - 28.09.2011 07:07 Uhr

Mehrere Meter Akten erwarten die Delfinschützer der Organisation WDCS.

Mehrere Meter Akten erwarten die Delfinschützer der Organisation WDCS. © dapd


Die letzten seiner Art tummeln sich im Tiergarten, acht starben 2010 – doch wären so viele Medienvertreter gekommen, wenn es um den gefährdeten Dybowski-Hirsch ginge? Tiergarten-Tierärztin Katrin Baumgartner schaut in die Runde, die Journalisten schweigen. Baumgartners Stress-Ausschüttung und die ihres Chefs Dag Encke schnellen in die Höhe, wenn es um das Thema Delfinhaltung geht. Dagegen wirken die Werte des Senior-Tümmlers Moby, 51, wie nach einer Tiefenentspannung.

Genau für diese Werte – veterinärmedizinische Daten und Behandlungen sowie Pflegeprotokolle – interessiert sich die Delfinschutzorganisation. Dadurch erhofft sie sich Antworten auf die Frage, warum in Nürnberg so viele Junge sterben. Die Aufzeichnungen sollen aufklären über die Haltungsbedingungen der Delfine und ihr Sozialleben.

Tiergartendirektor Encke zweifelt an der Ernsthaftigkeit der Zielsetzung. Es sei unmöglich, aus den Daten ohne Kenntnisse der Vorgeschichte und der Zusammenhänge seriöse Schlüsse zu ziehen. Weil es erklärtes Ziel der WDCS sei, alle Delfinarien in Europa zu schließen, könne die Evaluierung gar nicht unvoreingenommen ausfallen – zumal sonst die Glaubwürdigkeit bei den Spendern auf dem Spiel stünde.

Die Befürchtung des Tiergartens, die Organisation habe gar kein Interesse an einer objektiven Auswertung, „kann ich gut verstehen“, sagt Meeresbiologe Karsten Brensing vom WDCS. Aus diesem Grund soll sich auch ein wissenschaftlicher Kooperationspartner des Materials annehmen. „Das kann sich mehrere Monate, vielleicht sogar bis zu einem Jahr hinziehen“, sagt Brensing.

Aber auch Tierärztin Baumgartner kritisiert die Methodik. „Wenn zu mir ein Trainer kommt und sagt, dass es einem Tier nicht gutgeht, dann blättere ich nicht in den Akten.“ Eine erhöhte Leukozyten-Anzahl beim alten Moby habe eine andere Bedeutung als bei der jungen Jenny. Für einen vertieften Einblick sei der Dialog mit den Pflegern und ihr notwendig. Bislang hätten die Delfinschützer aber nicht versucht, mit ihr zu sprechen. Das wiederum bestreitet die WDCS. Man habe durchaus versucht, mit dem Tiergarten in Kontakt zu treten. Im Vorfeld der Gerichtsverhandlung bestand ein reger Schriftverkehr. „Wir haben unsere Unterstützung angeboten. Das Angebot wurde abgelehnt“, sagt die Büroleiterin des WDCS in Deutschland, Ruth Gründler.

Nach wissenschaftlichen Studien beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung freilebender Delfine 25,1 Jahre, die Lebenserwartung der Tiere in Nürnberg 25,9 Jahre, sagt der Verhaltensbiologe des Tiergartens, Lorenzo von Fersen. Allerdings bereite auch dem Tiergarten die hohe Kälbersterblichkeit Sorgen – sie liegt bei 74 Prozent; von 15 in Nürnberg geborenen Kälbern leben nur noch vier. Von Fersen: „Wir haben hier ein Problem, und daran arbeiten wir.“

Deshalb gab man bereits 2008 eine wissenschaftliche Studie beim Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Auftrag. Mit dem Ergebnis: „Es lässt sich kein eindeutiges Muster hinter den Todesfällen erkennen. Vor allem Krankheitserreger scheinen keine übergeordnete Rolle zu spielen.“

In Zukunft sollen Delfine verstärkt die Möglichkeit bekommen, von älteren Artgenossen in der Gruppe zu lernen, was zum Beispiel unerfahrenen Erstgebärenden helfen würde. Außerdem sollen Hebebühnen im Delfinarium eine verbesserte medizinische Kontrolle und Behandlung der Jungtiere ermöglichen.

Doch die Dimension, die das Thema Delfinhaltung einnimmt, können weder Encke noch Baumgartner und von Fersen nachvollziehen. „Wir“ – und damit meint Verhaltensbiologe von Fersen nicht nur den Tiergarten, sondern auch die Delfinschützer – „wir verschwenden hier wichtige Ressourcen für effektiven Artenschutz.“ In der Zeit, in der in Nürnberg 28 Große Tümmler gestorben sind, verendeten in den Weltmeeren zwölf Millionen Tiere qualvoll in Treibnetzen. Und dagegen kämpfen beide, sowohl Tiergarten als auch WDCS.

Aufklärungsarbeit über die Delfinpopulation weltweit leistet der Tiergarten zum Beispiel in der Lagune. Um sie zu sehen, strömten allein im August 241000 Besucher in den Tiergarten – ein neuer Rekord. Das veranlasste Dag Encke dann doch noch zu einem Lächeln. „Da wird mit den Füßen abgestimmt.“ Und wer weiß, vielleicht gibt es auch mal wieder gute Nachrichten von den Delfinen: Sunny könnte nämlich trächtig werden. 

Kathrin Walther

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