Der Senegalese Papiss Cisse nutzte die günstige Gelegenheit, und der arme Welz erfuhr erstmals, wie einsam sich ein Schiedsrichter in einem großen Stadion fühlen kann. Dabei hatten beide Schiebers alles richtig gemacht, der vermeintliche auch, denn Andreas Wolf hatte - nachdem sich zuvor keiner so recht für Stefan Reisinger zuständig fühlte - den Ex-Fürther tatsächlich viel zu ungestüm attackiert. Nur ist es eben oft eine Frage der Perspektive - was sich nach dem Schlusspfiff noch einmal erschloss, als Nürnbergs Mehmet Ekici erklärte, man habe "neunzig Minuten gut nach vorn gespielt" und nach dem unglücklichen Ausgleichstor die richtige Reaktion gezeigt.
Mancher Zuhörer wunderte sich. Zwar war schon noch ein Tor gefallen, aber auch das dummerweise ja für Freiburg - nach Jonathan Jägers Flanke traf wieder Cisse völlig unbehelligt per Kopf -, womit die Heimpremiere des 1.FC Nürnberg einigermaßen verkorkst war. Aber Ekici wollte das nicht gelten lassen. "Wir müssen es nächstes Mal besser machen", meinte er, "aber wir haben gezeigt, dass wir Charakter haben und dazu in der Lage sind."
Mehmet Ekici war das in der Tat gelungen, er ist ein feiner Fußballer mit erstaunlich reifem Spielverständnis für einen Zwanzigjährigen. Das 1:0 bereitete er per Freistoß vor; Freiburgs Keeper Simon Pouplin griff so gründlich daneben, dass die Kugel von seinem Vordermann Felix Bastians vor Schiebers Kopf prallte. Nach der Pause zirkelte der in München geborene Deutsch-Türke den Ball per Freistoß elegant an die Latte, fast im Gegenzug aber fiel das 1:2 - Künstlerpech. "In Gladbach war es der Pfosten, heute die Latte", überlegte Ekici - der nächste soll drin sein. Vorerst war ein ersehntes Erfolgserlebnis wieder einmal aufgeschoben, das kennt man aus den vergangenen Spielzeiten, und auch in der Ursachenforschung stößt man kaum auf verblüffend neue Erkenntnisse. Willig, aber harmlos, talentiert, aber etwas naiv: So ähnlich sah es wieder aus. "Wir haben uns in entscheidenden Situationen dumm angestellt", erklärte also Torwart Raphael Schäfer und bemerkte völlig zu Recht, dass damit "schon am zweiten Spieltag eine Riesenchance verpasst" worden sei.
Der Blick auf die nächsten Dienstreisen (zum HSV und nach Leverkusen) und die Resultate vermeintlicher Konkurrenten im Abstiegskampf (Kaiserslautern, Hannover und Mainz starteten mit je zwei Siegen) unterstreicht diese Ansicht, weshalb Schäfer wenig Interesse daran zeigte, positive Erkenntnisse aus insgesamt faden neunzig Minuten herauszufiltern. Der Auftakt? Okay, zwanzig ansehnliche Minuten, meinte Schäfer, habe man auch beim 1:1 in Mönchengladbach hinbekommen, "aber das ist zu wenig". Sehr viel mehr waren es tatsächlich auch diesmal nicht. Zwar hatte Freiburgs Trainer Robin Dutt zunächst einen "haushoch überlegenen" Club gesehen, dessen wirklich herausgespielte Torchancen sich aber auf etwa null summierten. Und mit Dutts taktischer Notbremse - er brachte mit Reisinger früh einen zweiten Stürmer - war der zunächst ansehnliche Nürnberger Spielaufbau schon empfindlich gestört. Dem biederen Sportclub genügten drei Torchancen und eine solide Durchschnittsleistung zum ersten Auswärtssieg seit dem 1:0 ebenfalls in Nürnberg am 28. November 2009, weil die Heimmannschaft im Frankenstadion kein Konzept mehr fand, sich schließlich auf rustikale Weise mit hohen Bällen versuchte und irgendwann daran verzweifelte.
"Wir haben aufgehört, Fußball zu spielen", konstatierte Kapitän Wolf, nachdem der erwartete Abstiegskampf am Samstag um zwanzig nach fünf früher als geplant schon begonnen hatte. "Besser können wir nicht spielen", erklärte Trainer Dieter Hecking trotzdem - was aber nicht als Drohung zu verstehen war, Hecking bezog sich auf den Spielausschnitt mit dem Führungstreffer, da habe seine Elf "den Gegner am Boden" gehabt, "aber mit dem Elfmeter ist das Spiel gekippt". Immerhin, mit beiden Schiebers war Hecking trotzdem einverstanden. "Für mich war es ein Elfmeter", sagte er, "die Fehler müssen wir schon bei uns selbst suchen."
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