Mittwoch, 20.03.2019

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Gipfeltreffen mit Anton Bruckner

Musikalische Großtaten der Symphoniker und der Staatsphilharmonie im Vergleich - 18.11.2018 19:23 Uhr

Mozart als Bruckner-Begleiter: Es ist ein Himmelfahrtskommando, Programme mit Bruckner-Symphonien zwischen einer und anderthalb Stunden Länge auf das Konzert-Gardemaß aufzufüllen; und irgendwie sollte die notwendige halbe Stunde ja zu Bruckner passen. Beide Konzerte machten den Versuch mit Mozart: Vor die 90 Minuten der Achten platzierten die Symphoniker das hinreißend unterhaltsame "Jeunehomme"-Klavierkonzert und den Pianisten Hardy Rittner. Der setzte möglichst krasse Kontraste von extrem langsam und überdreht hektisch, versiert im schönen Menuett, keck zu Beginn. Der Schweizer Mario Venzago dagegen lässt die "Prager" Symphonie spielen: Aber so, wie er später Bruckner versteht, hätte wohl Schubert besser gepasst. Aber wenn er als vergnügter Motivator aufs Mozart-Finale losprescht, wird das durchaus ein respektables Gegengewicht zu Bruckner.

 

Bruckner, gezeichnet vom Nürnberger Karikaturisten Lutz Backes alias Bubec.


Der Bruckner-Gipfel: Schon die Widmungen der beiden Symphonien 3 und 8 sprechen Bände. Die eine an Richard Wagner: Das oft umgearbeitete, ehrgeizige Schmerzenskind unter Bruckners neun Symphonien vom "armen Organisten" ist dem "unerreichbaren, weltberühmten und erhabenen Meister" gewidmet, die Achte 1890 mit "allerehrfurchtsvollster Dedication" dem Kaiser. Da traut sich der inzwischen erfolgreiche Bruckner was! Das merkt man auch an der Besetzung: Roger Epple bietet dreifache Bläserbesetzungen auf, acht Hörner, die Mindestausstattung an Harfen, eine Tuba. Vieles davon braucht Mario Venzago für seine Dritte nicht — es bleibt sogar in der Endfassung bei einer klassisch-romantischen Besetzung wie beim Bruckner-Feind Brahms. Aber beide schwächeln (wie so oft) bei den Kontrabässen: einmal nur fünf, dann sechs, wo doch die Bruckner-Spezialisten heute bis auf zehn aufstocken für ein richtiges Bruckner-Fundament.

Zwei Konzepte für Bruckner: Was Roger Epple und die Nürnberger Symphoniker mit der hohen Bruckner-Kompetenz des Orchesters im Rücken aus der Achten machen, ist eine gut ausbalancierte Aufführung in bester Tradition: die Naturstimmen des Scherzo-Trios im Kontrast zum martialischen Zugriff der imperialen Kaiser-Symphonie, nie fett in Ton und Tempo, eher mit schlanker Aggressivität. Epple beginnt mit Feldherrenpose, vermittelt unzweideutige Anweisungen, kann sich weitgehend auf die führenden Solopulte verlassen. Die großen Steigerungen sind ökonomisch angelegt, fordern die Symphoniker in ihrer ganzen Fülle heraus — eine gigantische Musikmaschine der Gründerzeit nach traditionellem Bruckner-Muster. In Erinnerung bleibt das Adagio mit hohem Ergriffenheitsfaktor und wie Epple Bruckners Raffinessen an Instrumentierung und Dramaturgie effektvoll realisiert. Venzago dagegen ist seit seiner Bruckner-Gesamtaufnahme mit verschiedenen Orchestern ein Mann des individuellen Konzepts: "Ich will Bruckner nicht mehr so spielen wie vor hundert Jahren und spiele prinzipiell nur die letzten Fassungen", sagt er. Und führt ganz andere Bruckner-Dimensionen vor als sonst, sehr diesseitig, mit schnell vorüberziehenden Bläserchorälen und samten schwellendem Streicherklang – von "misterioso" ist eher keine Rede. Was er konsequent mit der Staatsphilharmonie verfolgt, ist das typische "Anrollen" des Klangs, ist das Feuer der Streicher: Bruckner als Einstiegsdroge, seine Bausteine nicht in schroffer Abgrenzung, sondern in einschmeichelnder Verknüpfung.

Wie hätten es die Chefs gemacht: Kahchung Wong erinnert sich bereitwillig aus der Ferne an die CD-Box mit Celibidache, die er schon als Kind bekommen hat, und hat gerade erst Bruckners Neunte in Mannheim und Mainz dirigiert. Und er findet, der Bruckner-Sound hätte auch "a glimpse of the "now and the future" – zu hören in der Saison 2019/20. Joana Mallwitz will sich erst zu Bruckner äußern, wenn sie ihn auch selber dirigiert: diese Spielzeit jedenfalls nicht. Aber man freut sich, dass im Philharmoniker-Programmheft nach angelsächsischer Tradition die aktuelle Orchesterbesetzung namentlich aufgeführt ist, etwa der an den Pauken vielbeschäftigte Paul Donat.

Die Resonanz: Nach anderthalb Stunden Achter verteilt das Publikum seinen Beifall sehr differenziert nach den Orchestergruppen, applaudiert spontan und lang anhaltend. Mario Venzago wirft seinen Blumenstrauß nach alter Shelley-Sitte ins Publikum. Damit war für beide Orchester für 2018/19 mit Bruckner Schluss, aber das Symphoniker-Konzert hieß ja ohnehin: "Das ist der Gipfel !" 

UWE MITSCHING

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