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Grass lud Erlanger Studenten zu sich ein

Poetik-Exkursion zum Nobelpreisträger nach Lübeck - 01.07.2014 19:55 Uhr

"Löchern Sie mich ruhig mit Fragen", forderte Günter Grass (l.) die Studenten aus Erlangen auf. © NZ


In der Werkstatt stehen Regale voll mit Büchern, ein Stehpult und die Olivetti, die mechanische Schreibmaschine, auf die Grass schwört. „Wenn ein Werk am Computer entsteht, merkt man das“, sagt der Schriftsteller zu den Studenten „Es sieht gleich so fertig aus und wird zu wenig bearbeitet.“ Zu Beginn lauschen die 20 Gäste dem Literaturnobelpreisträger noch ganz ehrfürchtig, dann immer neugieriger. Grass hat sie eingeladen, ihn zu besuchen. Vom Roman „Hundejahre“ gab es sieben oder acht Manuskriptfassungen, ehe er 1963 erschienen ist, verrät der Autor. Und dass er immer noch jeden Tag arbeite mit 86 Jahren.

Das Poetik-Kolleg an der Uni Erlangen-Nürnberg besuchen Studenten der Literaturwissenschaft, Germanistik und aus dem Masterstudiengang „Ethik der Textkulturen“. Jedes Semester beschäftigen sich die Teilnehmer mit dem Werk eines Autors, der dann als „Gastpoet“ an zwei Tagen zu Besuch kommt. Außer ihm ist die Anreise zu beschwerlich. "Heuer hatten wir zum ersten Mal ein Poetik-Kolleg ,on the road‘“ sagt Victoria Gutsche, die als Wissenschaftliche Assistentin mitgefahren ist. Seminarleiterin Susanna Brogi hatte den Kontakt organisiert, die Dr.-Alfred-Vinzl-Stiftung aus Erlangen half, die Reise zu finanzieren. In Lübeck besuchten die Studenten das Grass-Haus, ein Museum, in dessen Archiv sie die Grafiken zu „Hundejahre“ und der Sonettsammlung „Novemberland“ ansehen konnten. „Grass wird in der Öffentlichkeit vor allem als Autor wahrgenommen“, sagt Gutsche. „Aber er sagt, dass das Schreiben und Zeichnen bei ihm eng miteinander einhergehen.“ Ob eine Metapher funktioniere, merke er am besten, wenn er sie zeichne.

Eine Horde Studenten im Arbeitszimmer

Die Sekretärin des Schriftstellers zeigte den Studenten die Blindbücher, in die Grass die ersten Entwürfe seiner Texte schreibt. „Mich hat vor allem fasziniert, wie wenig darin durchgestrichen ist“, sagt Gutsche. Und wie der Nobelpreisträger mit den Studenten umgeht: „Es wirkte, als hätte er viel Spaß daran, mit den jungen Leuten zu diskutieren.“ Er las ihnen sein Gedicht „Kleckerburg“ vor, ermunterte sie, gerne Fotos zu machen und signierte alle mitgebrachten Bücher. „Es möchte wahrscheinlich nicht jeder eine Horde Studenten bei sich im Arbeitszimmer sitzen haben“, sagt Gutsche. „Aber Herr Grass war ein absolut offener und sympathischer Gastgeber.“

Neben dem alten Forsthaus, in dem Grass wohnt, hat sich der Bildhauer, Maler und Grafiker seine Werkstatt eingerichtet. Als Gastgeschenk brachten die Studenten ihm Kohlestifte aus Nürnberg mit, dazu Bücher über die Sammlungen der Universität, fränkische Impressionen und die Zeit des Autors Jean Paul in Erlangen. Direkt nach dem Besuch waren die Studenten ganz still. „Doch dann sprudelten die Ideen aus ihnen heraus, für Zulassungs-, Bachelor- und Masterarbeiten“, sagt Gutsche. „Da ruhen noch viele Schätze, die es zu heben gilt.“ 

Christina Merkel

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