Donnerstag, 15.11.2018

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Hans Schuierer über das Lehrstück WAA

Aus kam vor 20 Jahren - Ehemaliger Landrat erinnert sich - 13.06.2009

«Man kann was erreichen»: Das ist für Hans Schuierer die Lehre der WAA-Geschichte. © Kastenhuber


Hier sitzt jemand, der mit sich im Reinen ist. Vom Kaffeetisch auf der Terrasse aus blickt Hans Schuierer auf ein paar Hundert Quadratmeter gepflegtes Gartengrün. In Reichweite neben seinem Stuhl liegt das Fernglas. Vor allem in den Morgenstunden kommen aus dem angrenzenden Waldstück alle möglichen Vögel zu Besuch. «Manchmal ist sogar ein Pirol dabei«, erzählt Schuierer. Und ein zufriedenes Lächeln hellt das gebräunte Gesicht des unverschämt jung wirkenden 78-Jährigen auf.

Nichts erinnert in diesem Moment an jenen Schwandorfer Landrat Hans Schuierer, der sich zum Leidwesen der deutschen Atomindustrie und der Staatsregierung in den 80er Jahren als einer der härtesten Knochen in der an solchen Typen ohnehin reichen Oberpfalz erwies. Ihn hatten weder die Bosse der Energiekonzerne noch der damals in Bayern regierende Franz Josef Strauß auf der Rechnung, als sie im Taxölderner Forst bei Wackersdorf eine riesige Fabrik zur Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennstäbe bauen wollten. Acht Jahre dauerte die Auseinandersetzung um die WAA, die von beiden Seiten teilweise als Schlacht geführt wurde. Dass am Ende Industrie und Politik den Kürzeren zogen, dafür sorgte die stetig wachsende Zahl friedlicher Gegner des Projekts. Die Galionsfigur des Widerstands hieß Hans Schuierer.

Geheimtreffen im Hotel

Die Rolle hatte sich dem gelernten Maurer, der als 25-Jähriger nach dem Vorbild des Vaters für die SPD in die Kommunalpolitik eingestiegen war, nicht aufgedrängt. «Ich hatte zunächst keine Ahnung von Atomenergie«, gesteht er offen ein. 1979 waren erste, vage Gerüchte um eine Atomanlage in der Oberpfalz aufgetaucht. Irgendwann 1981 lädt Umweltminister Alfred Dick den Landrat zu einem Treffen in ein Regensburger Hotel. «Streng vertraulich« wird Schuierer in die WAA-Pläne eingeweiht. «Er hat mir das in den schönsten Farben dargestellt und von 3600 sauberen Arbeitsplätzen gesprochen. Ich war begeistert.«

Lange hält die Euphorie nicht an. Der Landrat informiert sich. Er liest, spricht mit Wissenschaftlern und teilt bald nicht mehr die Meinung von Franz Josef Strauß, wonach so eine WAA «nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichenfabrik« sei. Misstrauisch wird Schuierer vor allem, als er merkt, «dass die uns nicht die Wahrheit erzählen«. Auf Plänen der «sauberen Fabrik« entdeckt er einen fast 200 Meter hohen Kamin. Als er die Vertreter der Betreiberfirma DWK fragt, wozu der gebraucht werde, sagt man ihm, «dass durch den die radioaktiven Schadstoffe gleichmäßiger verteilt werden sollen«.

Schuierer nimmt den Kampf gegen die WAA auf. Er unterstützt die Bürgerinitiative vor Ort, tritt als Redner bei Protestveranstaltungen auf - und er stellt sich als Chef der Genehmigungsbehörde quer. Das trägt ihm unter anderem ein Disziplinarverfahren und dem Freistaat eine «Lex Schuierer« ein. Genervt vom widerspenstigen Schwandorfer Landrat verabschiedet die Landtags-CSU ein Gesetz, das dem Staat über den Kopf eines Landrats hinweg bei Genehmigungsverfahren ein «Selbsteintrittsrecht« sichert. Es gilt heute noch.

«Eine schwere Zeit«, erinnert sich Schuierer. Viel Druck hat er damals auszuhalten. Gerne würde ihm die Staatsregierung eine Verletzung seiner Amtspflichten nachweisen. Und wenn der «WAA-Rebell« am Abend quer durch die Republik reist und Vorträge hält, weiß er stets Kripobeamte oder Staatsschützer im Saal, die jedes Wort von ihm festhalten. Schuierer erlebt am eigenen Leib, was der Zukunftsforscher Robert Jungk 1977 in seinem Buch «Der Atomstaat« prophezeit hatte: dass sich Politik und Wirtschaft im Ringen um «technischen Fortschritt« plötzlich gegen die eigene Bevölkerung stellen.

«Wie Totschläger«

Am martialischen Bauzaun, draußen im Taxölderner Forst, zeigt sich diese Gegnerschaft von ihrer hässlichsten Seite. Bei Demonstrationen, an denen oft mehrere Zigtausend Menschen teilnehmen, kommt es zu blutigen Szenen. «Natürlich«, sagt Hans Schuierer, «waren da auch Autonome dabei, denen es nur um Krawall ging.« Aber der Ex-Landrat macht auch der Polizeiführung schwere Vorwürfe. «Da wurde das in der Genfer Konvention geächtete CS-Gas gegen Demonstranten eingesetzt, und Beamte eines Sondereinsatzkommandos aus Berlin führten sich wie Totschläger auf.«

Je härter sich die Staatsmacht in Wackersdorf aber zeigte, desto mehr Menschen schlossen sich der Parole an, die in der Oberpfalz bald jeden Heuschober zierte: «WAA nie!« Als vor 20 Jahren überraschend vermeldet wurde, dass die Atomwirtschaft ihr Milliardenprojekt stoppen wolle, wussten die überglücklichen WAA-Gegner, wo der Triumph zu feiern war. Vor dem Bauzaun trafen sie sich, sangen «Großer Gott, wir loben dich«, und sogar der knorrige Hans Schuierer wagte ein Freudentänzchen.

«Die Geschichte der WAA«, sagt der Pensionist heute, «ist ein Lehrstück.« In den Schulbüchern müsse sie deshalb erzählt werden. Junge Leute könnten daraus lernen, «dass es nicht stimmt, wenn man immer sagt: Daran kannst eh nix ändern.« Am Ende hat in Wackersdorf nämlich der kleine Mann gesiegt. 

Hans-Peter Kastenhuber

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