Sonntag, 18.11.2018

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In der Schule steht gesundes Essen auf dem Lehrplan

Kinderärzte warnen: Jedes siebte Kind ist zu dick — Nürnberger Pädagogen entwickeln erfolgreiche Gegenstrategie - 11.10.2011

Mehr Obst in der Schule ist der Schlüssel zu gesunder Ernährung und weniger Übergewicht; hier stellen Kinder im baden-württembergischen Naumburg Spieße aus Äpfeln her. © dpa


Affe Fitti kontrolliert regelmäßig die Boxen für das Pausenbrot. Er sucht nach Broten mit Wurst oder Käse, Äpfel oder Birnen und nach Getränken ohne Zucker — also Wasser, Schorle oder Tee. Falls Fitti erfolgreich ist, gibt es einen Stempel in den Gesundheitspass, und die können später in eine Belohnung umgetauscht werden.

Affe Fitti ist ein Stofftier, sozusagen der verlängerte Arm der Lehrerinnen an der Dr.-Theo-Schöller-Grundschule in Nürnberg. Dort fiel vor über vier Jahren auf, dass die Jungen und Mädchen überdurchschnittlich viel Gewicht auf die Waage brachten, erzählt Rektorin Maria Forster. Die Gegenstrategie heißt „Fit ist der Hit“, ein Projekt von Gesundheitsamt und Schulbehörden in drei Sprengeln der Stadt.

Klettern in der Pause

Neben Lesen, Schreiben und Rechnen steht dort auch Ernährung auf dem Stundenplan — nicht nur für die Kinder, sondern auch am Elternabend. Die Lehrer finden das richtig gut: „Das ganze Kollegium ist davon überzeugt“, freut sich Maria Forster. Und weil fürs ideale Gewicht auch Bewegung wichtig ist, gibt es für die 274 Kinder von Klasse eins bis vier außerdem eine Kletterwand, Springseile in den Pausen und Sportangebote am Nachmittag.

Wie nötig solche Ergänzungen des Lehrplans sind, wurde gestern auf dem Herbstkongress der Kinder- und Jugendärzte deutlich: Rund 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen drei und 17 Jahren sind zu dick, veröffentlichte der Berufsverband dieser Fachgruppe. Über sechs Prozent sind sogar krankhaft fettleibig. Selbst wenn manche Daten darauf hinweisen, dass der Trend leicht rückläufig ist: Dieser Anteil ist viel zu hoch. Wie viel im Argen liegt, lässt sich an einer Empfehlung ablesen, die in Bad Orb gegeben wurde: Kinder, so hieß es da, brauchen nicht ständig etwas zu naschen. Sie können durchaus vier oder sechs Stunden ohne Essen — aber nicht ohne Trinken — auskommen.

Professor Rolf Behrens von der städtischen Kinderklinik in Nürnberg diagnostiziert zunehmend „amerikanische Essgewohnheiten“ und meint damit schnell abbaubare Kohlehydrate und zu viel Fett. Wer es damit übertreibt, kann sich schon in jungen Jahren eine Fettleber einhandeln, die Vorbote eines ernsthaften Organschadens sein kann. „Die Fälle nehmen zu“, sagt Behrens, „dann ist eine Reduzierung des Gewichts nötig.“

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Das kann einfacher gehen als gedacht: Gerade Limonaden sind zum Problem geworden, seit die Mediziner zu verstärkter Flüssigkeitsaufnahme raten. Manchmal reicht es schon, sie durch Wasser oder ungesüßten Tee zu ersetzen. Generell rät Behrens zu drei Hauptmahlzeiten; für den kleinen Hunger zwischendurch empfiehlt er Obst. Wie sehr Kinder Süßigkeiten lieben, weiß er natürlich — „aber sie sollten nur in Maßen naschen“.

Wenig Süßigkeiten

Wie sich das erlernen lässt, zeigen die Ergebnisse der Dr.-Theo-Schöller-Grundschule: „Etwas Süßes hat fast niemand mehr mit dabei“, so Leiterin Maria Forster. Drei von vier Schülern, das ist das Ziel, sollten ein komplett gesundes Frühstück dabei haben. Ganz hat das letztes Schuljahr nicht geklappt, aber immerhin waren es 60 Prozent.

„Obst oder Gemüse fehlt häufig“, sagt Forster. Ein Grund: „Manchmal haben die Eltern zu wenig Geld dafür“ — deshalb gibt es zweimal pro Woche einen Obstkorb umsonst. Und wirklich unzufrieden ist die Pädagogin trotzdem nicht; denn Milchschnitten oder Haselnusscreme sind fast völlig verschwunden; über 90 Prozent der Kinder haben immerhin ein gesund belegtes Brot samt kalorienarmem Getränk mit dabei.
  

DIETER SCHWAB

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