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Antilopen Gang im Z-Bau: "Morddrohungen sind uns egal"

Hip-Hop-Punks über Kapitalismus, die RAF und ihr Album — Band spielt in Nürnberg - 14.01.2018 06:57 Uhr

Die drei von der Antilopen Gang: Koljah, Panik Panzer und Danger Dan (von li.). © Foto: Thomas Schermer/PR


Sie zitieren in Ihren Songs immer wieder Pioniere der deutschsprachigen Punk- und -Rockmusik wie die Fehlfarben, Ton Steine Scherben und Ina Deter. Mögen Sie, wie diese Künstler mit Sprache umgehen?

Danger Dan: Ich wollte mir eine Spotify-Playlist machen und dafür ein paar geile Lieder raussuchen, die ich gerade gern höre. Aber viele Lieder gibt es gar nicht auf Spotify, weil sie offenbar zu alt sind. Die Band Ideal zum Beispiel war lange vor meiner Zeit da, aber sie klingt krass aktuell.

Koljah: Die frühen 80er waren musikalisch spannend, weil die deutsche Sprache in der Zeit so richtig zu rollen begann. 1980 kam die erste Platte der Fehlfarben heraus. Sie ist für mich bis heute unerreicht.

"Anarchie und Alltag" ist eine Anspielung auf die Fehlfarben-Platte "Monarchie und Alltag", ein Klassiker des deutschen Punk. Welche Bedeutung hat das Wort Punk für Sie?

Koljah: Wir haben alle drei eine Punk-Sozialisation und kommen mit unserer Band aus einem Autonome-Zentren-Umfeld. Wir werden heute immer als die Punker im Rap gesehen, aber früher war das genau umgekehrt. Damals waren Hip-Hop-Veranstaltungen in autonomen Zentren noch etwas Ungewöhnliches. Es kommt also immer auf die jeweilige Umgebung an, dabei sind wir immer dieselben!

Antilopen-Gang über das Pank-Dasein

Ist die Idee von Punk heute immer noch dieselbe wie 1977?

Danger Dan: Die Idee von Punk kann man eigentlich nicht über 40 Jahre konservieren. 1977 wurden diese ganzen aufgeblasenen Rockstars mit ihren siebenminütigen Gitarrensoli von der Punkwelle weggefegt. Auf einmal konnte jeder sich quasi ein Instrument schnappen und loslegen. Mittlerweile ist Punk selbst ein alteingesessenes Musikgenre. Von daher kann die Idee heute nicht mehr die gleiche sein. Heute müsste es eigentlich darum gehen, den arrivierten Punkrockbands in den Arsch zu treten. Aber man kann natürlich immer noch subversiv sein, Altes infrage stellen und Neues schaffen. Gerade Hip-Hop ist eine Musikrichtung, in der sich jeder ausdrücken kann.

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Wo Pizza die Welt rettet: Die Antilopen Gang im E-Werk

Band der Stunde? Zumindest dürfte kaum eine andere Gruppe im Moment polarisieren wie die Antilopen Gang. Mit neuem Album kam die Band am Dienstagabend ins Erlanger E-Werk - mit dabei auf der Setlist "Fick die Uni" und "Pizza".


Wie kam es zu der Zeile "Atombomben auf Deutschland"?

Danger Dan: Wir stellten uns vor, wie eine Alternative zum Kapitalismus aussehen könnte: In dieser schönen Welt liegen wir alle am Strand, füttern Enten und essen Eis. Der Song ist eine konkrete politische Forderung, wie man das umsetzen kann. Und zwar mit einem atomaren Erstschlag der Vernunft: das Land wegbomben und es anschließend fluten! Dort richtet man dann ein Erholungsgebiet ein, das für alle frei zugänglich ist. Genau das möchten wir umsetzen.

War die RAF Thema dieser Gespräche?

Koljah: Bei mir auf jeden Fall. Meine Eltern sind alte Linke aus der autonomen Ecke der 80er Jahre. Ich habe schon als Steppke gerne Texte von der Bewegung 2. Juni gelesen. Aber ich kann nicht behaupten, dass meine Eltern versucht haben, mich für den bewaffneten Kampf zu erziehen (lacht). In Düsseldorf gibt es die Kiefernstraße, dort lebte eine alternative Szene in besetzten Häusern. Überall hingen die Fahndungsplakate, die mich als Kind sehr faszinierten. Ich habe immer nachgefragt, warum die da hängen.

Ist Ihr Song "RAF Rentner" eine Hommage oder ein Abgesang?

Danger Dan: Es ist nicht zu leugnen, dass ich diese ganze Ästhetik um die RAF herum auch ein bisschen attraktiv finde. Vielleicht wird sie ja verklärt dargestellt, ich habe die RAF nicht direkt miterlebt. Wenn ich die RAF-Leute mit heutigen Terroristen vergleiche, trugen sie auf jeden Fall geilere Klamotten und sahen cool aus. Obwohl sie sich wahrscheinlich auf einem verlausten Bauernhof verstecken mussten. Aber unser Lied ist auch eine kritische Auseinandersetzung mit einer verkalkten Idee, die aus einer vollkommen rückschrittlichen Ideologie entstanden ist.

Wie denken Sie über die letzten RAF-Leute, die immer noch im Untergrund leben?

Danger Dan: Dadurch, dass jetzt wieder RAF-Leute aufgetaucht sind und Banken überfallen müssen, weil sie Geld brauchen, haben wir uns hingesetzt und überlegt, wie schlimm das eigentlich sein muss. Deren Zeit ist längst vorbei und die Ideen sind vollkommen überholt. Das haben sie hoffentlich selber begriffen. Aber als Konsequenz daraus verstecken sie sich immer noch und können deshalb nicht zum Zahnarzt gehen. Sie werden wahrscheinlich auch keine Beerdigung haben, wenn sie nicht geschnappt werden. Diese tragischen Gestalten bieten auf jeden Fall Stoff, um sich mit ihnen musikalisch auseinanderzusetzen.

Im Augenblick erleben wir eine starke Kritik an der Globalisierung und eine massive Kapitalismuskritik, die durchaus auch eine Grundlage der RAF gewesen ist.

Danger Dan: Die Frage ist, wie man das kritisiert. Wenn man davon ausgeht, dass es reicht, die Bonzen in die Luft zu sprengen, dann ist das eine verkürzte, plumpe Idee. Ich halte das für Schwachsinn. Alleine den Kapitalismus zu kritisieren, ist nicht unbedingt ein fortschrittlicher Gedanke, das macht die NPD auch. Es geht eher darum, eine genauere Analyse zu finden.

Warum radikalisieren sich junge Menschen heute?

Koljah: Radikal heißt dem Wortsinne nach: an die Wurzel gehen. Das ist nichts, was der IS tut. Radikale Gesellschaftskritik ist eine wichtige Sache, die viel zu wenige Leute betreiben. Also gesellschaftliche Probleme zu analysieren und theoretisch zu durchdringen. Es ist falsch, es Radikalisierung zu nennen, wenn Leute irgendwelchen kruden Ideologien anhängen und dann Terror machen. Warum sie dies tun, hat damit zu tun, dass wir in einer sehr komplexen Welt leben. Es gibt offensichtlich viele Probleme. Es ist einfacher, sich nicht damit zu beschäftigen, sondern einfachen Erklärungsmustern zu folgen.

Antilopen Gang: Todesfall in Bandgeschichte

Das Lied "Patientenkollektiv" handelt von Depressionen. Was interessiert Sie an dieser Krankheit?

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Danger Dan: Wir haben selber in unserer Bandgeschichte einen Todesfall durch Suizid, das hatte natürlich etwas mit Depressionen zu tun. Über 600 Minderjährige nehmen sich jedes Jahr das Leben, weil sie Depressionen haben. Um dieses Thema kommt man nicht herum. Phasenweise bin ich davon selbst betroffen, obwohl ich das nicht pathologisch sehen würde.

2013 brachte sich Ihr damaliger Bandkollege Jakob Wich alias NMZS (ne:me:sis) im Alter von 28 Jahren um. Wie sehen Sie das rückblickend?

Danger Dan: Man kann so was nicht verhindern, es ist immer die Entscheidung derjenigen, die es machen. Aber man kann dafür sensibilisieren. Wenn man Depressionen ernst nimmt, kann man sich damit früh genug auseinandersetzen, bevor sie zu einer tödlichen Krankheit werden.

Ihr Hit "Beate Zschäpe hört U2" führte zu einer Klage, die Sie gewannen. Fühlen sich von dem Lied noch immer Menschen auf den Schlips getreten?

Koljah: Wir haben viele Emails und Kommentare aus der rechten und der Verschwörungstheoretiker-Szene bekommen. Das ging bis hin zu wüsten Beschimpfungen und Morddrohungen. Wir haben da in ein Wespennest gestochen und sind zu einem Feindbild geworden für die Leute, die wir in "Beate Zschäpe hört U2" angesprochen haben.

Beschimpfungen als Kompliment

Wie gehen Sie mit Morddrohungen um?

Koljah: Bislang war noch keine Morddrohung dabei, die ich so ernst genommen habe, dass ich mir richtig Sorgen gemacht habe.

Panik Panzer: Sobald man in der Öffentlichkeit steht, muss man lernen, mit sowas umzugehen. Bei sehr gefälligen Künstlern kommt das wahrscheinlich seltener vor als bei einer Antilopen Gang. Aber mit der Zeit stumpft man dagegen ab und es ist einem egal.

Danger Dan: Beschimpfungen von Leuten, die ich scheiße finde, sind für mich eher ein Kompliment. Nichtsdestotrotz darf man das nicht herunterspielen. Es gibt eine militante rechte Szene. Menschen, für die die rechte Szene eine ernsthafte Bedrohung bedeutet, können sich diese Rolle nicht aussuchen, weil sie in den Augen der Rechten einfach die falsche Hautfarbe oder sexuelle Orientierung haben. In unserem Fall ist es eher ein Luxus, in deren Fadenkreuz zu geraten.

26. Januar, 20 Uhr, Z-Bau, Frankenstraße 200 

Olaf Neumann E-Mail

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