Mittwoch, 17.10.2018

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Bayerische Theatertage Fürth: Farbe im grauen Stein-Allerlei

36. Auflage bezieht mit tollen Aktionen auch unbeachtete Ecken und Winkel ein - 11.06.2018 14:41 Uhr

Ja, auch so kann man ein Stadttheater „bespielen“: Eine Aktion im Rahmen der Bayerischen Theatertage in Fürth. © Hans-Joachim Winckler


In Fürth muss man derzeit ganz schön aufpassen, dass einem Menschen, die sich übereinander gestapelt in den engen Spalten zwischen zwei Häusern verschanzen, nicht auf den Kopf fallen. Und wenn man das Haus verlässt, kann es passieren, dass man sich unversehens in einem Wohnzimmer wiederfindet, das unter freiem Himmel an der nächsten Straßenecke aufgebaut ist.

Es kommt vor, dass einem abends am Tresen heftige Verse von Charles Bukowski um die Ohren sausen, vorgetragen von einer eigentlich ganz netten jungen Dame. Und am anderen Tag in der katholischen Kirche wird szenisch provozierend über Kopftücher räsoniert. Im altehrwürdigen Amtsgericht werden derzeit zwar immer noch Urteile gesprochen, aber im Sitzungssaal 101 hocken auch zwei seltsame Beamten-Vertreter, die ihren Utopien nachträumen; auf dem Pflaster liegt ein kleiner roter Teppich, der die Welt bedeuten kann und durch die Flussauen schwärmt eine Tante, die ausgerechnet hier in Trenchcoat und mit Regenschirm auf die Fährte der Reichen und Schönen gehen will.

Garten mitten in der City

Und mitten in der Stadt steht dieser Garten: zwischen Kirche, Gericht, Theater und vielbefahrener Straße ergeht man sich idyllisch, kommt vom Strand in den Wald, vom sauberen Schreber-Hain zum gemütlichen Grillplatz, hockt auf Baumstümpfen oder fläzt in Liegestühlen.

Was das alles mit Theater, namentlich mit den Bayerischen Theatertagen, die Fürth gerade ausrichtet, zu tun hat? Nun, vordergründig vielleicht nicht viel, weil das wirkliche Schauspiel, die engagierte Oper, das lockere Singspiel von über 30 Bühnen des Freistaats in über 50 Vorstellungen natürlich immer noch im hierfür vorgesehenen "Musen-Tempel" stattfinden. Und Intendant Werner Müller ist auch stolz darauf, dass sich solch ein üppiges Programm in einem vergleichsweise kleinen Rahmen unterbringen lässt.

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Aber Müller findet es eben auch wichtig, dass solch ein Festival "über den Kanon der Vorstellungen hinaus" in der Stadt stattfindet, dass man spürt, in diesen Tagen ist etwas los. Und hier kommt Katja Hofmann ins Spiel. Sie ist Organisatorin der Bayerischen Theatertage, und wer sie engagiert, weiß von vornherein, dass sie das Geschehen nicht hinter Hemmschwellen und geschlossene Saaltüren verbannt.

Ihr Credo: "Die Stadt, das vertraute städtische Umfeld, soll einmal anders wahrgenommen werden, spielerisch, poetisch. Theater und alles, was irgendwie damit zusammenhängt soll wuchern – wie der Garten, den wir auf dem freien Platz wachsen lassen." Am besten relativ unkontrolliert und überraschend, sich darauf einlassend, welche Blüten das Geschehen treibt: "Hier ploppt auch mal das Unkraut auf und ist dann wieder weg; es herrscht eben phantasievolles Chaos."

So setzte Nils Löfke die Performance „Easy Walk. Easy Talk“ spontan fort.


Und ganz in diesem Sinn sieht sie es dann gerne, wenn sich die bunten Jungs und Mädchen (unter Anleitung von Choreograf Willi Dorner) akrobatisch in Mauerritzen und zwischen Säulen quetschen, stumm farbige Kleckse ins graue Stein-Allerlei setzen. Die Aktion war so erfolgreich, dass bis zu 300 Zuschauer mit der Truppe durch die Stadt zogen, auf der Suche nach neuen Frei-Räumen, die es buchstäblich zu besetzen galt.

Hofmann kann auch den spontanen Aktionen ihrer Street-Walker und Street-Talker einiges abgewinnen, die oft nur als purer "Hingucker" wirken, an den unscheinbarsten Ecken und Plätzen auftauchen, an "Nicht-Orten", die für die Bevölkerung so gewöhnlich geworden sind, dass sie gar nicht mehr auf sie achten. Doch auf einmal passiert hier etwas Seltsames, wird gespielt und irgendwann auch mitgespielt, kommt man ins Gespräch, das mit einem eingeübten Rollentext so gar nichts mehr zu tun hat.

Überraschende Alltagserfahrung

Ob dadurch mehr Leute ins "wirkliche" Theater gelockt werden? Das wird dabei gar nicht vordergründig angepeilt; es geht vielmehr um die neue, überraschende Alltags-Erfahrung, auch darum, dass man sich an etwas Außergewöhnliches erinnert, wenn alles schon wieder abgespielt ist, die Künstler den Ort, der einem nun irgendwie besonders vorkommt, verlassen haben.

Zwischen der von Leo von Klenze ersonnen Liebfrauenkirche und dem Stadttheater steht das zum Treffpunkt gewordene Festivalzelt, liebevoll „Das Gewächshaus“ genannt, in dem am kommenden Samstag um 11 Uhr der FN-Talk über das Spannungsverhältnis von Theater und Kritik stattfindet. © Fotos: Hans-Joachim Winckler


Nicht nur, aber auch so mache eine Veranstaltung dieser Art Sinn, findet Katja Hofmann und Intendant Müller stimmt ihr da, während sie beide im natürlich "Gewächshaus" genannten Festival-Zelt sitzen, ziemlich begeistert zu. Nur so erreiche man auch Menschen, die vielleicht noch nicht ins Theater gehen, aber nun zumindest eine kleine Ahnung davon haben, wozu Theater fähig sein kann, wenn man es aus seinen engen Grenzen befreit.

Dazu gehört Mut. Natürlich. Aber ist nicht sowieso das ganze Fest um dieses kleine Wörtchen herum aufgebaut? Das Motto heißt aufmüpfig "überMUT" und das Wortspiel mit den drei unscheinbaren Buchstaben ist scheinbar uferlos. Überall taucht es auf, nicht zuletzt auf den T-Shirts der vielen Festival-Helfer. Die zeigen sich als "MUTiger", als "MUTanten", beweisen "WageMUT", sind auch schon mal "MUTentbrannt", aber sind vor allem eines: beispielhafte "MUTbürger".

Mehr Infos: www.bayerische-theatertage.de 

BERND NOACK

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