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Bericht aus dem Inneren des Asyl-Apparats

Abbas Khiders Roman „Ohrfeige“ zeigt den Blick der Flüchtlinge - 04.02.2016 06:05 Uhr

Autor Abbas Khider als Gast auf dem Erlanger Poetenfeset 2011.

Autor Abbas Khider als Gast auf dem Erlanger Poetenfeset 2011. © Bernd Böhner


Karim Mensy hat die Schnauze voll. Jahrelang ist er durch Flüchtlings- und Obdachlosenheime getingelt, jetzt will er nicht mehr in Deutschland bleiben. Doch bevor er mit seinem Schlepper nach Finnland aufbricht, besucht er nochmal Frau Schulz in der Asylbehörde – und gibt ihr eine Ohrfeige. Für all die verwaltungstechnische Gefühllosigkeit, die sie ihm gegenüber gezeigt hat, für ihr hinter dem Bildschirm verschanztes Dasein als Entscheiderin über sein weiteres Leben, für seine geplatzten Träume.

Man darf beruhigt sein: Dass all das nur eine Gewaltphantasie unter Haschisch-Einfluss ist, ahnt man als Leser bald. Wie Karim aber dazu kommt, von dieser alles klärenden Ohrfeige zu träumen, erzählt er in Ich-Form, an Frau Schulz gewandt, im Folgenden. Der in Bagdad geborene, vor dem Saddam-Regime nach Deutschland geflüchtete und auf Deutsch schreibende Abbas Khider zeigt sich erneut als brillanter Erzähler, wenn er Karim, Iraker im Exil wie er, mit Schleppern an der österreichisch-deutschen Grenze ankommen lässt, peinliche Leibesvisitationen der Polizei beschreibt, die erste Haft und die Fahrt mit einem Bus ins Ungewisse, das in diesem Fall Zirndorf heißt.

Was man täglich an Berichten über die Fluchten der Menschen aus Nahost hört, hat mittlerweile kaum noch ein individuelles Gesicht. Abbas Khider gibt einem der Flüchtlinge eine Persönlichkeit, auch wenn er Dinge erlebt, die wohl Tausende ähnlich erfahren. Einsam ist es im kalten Land, dessen Sprache man nicht spricht, einsam auch unter arabisch sprechenden anderen Flüchtlingen.

Denn keiner der Wartenden im Flüchtlingsheim zeigt wirklich, wie es ihm geht, alle erzählen nur andeutungsweise, was sie erlebt haben, warum sie geflüchtet sind. Einer, Rafid, lässt sich den Humor nicht nehmen und hält die Truppe bei Laune – bis im September 2001 Terroristen Flugzeuge ins World Trade Center krachen lassen. „Nach diesem verdammten Tag wurde der wichtigste Ausdruck für uns Araber in Deutschland: verdächtig.“

Schmerz und Witz

Allmählich findet sich Karim im bürokratischen Asyl-System zurecht, schließt brüchige Freundschaften. Muslime und Christen in der Bayreuther Unterkunft, in der er strandet, witzeln übereinander, aber essen auch zusammen, ein stiller Junge wird plötzlich radikal religiös, einer verliebt sich in die Sozialhelferin und versteht nicht, dass sie ihn nicht heiraten will.

Wie es wirklich zugeht in so einem Flüchtlingsheim, und dass es immer ein Für, aber auch ein beachtliches Wider gegen das Exil im reichen Deutschland gibt, schildert Abbas Khider mit einer eindringlichen Mischung aus Schmerz und Witz, die Empathie produziert. Dabei sind die Einwanderer durchaus nicht immer die Guten: Manche klauen, erschleichen sich Vorteile. Und die Deutschen sind nicht immer die Bösen: Es gibt auch Sachbearbeiterinnen, die freundlicher sind als Frau Schulz.

Sein großes Ziel, zu arbeiten, schnell Deutsch zu lernen, zu studieren und vor allem den wahren Grund seiner Flucht, einen körperlichen Makel, zu beseitigen, erreicht Karim trotz aller Bemühungen nicht. „Hätte ich früher angefangen schwarzzuarbeiten, hätte ich die Operation vermutlich längst finanzieren können. Aber ich bin eben doch ein aufrichtiger Trottel. Alles, was ich erreicht habe, ist ein gigantisches Nichts.“

Abbas Khider: Ohrfeige. Roman, Hanser Verlag, München, 220 Seiten, 19,90 Euro 

KATHARINA ERLENWEIN

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