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Donnerstag, 13.12.2018

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Bewegender Abschied vom „Ehrenhelfer“

Auftakt der Ansbacher Bachwoche mit dem Windsbacher Knabenchor, Lise de la Salle und Maria Uspenskaya - 01.08.2011 22:00 Uhr

Ein echtes Heimspiel für den Windsbacher Knabenchor, der letztmals unter Karl-Friedrich Beringer einen Bachwochen-Auftritt in der bis auf den letzten Stehplatz gefüllten Ansbacher Gumbertuskirche absolvierte. © Hans von Draminski


Windsbacher-Chef Karl-Friedrich Beringer scheint aus der Ursuppe
des Festivals zu stammen. Seit 1966 „bachwöchnert“ er: erst als Hörer, dann als Teil der Helfermannschaft und endlich als Dirigent. Bislang in unerreichten 17 Festivalausgaben hinterließ er seine künstlerische Handschrift. Für ihn, das sagte er beim Staatsempfang mit Ministerpräsident Horst Seehofer in der Orangerie, gäbe es keine geeignetere Konzertkirche als St. Gumbertus: „Was Ansbach so sehr von Salzburg und Bayreuth unterscheidet, ist der fehlende Eventcharkter und dafür ein Publikum, dessen spirituelles Mitgehen man als Dirigent förmlich im Rücken spürt.“

Grund genug, den bekennenden Bach-Enthusiasten ehrend zu verabschieden: Festival-Intendant Andreas Bomba ernannte den 62-Jährigen nicht nur lächelnd zum „Ehrenhelfer“, sondern hatte auch im gut sortierten Archiv gegraben und Beringers ersten Dienstvertrag von 1969 herausgekramt. Für 150 D-Mark, wie seinerzeit, dürfte der Künstler heute nicht mehr zu haben sein...

Jugendlich klares Timbre

Aber Beringer und der mit siebzig Sängern angetretene Windsbacher Knabenchor unterstrichen in ihrem klug aufgebauten, zweimal gegebenem Kantaten-Programm auch, dass sie jeden Cent wert sind und die weiteste Anreise lohnen. Wie die Knaben etwa die großen kontrapunktischen Verzweigungen in den Eingangschören herausmeißelten, wie textnah sie die Dynamik in den Endchorälen ausdifferenzierten und das alles in diesem warmen, aber eben jugendlich klaren Timbre, das machte Gänsehaut: à la bonne heure und ein großartiger Abgang in die verdienten Ferien.

Das Publikum und sogar Gesangssolisten und Orchestermusiker machten am Ende jedenfalls frenetisch das, was die jungen Sänger zuvor im Schlusschoral von „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ besungen hatten: „Des klopf ich in die Hände...“

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Spitzenklasse auch, was die Akademie für Alte Musik aus Berlin instrumental auf Naturhörnern, Traversflöten und Oboi da caccia (Jagdoboen) leistete. Wenn etwa der hervorragende Cellist und Continuospieler Jan Freiheit im Duett „Wir eilen mit schwachen, doch emsigen Schritten“ (aus der Kantate „Jesu, der du meine Seele“) einen absichtsvollen Stolperer einbaut, ist das ein willkommenes Stichwort für Sopranistin Sibylla Rubens und Altistin Rebecca Martin, die diesen ironisch-punktierten Hüpfer in ihre subtile Gestaltung übernehmen. Auch Tenor Markus Schäfer mit opernnaher Deklamatorik und der so wortverständliche Bass-Recke Klaus Mertens, sicherten das hohe Festival-Niveau der Aufführung.

Dagegen verlief der Bachwochen-Auftakt mit dem Ensemble Baroque de Limoges etwas zäh. Die Bachdeutung der Musiker aus dem Limousin verblieb intonationstrüb im Pauschalen, war zu sehr auf Wohlklang getrimmt und nahm Bach alle Dramatik und Spritzigkeit. Am ärgerlichsten in der großen Solokadenz des Cembalos am Ende des Eingangs-Allegros im 5. Brandenburgischen Konzert: Jan William Jansen spielte genau jenen Nadelstich-Klangrausch-Bach, den man eigentlich für überwunden hielt.

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Wie viel aparter, spritziger und — wo nötig — auch verinnerlichter ging die 23-jährige Pianistin Lise de la Salle ihren Bach an. Wo sie in Liszts h-Moll-Ballade oder den „Funérailles“ durchaus zur tastenprankenden Vollmundigkeit neigte, achtete die strahlende Jugendschönheit etwa in der D-Dur-Toccata (BWV 912) auf Transparenz und fließende Eleganz.

Das Schwesterwerk, die e-moll-Toccata (BWV 914), setzte die 29-jährige Russin und Leipziger Bachwettbewerb-Preisträgerin Maria Uspenskaya wenig später in ihrer Cembalo-Lehrstunde im Prunksaal des Schlosses ans Ende. Hochkonzentiert, mit großer Ernsthaftigkeit und mit nuancierten Register-Farben, die auf einem Cembalo ja nicht einfach zu erzielen sind, spielte sie sich durch Suiten- und Konzertsätze, ohne ein Gran an Spannung zu verlieren. Diese intime „Clavier-Übung“ machte wieder klar: Bei Bach gibt es keine zufälligen Noten... 

JENS VOSKAMP

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