Montag, 24.09.2018

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Brauner Siegestaumel im Freilandmuseum

Bedrückende Zeitreise: Christian Lauberts "Nacht der Sieger" in Bad Windsheim - 12.01.2018 16:29 Uhr

Wiedersehen an Weihnachten: Leonhard (Oliver Hutzler) berichtet seiner Frau (Nadine Vogel) und den Söhnen (Daniel und Silas Hutzler) von seinem Einsatz in Polen. © Foto: Andreas Riedel


Deutschland im ersten Winter des gerade begonnenen Zweiten Weltkriegs: Das Land ist nach dem Überfall auf Polen im Siegestaumel, nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land. Im (fiktiven) fränkischen Dorf Schaffenrath hat man sich zudem gerade noch des letzten jüdischen Mitbürgers entledigt. "Auf unsere Art" und "ohne Hilfe von außen" – so raunen die Stimmen aus dem "Kabinettla", dem Nebenzimmer des Wirtshauses. Nur der "Kriminaler" aus der Stadt, der sein Kommen angekündigt hat, bereitet dem ein oder anderem Dorfnazi noch ein bisschen Kopfzerbrechen, aber auch diese Bedenken werden schnell ausgeräumt.

Winterwandeltheater, das bedeutet in Bad Windsheim immer auch einen regen Wechsel der Spielstätten, und so ziehen die kleinen Zuschauergruppen von Haus zu Haus, drängen sich in Wohn- und Amtsstuben, machen bibbernd in Scheunen Station oder beobachten vom Wegesrand das Treiben der Schauspieler. Christian Laubert hat als "spiritus rector" des Freilandtheaters diese Spielform 2011 erstmals ausprobiert und seitdem folgt ihm das Publikum willig durch die Nacht.

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"Nacht der Sieger": NS-Krimi im Fränkischen Freilandmuseum

Ein jüdischer Fabrikbesitzer stürzt im Winter 1939 in den Teich des Dörfchens Schaffenrath. Die Bewohner tun den Vorfall als Unglück ab. Doch ein Kriminaler lässt nicht locker. Und bringt sich damit in Gefahr. Das Freilandtheater führt das Kriminalstück als Winterwandeltheater bis 17. Februar im Bad Windsheimer Freilandmuseum auf.


In der "Nacht der Sieger" bleiben die Wege kurz, die Geschichte einer dem Führer Adolf Hitler treu ergebenen Dorfgemeinschaft wird stringent vorangetrieben. Nur einige wenige Szenen lassen vermuten, dass sie wohl weniger dem Inhalt des Stücks als der (zugegeben anspruchsvollen) Choreografie des Abends geschuldet sind.

Mit Originalzitaten gespickt wird der Glaube an "Führer, Volk und Vaterland" bedrückend realistisch vor Augen geführt. Darüber kann auch die ein oder andere kabarettreife Einlage nicht hinwegtäuschen. Wie das perfide Räderwerk von nutzbringendem Judenhass, wiedererwachtem Nationalstolz und dörflichem Zusammengehörigkeitsgefühl in Schaffenrath fast geräuschlos ineinandergreift, verursacht Gänsehautgefühl.

Gelungene Gratwanderung

Die aufgesetzte Rhetorik der Nationalsozialisten, der Sprachduktus Adolf Hitlers, das gedankenlose Nachplappern der Parolen – diese Kennzeichen der Nazizeit werden hier der Lächerlichkeit preisgegeben. Doch das Lachen bleibt dem Zuschauer im Halse stecken, denn es geht um die grausame Vernichtung von Menschenleben. Im Dorf Schaffenrath, wie im gesamten Land und später in der ganzen Welt.

Ein mutiges Theaterstück, umso mehr, da Christian Laubert auch bei diesem schwierigen Thema an seinem Besetzungs-Mix aus Laienschauspielern und Profis festhält. Eine Gratwanderung, die erneut gelingt, weil Spielstätten und Protagonisten ein authentisches Abbild der Zeit ergeben. Ertragen muss das Publikum allerdings über lange Strecken die dumpfe Propaganda des Dritten Reichs, doch die sehenswerte Inszenierung kriegt zum Ende hin doch noch die Kurve. Und das ist gut so.

Weitere Termine bis 17. Februar immer donnerstags bis sonntags (im Februar auch mittwochs). Die Vorstellungen beginnen im viertelstündlichen Abstand ab 18 Uhr. Infos und Kartenbestellungen unter www.freilandtheater.de oder Telefon 09106/924447. 

Matthias Oberth E-Mail

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