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Das Duo "Blind & Lame" kommt nach Nürnberg

Die Mutter ist blind, die Tochter sitzt im Rollstuhl - 15.04.2014 13:00 Uhr

Franziska Wilke (li.) und ihre Tochter Lucy sind zusammen „Blind & Lame“. © PR


Frau Wilke, Ihre erste EP ist bei dem Nürnberger Label „Parvenue“ erschienen, das extra zu diesem Zweck gegründet wurde. Wie kam’s denn dazu?

Franziska Wilke:
Meine Tochter Lucy hat in Nürnberg ein Seminar über Promotion und Booking belegt, und da war Elnaz Amiraslani die Dozentin. Sie war gleich an uns und unserer Musik interessiert und meinte, wenn wir mal ein Demo haben, sollen wir es ihr schicken. Das haben wir gemacht — und ihr hat es Gott sei Dank total gut gefallen.

Das heißt, Ihre Tochter hatte ganz klar den Plan: Das mit der Musik will ich professionell voranbringen.

Wilke:
Ja, das kam hauptsächlich von ihr, ehrlich gesagt. Aber ich seh’s natürlich auch ein...

Wie kam es denn überhaupt dazu, dass Sie gemeinsam Musik machen? Mutter und Tochter, das ist ja nicht immer das einfachste Verhältnis.

Wilke: Wir fühlen uns einfach sehr wohl zusammen. Sie ist ja schwerbehindert (Lucy Wilke sitzt wegen einer Spinalen Muskelatrophie im Rollstuhl, Anm. d. Red.) und ich habe von klein auf alles mit ihr gemacht. Wir haben eine sehr enge Beziehung und schon immer zu Hause musiziert.

Apropos zu Hause: Ihre Wohnsituation ist ja eher ungewöhnlich...

Wilke:
Ich lebe in München auf einem Platz mit mehreren Wohnwagen, seit 21 Jahren sind wir hier, insgesamt mache ich das aber schon seit 35 Jahren so. Klar, im Winter haben wir weniger Raum zur Verfügung als andere, bei gutem Wetter aber viel mehr. Für mich ist das mehr wert als eine Dusche in zwei Metern Entfernung.

Wie war es denn für Ihre Tochter, so aufzuwachsen?

Wilke:
Die Vorteile für sie lagen ja auf der Hand. Ich finde auch, dass es mit einem schwerbehinderten Kind in einer Drei-Zimmer-Wohnung irgendwo in einer Siedlung viel schwieriger ist. Das Leben im Wohnwagen war für andere Kinder außerdem total spannend, deswegen hatte Lucy auch viel Besuch. Es war sowieso immer was los bei uns, wir hatten Gäste aus aller Welt.

Und darunter waren viele Musiker. Sind Sie so auf den Geschmack gekommen?

Wilke:
Nein, das geht viel weiter zurück. Gesungen habe ich von klein auf. Mein Papa hat Violine am Konservatorium studiert und im Dorf das ganze musikalische Leben geleitet, meine Mama hat in der Kirche die Orgel gespielt und im Chor solo gesungen. Ich habe sieben Jahre lang Klavier gelernt. Heute ist mein Hauptinstrument die Gitarre.

Welche Einflüsse kamen denn rund ums Feuer sitzend auf dem Wohnwagen-Platz dazu?

Wilke:
Wir hatten zum Beispiel französische Zigeuner zu Gast, die Gypsy-Rumba spielten. Aber auch spanische und deutsche Zigeuner. Außerdem waren afrikanische Bands da, die beim Tollwood Festival auftraten, das war sehr perkussionslastig — super und authentisch. Und Kubaner waren bei uns. Dazu kam die gesamte Münchener Salsa-Szene.

Früher haben Sie als Lehrerin gearbeitet, mussten aber aufgrund Ihrer Krankheit, durch die Sie erblindeten, aufhören.

Wilke:
Ja, ich habe eine degenerative Netzhauterkrankung. Die Diagnose bekam ich 1997. Heute kann ich noch hell und dunkel unterscheiden. Also ich weiß zum Beispiel, wo in einem Raum das Fenster ist.

Man sagt, wenn ein Sinn verschwindet, schärfen sich andere. Hilft Ihnen das bei der Musik?

Wilke:
Ja, das geht ganz automatisch. Ich habe auch großes Interesse daran, gut hinzuhören, etwa, wenn mir etwas runterfällt. Wenn ich nicht genau horche, wo es hinrollt, muss ich den ganzen Boden abtasten...

Sie wollen aber gar nicht, dass Ihre Behinderung im Mittelpunkt steht. Dabei ist alleine der Name „Blind & Lame“ ja ziemlich frech-provokativ.

Wilke:
Natürlich. Aber es ist halt einfach so, dass wir nicht hauptberuflich behindert sind. Wir sind Musikerinnen, die zufällig behindert sind. Für uns ist das ja auch völlig normal, wir haben gelernt, damit umzugehen. Auf den Band-Namen kam Lucy. Ich hab’ erst gesagt: Das können wir doch nicht machen, das ist schon ein bisschen krass! Aber sie meinte, warum denn nicht, es stimmt doch, wir sind „Blind & Lame“. Ich habe dann darüber nachgedacht und kam zu dem Schluss, dass unsere Behinderungen ohnehin Thema sein werden. Also warum nicht gleich mit dem Namen die Knallwirkung auslösen. Unsere Hoffnung ist, dass dadurch gleich mal klar ist, was mit uns los ist und man dann nicht mehr großartig drüber diskutieren muss, sondern einfach in Ruhe Musik machen kann.

Und das funktioniert?

Wilke:
Ich glaube schon. Wenn jemand denkt, wir wollen auf die Tränendrüse drücken oder den Bonus ausnutzen, dann kann ich’s auch nicht ändern.((Platzhalter)Am 2. August tritt „Blind & Lame“ auf dem Bardentreffen auf. Die EP ist erhältlich unter shop@blindandlame.de

 

Interview: Susanne Helmer

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