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"Das Publikum werde ich sehr vermissen"

Vor dem letzten "Klassik Open Air": Alexander Shelley über Nürnberg, die neue Konzerthalle und die Zahl Neun - 03.08.2017 19:29 Uhr

Abschied von den Nürnberger Symphonikern: „Nach acht Jahren ist ein Wechsel absolut richtig“, meint Alexander Shelley, der neben seinen Verpflichtungen in London und Ottawa verstärkt gastieren möchte. © Fotos: Roland Fengler


Herr Shelley, Sie stehen vor Ihrem neunten Einsatz im Luitpoldhain. Sie sind damit Rekordhalter. Die Neun ist ja doch eine magische Zahl in der Musik: Beethoven, Schubert, Bruckner, DvoÝák, Glasunow, Vaughan-Williams oder Schnittke haben neun Sinfonien vollendet. Oder hätten Sie doch lieber eine Zehn mitgenommen?

Alexander Shelley: Neun ist in der Tat eine wunderbare Zahl. Und ich bin wirklich froh und dankbar dafür, dass ich dieses Riesen-Event so oft gestalten durfte. Aber natürlich, zehn wäre auch keine schlechte Zahl. . . (lacht)

 

Werden Sie die Idee dieses "Klassik Open Airs" mitnehmen?

Shelley: Auf jeden Fall. Wir suchen in Ottawa sogar schon nach einem geeigneten Platz. Die Stadt hat viele Grünflächen. Da hat man die Qual der Wahl. Die Berliner Philharmoniker begehen ihren Saisonabschluss in der Waldbühne, die Wiener Philharmoniker im Schlosspark von Schönbrunn und die Nürnberger eben in diesem traumhaften Luitpoldhain. Andere, wie Leipzig, haben die Idee bereits übernommen. Dort war ich dreimal beim Gewandhausorchester-Open-Air als Gastdirigent. Also kann ich die Idee auch nach Kanada exportieren.

 

Haben Sie mitbekommen, dass Nürnberg seine künftige Konzerthalle auf dem Parkplatz vor der Kleinen Meistersingerhalle errichten will?

Shelley:Ja, das hat man mir natürlich schon mitgeteilt.

 

Und was denken Sie darüber?

Shelley: Also zunächst einmal: Chapeau, dass Nürnberg überhaupt den Schritt wagt, eine Halle zu bauen. Das ist richtig mutig und aller Ehren wert. Allerdings finde ich den gewählten Standort nicht gut und eigentlich ungeeignet. Wissen Sie, ich bin in den acht Nürnberger Jahren ja immer hier im Hotel an der Meistersingerhalle abgestiegen und konnte beobachten, dass es dort einfach an Laufpublikum fehlt. Natürlich wird durch den Luitpoldhain gejoggt oder die Hunde Gassi geführt. Aber eine Halle muss heutzutage ein Kommunikationsgebäude sein, in dem es neben Gastronomie zum Beispiel auch Ausstellungsflächen, vielleicht eine Musikschule oder eine Bibliothek gibt. Dieses Konzept, eine Halle nur am Abend zu bespielen, ist absolut altmodisch und passt nicht mehr in die Zeit. Wissen Sie, wir haben in Ottawa auch eine Halle, die 1967 im Brutalismus-Stil errichtet wurde, und die gerade für 250 Millionen kanadische Dollar saniert wurde. Da hat man eine neue Glasfront geschaffen, hat für mehr Transparenz gesorgt, Plätze für Lokale und Lounges angelegt und das Haus ganztägig geöffnet. Das wird von den Leuten gut angenommen. Allerdings funktioniert so etwas wahrscheinlich nur in der Innenstadt, nicht in der Peripherie.

 

Aber die neue, vor zwei Jahren eröffnete Pariser Philharmonie befindet sich doch im 19. Arrondisement auch an einem Autobahnring. . .

Shelley: Schon. Aber das ist etwas ganz anderes, denn sie ist dort Teil der Cité de la musique. Da ist der Konzertsaal umgeben von Ateliers, einem Amphitheater, einem Instrumentenmuseum und Ausstellungsräumen. Und auch viele Educationsprogramme findet man dort, von denen ich hoffe, dass sie auch in der neuen Nürnberger Halle möglich sein werden.

 

Ihr "Noch"-Orchester, also die Symphoniker, hat sich darum beworben, das Residenzorchester in der neuen Halle zu werden. . .

Shelley: Da bin ich sehr von der Stadt Nürnberg enttäuscht, dass sie hier so mauert. Die Nürnberger Symphoniker hätten es so sehr verdient, endlich ein richtiges Zuhause zu haben. Sie kennen ja unseren Probensaal. Es ist gut, dass es ihn gibt, aber er ist akustisch extrem ungenügend. Das Orchester könnte an Qualität wirklich noch zulegen, wenn es die neue Halle auch als Probenrefugium nutzen dürfte. Die Staatsphilharmonie hat im Zuge des Schauspielhaus-Neubaus ja einen guten Saal in den ehemaligen Werkstätten erhalten. Warum billigt man uns das nicht zu? Ich hoffe sehr, dass darüber noch nicht das letzte Wort gesprochen wurde.

 

Was werden Sie nach acht Jahren aus Nürnberg mitnehmen?

Shelley: Als erstes das unwahrscheinlich treue Publikum. Es ist nicht so sehr auf Show aus, ist unprätenziös und schätzt Authentizität. Und das mag ich auch. Die Zusammenarbeit mit Lucius Hemmer wird mir auch fehlen, denn er ist ein absoluter Profi und ein Segen für das Orchester. Dann ist Nürnberg eine unheimlich liebenswerte Stadt mit hoher Lebensqualität. Leider hatte ich immer zu wenig Zeit, einfach mal durch die City zu streifen. Immerhin: Morgen schaue ich mir endlich den Schwurgerichtssaal 600 an. Darauf bin ich schon sehr gespannt.

 

Und was nehmen Sie aus 19 Jahren Deutschland mit?

Shelley: Dass hierzulande Kultur absolut zur Daseinsvorsorge gehört und nicht nur als süßes Sahnehäubchen auf dem Kuchen dient.

 

Wie sollten sich die Besucher des "Klassik Open Air" auf den morgigen Abend vorbereiten?

Shelley: Einfach auf Youtube mal "The Last of the Proms" aus der Royal Albert Hall schauen. Da ist das Publikum mit Fähnchen, Tröten, Hüten und Taschentüchern gewappnet. Also, alles, was Lärm macht, darf mitgebracht werden. Aber natürlich keine Megaphone. . . 

Interview: JENS VOSKAMP

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