Montag, 17.12.2018

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Die Meisengeige wird 40

Ein persönlicher Rückblick von Herbert Heinzelmann - 09.09.2010 18:29 Uhr

Ort für Kinokunst, spannende Diskurse und viel Nikotin: Links der schöne Eingang der Meisengeige, rechts das schon etwas angegriffene Interieur.


Dass zu Bier und Rotwein Filme gezeigt wurden, galt als angenehm. Das war uns wichtig als Zusammenhang: Kommunikation, die mit Getränken besser geschmiert lief, und Kultur, möglichst komplex, möglichst strittig. Wir wollten schließlich lange über Filme diskutieren. Und dabei rauchen. Was für Zeiten! Es war eine Revolution, im Kino zu qualmen. Dabei war das Zelluloid brennbar und der Filmprojektor stand gleich hinter den Bistro-Tischen mit ihren überquellenden Aschenbechern. Wenn da die Feuerschutzpolizei...

Ich weiß nicht, welches der erste Film war, der durch den Geigen-Projektor ratterte. Ich kann nur belegen, dass ich als Jungkritiker zum ersten Mal im Dezember 1970 "dienstlich" in die Meisengeige gegangen bin. "Goto - Insel der Liebe" hieß der Film, wie ich auf einem vergilbten Zeitungsausriss nachlesen kann. Nein, das war keiner von den Sexfilmen, die zu dieser Zeit die Nürnberger Kinos verstopften. Das war Filmkunst aus Polen. Der Film, habe ich geschrieben, "ist ein Nachdenken ohne Ende". Was immer ich damit gemeint haben mag.

Was waren wir glücklich, dass in der Meisengeige Filme liefen, die sonst in Nürnberg keine Chancen hatten, Filme von William Klein, Akira Kurosawa oder Jean-Luc Godard. Schließlich ging man in die "Geige" (diese Kurzform hat sich schnell eingespielt) nicht zum Knutschen, sondern um sich das Hirn heiß machen zu lassen. Bequem war es nicht auf den Stühlen, die man auf Lücke stellen musste, um die Leinwand sehen zu können. Schließlich war hier alles ein Provisorium - kein Kinoraum, sondern eine ehemalige Backstube.

Der Biertresen stand anfangs übrigens neben dem Projektor. Es gab noch keinen vom Kino abgetrennten Kneipenraum. Der kam erst später in den aufgelassenen Laden der Bäckerei. Die Backstube musste auch journalistisch verteidigt werden. Nürnbergs Kinobetreiber witterten unlautere Konkurrenz und hetzten das Fachblatt der Filmwirtschaft auf die Meisengeige. Dort wurde die Kinokneipe als unseriös attackiert. Der Jungkritiker warf sich mit breiter Brust vor das neue Etablissement und wurde mit Hausverbot in den "seriösen" Lichtspieltheatern bedroht. Die Kollegen in der Drucktechnik der Zeitung lästerten schon, wenn er über die Meisengeige schrieb. "Hast wohl wieder ein Schmalzbrot bekommen?" wurde ich der passiven Bestechlichkeit verdächtigt.

Das war eine weitere Errungenschaft der Kinokneipe: Man konnte zum Film ein Schmalzbrot schmatzen oder ein Leberwurstbrot - immer mit Gürkchen belegt. Das war der Stil des Hauses. Später habe ich selber Schmalzbrote geschmiert und Bier gezapft. Das war so ab 1973. Da wurde die Meisengeige in ein Konzept des Volkshochschuldirektors Gerhard Mammel eingebunden, mit dem er kommunal finanzierte Filmarbeit in Nürnberg einführte (heute ist daraus das Filmhaus geworden). Mammel hat die privaten Betreiber der Meisengeige - die Brüder Wolfram, Frank und Eckart Weber - mit Dozenten vom Bildungszentrum zusammengeführt. Jeden Montag veranstalteten wir in der Geige Seminare (zu Ingmar Bergman, zum Heimatfilm, zum Nazi-Kino, zum Krimi). Da haben wir die Gäste bedient. Deshalb habe ich Bierzapfen gelernt.

Nun wird die Meisengeige 40 Jahre alt. Sie war die Keimzelle des Weber-Imperiums, das inzwischen von Wolfram verwaltet wird und dessen Zitadelle das Cinecittá ist. Damals war Wolfram Student und Filmfreak. Heute ist er vor allem Geschäftsmann. Deswegen hat er sich kürzlich von einigen seiner Programmkinos getrennt, die Nürnbergs Kinolandschaft einst bereichert haben - vom Casablanca, vom Atrium. Die Meisengeige hat er behalten. Ein bisschen Sentimentalität scheint doch noch in seinem Herzen Platz zu haben.

Allerdings: Ein wenig Raumpflege könnte die Geige zum Jubiläum durchaus vertragen. Ich weiß, dass man von einem erfolgreichen Manager keine Nostalgie erwarten darf. Trotzdem wäre jetzt eine gute Gelegenheit, sich mit Wolfram mal in das alte Gestühl der Meisengeige zu hocken und sich daran zu erinnern, dass ein Kino nicht unbedingt im filmischen Mainstream schwimmen muss, um erfolgreich zu sein. Die Meisengeige hat sich damals quer gelegt zu dem, was in anderen Filmtheatern verkauft wurde. Sie hat zugleich neue Möglichkeiten eröffnet, Filme anzuschauen und zu diskutieren. Deswegen lieben wir sie - auch wenn sie in die Jahre gekommen ist.


Zum Jubiläum laufen heute und morgen Kultfilme wie "Harold und Maude" (ab 17 Uhr, je 5 Euro), dazu heute Abend Live-Musik ab 21.30 Uhr, morgen ein Straßenfest (15 Uhr) und eine Party (21 Uhr).

  

Herbert Heinzelmann E-Mail

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