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Die Planschkuh ist ein Kulturgut

Von Aalfresse bis Zwiebelhirsch: Künstlerin Ingke Günther sammelt Schimpfwörter - 08.08.2011

In stilisierter Mädchenschrift stickt Ingke Günther Schimpfwörter auf Büttenpapier. © dpa


Wenn Kids an der Bushaltestelle sich als „Coolarsch“ oder „Pimmelkopf“ anpöbeln, greift Ingke Günther verzückt zum Notizblock. Seit sieben Jahren sammelt die Gießener Künstlerin Schimpfwörter. 1481 Stück hat sie inzwischen beisammen.

Von A wie „Aalfresse“ bis Z wie „Zwiebelhirsch“. Die 42-Jährige stickt jedes einzelne in Rosa oder Rot auf ein Blatt Büttenpapier. In stilisierter Mädchenhandschrift. „Ich mag den Bruch zwischen diesem Niedlichen und dem Derben der Schimpfwörter“, sagt Ingke Günther. An den immer aus mindestens zwei Begriffen zusammengesetzten Wörtern schätzt sie „die kraftvollen Bilder“ und – ja – Schimpfwörter seien auch „Kulturgut“.

Auch der Duden kommt nicht um die Aufnahme von Schimpfwörtern herum. Dafür müssen die Wörter in bestimmten Quellen mehrfach auftauchen, einem „Textcorpus“ der Gegenwartssprache, für den etwa Zeitschriften und Romane durchpflügt werden. „Hurensohn“ hat es geschafft. Um einer falschen Verwendung vorzubeugen, gibt der Duden Hinweise wie: „derbes Schimpfwort“.

Wörter wie „Gewitterziege“ machen Ingke Günther Spaß. Zu ihren ersten Stücken gehörten die „Pissnelke“ und der „Spargeltarzan“. Ehe sich dann ihre Sammlung verselbstständigte, mit der sie etwa zehn Ausstellungen bestückt hat. Wenn sie das unflätige Vokabular nicht im Alltag ergattert, bekommt sie es per Zusendungen über ihre Homepage, aus dem Freundeskreis oder von ihrem Sohn Jan (22), der ihr jüngst die „Klemmschwester“ zutrug. Das ist ein Homosexueller, der sich nicht outet.

Ebenso wie der Duden nimmt auch Günther nicht alles. Zum Beispiel nichts Erfundenes. Erstmal wird etwa bei Google nachrecherchiert. Und sie hat Schimpfwörter aus allerlei Kategorien: Für Berufsgruppen („Beamtenarsch“), aus „Omas Zeiten“ („Poussierstängel“), aus der Jugendsprache, mit Tierverwandtschaft („Planschkuh“) und vulgäre. Ihr geschmacklosestes Sammlungsstück ist der „Fickfehler“ – für ein ungeplantes Kind.

Kraftausdrücke sind für die Künstlerin und Kulturvermittlerin längst nicht nur verwerflich: „Schimpfwörter tragen dazu bei, dass man sich emotional entlädt. Sie sind also wichtig“, erklärt die Hessin. Je mehr sie sich mit den Wörtern befasste, desto mehr interessierte sie sich auch für die Schimpfwortforschung: die Wissenschaft der „Malediktologie“.

Die kleinen Büttenpapiere bestickt sie dann, wann immer es passt - im Zug oder beim Fernsehen. Beim TV schnappt sie auch häufig neue Fundstücke auf. Ergiebig findet Ingke Günther die Serie „Dr. House“ und Krimis. Ihr Mann Jörg Wagner, auch Künstler und meist neben ihr beim Fernsehen, berichtet: „Weil sie gerade am Sticken ist, muss ich plötzlich „Hirntoter“ aufs nächste verfügbare Papier kritzeln.“)

  

INGA RADEL (dpa)

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