Mittwoch, 14.11.2018

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„Dürer-Betrug“ war eine patriotische Tat

Wie das „Selbstbildnis im Pelzrock“ nach München kam: Kunsthistoriker hat eine neue Theorie - 11.05.2012 08:30 Uhr

Thomas Schauerte im Albrecht-Dürer-Haus vor einer Reproduktion des berühmten Selbstporträts. © Ralf Rödel


Entwarnung für Betzenstein: Wenn die Stadt am kommenden Sonntag ein Denkmal des Zeichners, Malers und Kupferstechers Abraham Wolfgang Küfner (1760-1817) enthüllt, dann kommt damit kein Dürer-Fälscher zu Ehren. „Das wissen wir nach neuen Untersuchungen ganz genau“, sagt Schauerte.

Lange nämlich hielt sich die Legende, dass der Betzensteiner Künstler die Holzplatte von Dürers Selbstporträt im Pelzmantel heimlich gespalten hat, auf die so gewonnene Tafel eine Kopie malte und das Original an München verscherbelte, wo das Bild heute hängt. Unschuldig ist Küfner daran aber trotzdem nicht.

Zur Zeit der „Transaktion“ war Nürnberg von Napoleons Truppen besetzt und dessen Kunstkommissar hatte 1801 unter anderem das Pelzrock-Bild für den Abtransport nach Paris bestimmt. Doch was die Nürnberger schließlich losschickten, war eine, wie es Schauerte nennt, „erstaunlich mäßige Kopie“ von bislang unbekannter Hand, die später auf Umwegen wieder nach München gelangte.

„Das Bild muss also heimlich ausgetauscht worden sein — so heimlich, dass weder die Franzosen noch die Nürnberger etwas merkten“, sagt der Experte und hat eine Theorie, wie das vor sich ging: als konspirative Teamarbeit des Stadtjustiziars Georg von Petz und des Kunsthändlers Küfner. Die beiden wollten Dürer vor den Franzosen retten und brachten sich damit in eine missliche Lage: „Sie saßen auf einem Bild, das alle in Paris wähnten und das deshalb niemand zu Gesicht bekommen durfte.“

Wohl haben sich die Betrüger sicher nicht in ihrer Haut gefühlt, außerdem litt Küfner unter Geldsorgen. Also boten sie das Bild schließlich dem mit Frankreich verbündeten bayerischen Kurfürsten an und hatten sich damit ein wirkliches Problem vom Hals geschafft.

Über die Herkunft des Verkaufsguts gaben sie sich aus naheliegenden Gründen wortkarg, und in München stellte man ahnungsvoll keine lästigen Fragen. In Kassenbüchern der Stadt Nürnberg findet sich nichts über diesen Kunstverkauf auf dem „grauen Markt“.

„Das ganze war ein Betrugsvorgang, aber gegenüber der feindlichen Besatzungsmacht. Es ging Küfner nicht darum, die Stadt Nürnberg um das Bild zu prellen“, sagt Schauerte. Die Legende um seine Dürerfälschung kam erst 1820 auf, als Küfner schon tot war. „Die Tatsache, dass er schon mal als Falschmünzer verknackt worden war, hat allen kriminellen Spekulationen Tür und Tor geöffnet“, erklärt Schauerte und meint: „Ganz so ein krummer Hund, wie die Legende weismacht, war er nicht.“

  

BIRGIT RUF

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