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Ein Blick auf das moderne Istanbul

Die neue Dokumentation der Filmemacher Jochen Menzel und Gülseren Suzan - 14.03.2007

Dreharbeiten in Beþiktaþ: Das Dokufilmer-Paar Jochen Menzel und Gülseren Suzan stellt den pulsierenden Istanbuler Stadtteil und seine Menschen vor. © Transfers-Film


 Nach der Nürnberg-Premiere der 45-minütigen Dokumentation im Rahmen des laufenden Filmfestivals Türkei/Deutschland fließen Tränen. Einige der Zuschauer im Festsaal des Künstlerhauses sind sichtlich gerührt. «Ich bin selbst in Besiktas aufgewachsen, habe viele Jahre dort gelebt», berichtet eine Frau mit erstickter Stimme. «Das jetzt alles wiederzusehen, ist für mich großartig.» Doch nicht alle Zuschauer sind voll des Lobes: Gülseren Suzan und Jochen Menzel müssen sich auch Kritik aus den Besucherreihen anhören, etwa, warum am Grab des türkischen Volksdichters Orhan Veli kein Gedicht von ihm zitiert worden sei oder dass dies oder jenes fehlen würde.

 Für den unbedarften fränkischen Erst-Seher sind derartige Wünsche freilich Kenner-Einwände. Die Doku hat in den ersten zwanzig Minuten ohnehin mit einer enormen Faktendichte zu kämpfen, mit der die Nürnberger Filmemacher der historischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Bedeutung des modernsten aller Istanbuler Stadtteile gerecht zu werden versuchen. Und der steht - als Universitätssitz, internationaler Wirtschaftsstandort, ehemaliges Prachtvillenviertel und Herzstück einer pulsierenden alternativen Kultur- und Kneipenszene - wie kein anderer für den Brückenschlag der Stadt (und des Landes) zwischen Europa und Asien. Zu entdecken gibt es dort jede Menge.

Glücklicherweise gerät das kompakte Porträt dennoch nie aus den Fugen, sondern nimmt auch den Ortsunkundigen an der Hand - und verliert vor allem nicht den Blick für das Detail am Wegesrand. Da sind der Totenwächter auf dem Asiyan-Friedhof, der an seinem Lieblingsgrab ein selbst geschriebenes Gedicht vorträgt (eine Tradition in der Türkei, der viele Menschen frönen, wie wir später erfahren), die «Istanbul-Schattenspieler», eine junge Theatergruppe um die selbstbewusste Didem Alpyali-Erdogan, und schließlich Mualla Mezhepoglu, pensionierte Dozentin und Vorsitzende eines Vorstadtvereins, die als Reiseführerin durch das Viertel fungiert und bei einem Tee am malerischen Hafen in ihren Jugenderinnerungen schwelgt.

Nicht zuletzt dank dieser persönlich-subjektiven Zugänge und Sichtweisen weckt «Besiktas - Metropole am Bosporus» die Lust auf einen Abstecher an den Bosporus - ein Effekt, der ganz im Sinne der Macher ist.

 Für die Dreharbeiten reiste das deutsch-türkische Ehepaar zwischen Dezember 2005 und August 2006 dreimal nach Istanbul, kämpfte vor Ort gegen Krankheiten und schwächelnde Ausrüstung und stand schließlich glücklich vor 28 Stunden Rohmaterial. Auch wenn der Film ursprünglich eine Auftragsarbeit der Stadt Erlangen mit einer angedachten Laufzeit von einer guten Viertelstunde war - Gülseren Suzan und Jochen Menzel haben ihr Feature nie als eine solche gesehen. «Uns ging es darum, in den unglaublichen Strom dieser Stadt einzutauchen», erzählt Menzel. «Irgendwann entdeckt man dann schon einen roten Faden und folgt ihm einfach.» Und seine Frau fügt hinzu: «Unser Film zeigt das moderne europäische Istanbul. Hätten wir im orthodoxen Stadtteil Fatih gedreht, hätten wir mit Sicherheit einen ganz anderen Film bekommen.» STEFAN GNAD 

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