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Film über ein Kindermädchen spaltet Branche

"Kino braucht Exklusivität": Betreiber von Filmtheatern sehen einen tiefgreifenden Wandel durch Online-Plattformen wie Netflix - 05.12.2018 19:27 Uhr

Preisgekrönter Film: Szene aus Alfonso Cuaróns Schwarzweiß-Werk „Roma“, das nur kurz im Kino läuft. © Foto: Netflix


Bisher war der in Kalifornien beheimatete Streamingdienst Netflix vor allem als Anbieter für Serien wie "House of Cards", "Dark" oder "Narcos" bekannt. Doch das Unternehmen produziert zunehmend auch Filme. Der Erfolg in Venedig war beachtlich, neben "Roma" wurde auch der Western "The Ballad of Buster Scruggs" der Brüder Ethan und Joel Coen ausgezeichnet, ebenfalls eine Netflix-Produktion. Zudem sicherte man sich die Rechte für kommende Filme von Steven Soderbergh und Martin Scorsese.

Nun kommt "Roma" vor dem Streaming-Start am 14. Dezember — vorerst nur für ein paar Tage — in die deutschen Kinos, etwa ins Nürnberger Cinecittà. Überall ist der Film allerdings nicht zu sehen. Denn so mancher Kino-Betreiber will ihn nicht ins Programm nehmen. ",Roma’ ist ein vielschichtiges, wunderschön gefilmtes Werk über das Leben im Mexiko der 70er Jahre. Regisseur Cuarón fokussiert dabei auf zwei junge Frauen, die als Haushälterinnen bei einer wohlhabenden Familie leben und sich auch um die Kinder kümmern. Cuarón erklärte, sein Werk sei eine Hommage an sein früheres Kindermädchen", hieß es in unserem Bericht über die Filmfestspiele von Venedig. 

Cuaróns Werk, das auch ins Rennen um den Oscar geht, spaltet die Gemüter der internationalen Kinobranche also keineswegs wegen seines Inhalts. Sondern wegen der Vorstellungs-Konditionen. Nach denen hat der Film vor dem Streaming nur eine Woche Kino-Vorlauf. Normalerweise gilt in Deutschland zum Schutz der Lichtspielhäuser ein "Verwertungsfenster" von 120 Tagen. Man könnte darüber debattieren, warum eine Produktion überhaupt mit einem wichtigen Festival-Preis dekoriert wird, wenn sie hinterher nur kurz in wenigen Kinos und stattdessen vor allem beim Streamingdienst zu sehen ist. Bei den Filmfestspielen Cannes sorgte diese Auseinandersetzung in diesem Jahr dafür, dass Netflix sämtliche eingereichten Beträge zurückzog, darunter auch "Roma".

Dr. Christian Bräuer ist Vorstandsvorsitzender der AG KIno. © David Becker


Die Arthouse-Kinobetreiber beunruhigt noch etwas anderes. Christian Bräuer, der aus Nürnberg stammende Vorstandsvorsitzende der "AG Kino - Gilde deutscher Filmkunsttheater", einem Netzwerk unabhängiger gewerblicher Kinos, sieht es so: "Aus unserer Sicht geht es rund um Netflix um viel mehr als nur die Kinoauswertung, also das hier sehr kurze Zeitfenster, für ,Roma’. Wir erleben zurzeit einen strukturellen Wandel durch die Online-Plattformen." Und den vergleicht der 47-jährige promovierte Politikwissenschaftler, der unter anderem auch Geschäftsführer der Berliner Yorck-Kino GmbH ist, rundheraus mit den 1950er Jahren, als die wachsende Popularität des Fernsehens zu immens vielen Kino-Schließungen führte.

Natürlich treibt die Arthouse-Kinobetreiber die Sorge um, dass Abonnenten zusehends bereit sind, auf das einzigartige Kino-Gemeinschaftserlebnis zu verzichten, um sich die Filme stattdessen im heimischen Wohnzimmer anzuschauen. Da sieht Bräuer durchaus Parallelen zwischen Streaming-Anbietern und Online-Kaufhäusern. Eine weitere Sorge ist, dass Netflix & Co. nach und nach große Kino-Talente wie eben die Oscar-Gewinner Cuarón, Coen und Soderbergh mit Freiheiten und üppigen Finanzpolstern kapern könnten. Die Qualität der Filme dürfte darunter nicht leiden. Aber sie würden dem Arthouse-Kino fehlen und die Spielstätten somit Publikum kosten. An die Berlinale richtete die AG Kino denn auch den Appell, nur Filme zu präsentieren, die eine exklusive Kinoauswertung haben. 

"Wenn man Kino in Zukunft will, braucht Kino Exklusivität." Davon ist Christian Bräuer überzeugt. Würde Netflix seine Produktionen vor dem Streaming-Start eine angemessene Zeit lang in den Filmhäusern zeigen, wäre das eine WinWin-Situation, meint er. Denn erst das schaffe den Wertbegriff für einen Film.

Auch "Roma" gehöre auf die große Leinwand, sagt Bräuer. Doch das Schwarzweiß-Werk wird in keinem der Berliner Yorck-Kinos zu sehen sein. "Wir können Netflix nicht aus der Welt schaffen. Aber wir müssen hartnäckig bleiben, wenn wir wollen, dass sie sich an die Regeln halten", unterstreicht der AG-Kino-Chef. Dass einige Kinos den Film zeigen, macht ihn nicht glücklich. Cinecittà-Disponentin Kirsten Ehlers hält mit dem Argument dagegen, sie wolle einen "so tollen Film ihren Gästen nicht vorenthalten". Ihr Haus spielt den Film als einziges in der Region.

Alfonso Cuarón zeigte sich übrigens enttäuscht darüber, dass sein jüngster Wurf aufgrund der Netflix-Konditionen in Frankreich (wo ein Verwertungsfenster von drei Jahren gilt) gar nicht und in seiner Heimat Mexiko — wo der Film offiziell als Oscar-Beitrag ausgewählt wurde — recht wenig auf der Leinwand präsent ist. Vor der Oscar-Wahl ist er auch in den USA in wenigen Kinos zu sehen. Nur so wird er zur Wahl der Academy Awards zugelassen. . .

Für Netflix wäre ein Oscar ein Ritterschlag. Für die unabhängigen Arthouse-Kinos, die dafür sorgen, dass in der Kino-Landschaft eine große Vielfalt herrscht und Filme auch mal vor kleinerem Publikum laufen können, wäre es ein schlechtes Signal. .

 

 

 

  

BIRGIT NÜCHTERLEIN VON BIRGIT NÜCHTERLEIN

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