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Filmporträts: Menschen, ihre Geschichten und Heimaten

Gülseren Suzan und Jochen Menzel haben ein Händchen für intensive Filmporträts - 10.10.2008

Gülseren Suzan (Mitte) und Jochen Menzel (re.) bei der Arbeit © Mile Cincric


Ihr Thema heißt «Heimaten», und es zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Arbeit. Die Betonung liegt auf dem Plural - Heimaten also: Schließlich kann es ja weiß Gott mehr als nur einen Ort auf der Erde geben, an dem man sich wirklich zu Hause fühlt.

«Heimaten» hieß auch einer der ersten Filme von Gülseren Suzan und Jochen Menzel: eine Dokumentation über die Identitätssuche von jungen Türken der dritten Einwanderergeneration, die noch immer zwischen zwei Kulturkreisen hin- und hergerissen sind. Die halbstündige Spurensuche durch Nürnberg stieß auf große Aufmerksamkeit bis über die Grenzen der Stadt hinaus - und das machte Mut.

Das Duo blieb am Ball. Seit 15 Jahren schlagen sich die 55-jährige Sozialarbeiterin und der 60-jährige Politologe als selbstständige Dokumentarfilmer durchs Leben. Transfers-Film heißt ihre kleine Produktionsfirma mit fast schon programmatischem Sitz an der Stadtgrenze, wo sich Wohnung und Büro, Schnittstudio, Archiv und Materiallager in ein und denselben Räumen befinden. Ein klassisch-kreatives Hauptquartier flexibler Freiberufler - daneben gibt es noch ein Refugium in einem alten Bauernhaus auf dem Land.

Gülseren Suzan serviert Pflaumenkuchen und starken Kaffee, dann erzählen die beiden von ihrer Arbeit «Die Geschichten müssen uns interessieren. Wenn es uns keinen Spaß macht, dann bringt das alles nichts», sagen sie. Sie sprechen von ihrer Verantwortung als Dokumentarfilmer («Wir müssen ja mit den Filmen weiterleben!») und über Wünsche und Träume - ein Film etwa über die Zeit, in der man Fürsten und Königen einen Türken als exotisches Geschenk mitbrachte. «Das müsste man richtig groß mit Spielszenen drehen, aber dafür fehlt uns das Geld.»

Dass die Filmemacher auch privat ein Paar sind und die Schnittstellen zwischen Deutschland und der Türkei täglich auf ihre eigene Art erleben, scheint bei ihren interkulturellen filmischen Grenzgängen von Vorteil zu sein. Offensichtlich gelingt der Blick auf verschiedene Kulturkreise, auf Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Eigenheiten im gemischten Doppel besonders gut, auch wenn die Kritik am Partner manchmal hart und unverblümt kommt und man Gefahr läuft, auch mal 24 Stunden lang nur über ein neues Projekt zu reden.

Natürlich leben die intensiven Filmporträts von Transfers-Film vor allem von den Menschen, die man hier auf großer Leinwand kennenlernt: Den Erlanger Dichter und Gemüsehändler Garip Yildirim zum Beispiel («In Verse hüll’ ich meine Brote») - oder Emy, eine junge philippinische Frau, die vor 13 Jahren nach Nürnberg kam, um ihren deutschen Brieffreund zu heiraten («Eine Heirat nach Nürnberg»). Die Ehe hielt nicht, trotzdem gibt es da eine Bindung an Deutschland, die nicht mehr wegzudenken ist - nicht zuletzt durch Emys Tochter, die in Franken geboren wurde.

Das offene, ehrliche Interesse der beiden Filmemacher an Menschen und ihren Geschichten ist ein Schlüssel zum Erfolg, und so wundert es kaum, dass die Porträtierten in der Regel recht schnell die Kamera vergessen. Am Ende bleiben oft viele Kontakte, entstehen Freundschaften, lange nachdem die Kamera weggepackt ist.

Derzeit läuft es richtig rund für die beiden: Zur Frankfurter Buchmesse wird das ZDF ihr jüngstes Feature über drei zeitgenössische türkische Autorinnen zeigen, für das sie in Istanbul, Ayvalik, Stuttgart, Freiburg und Kulmbach gedreht haben. Am 12. Oktober ist auf dem ZDF-Dokukanal das Kurzfeature «Wie kommt der Feuerwehrmann ins Buch?» über den Nürnberger «Was-ist-Was»-Verlag zu sehen, am 22. Oktober der Streifzug «Mein Lieblingsplatz: eine Synagoge in Franken».

www.transfers-film.de 

Stefan Gnad

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