Dienstag, 13.11.2018

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Gänsehautmomente mit dem Propheten

Nürnberger Hans-Sachs-Chor und die Symphoniker führten Mendelssohn Bartholdys Oratorium "Elias" auf - 01.11.2017 19:28 Uhr

Sein von tiefem Glauben geprägtes Spätwerk mit opernhaften Zügen war für den zum Christentum konvertierten Komponisten Felix Mendelssohn zweifellos auch eine Berührung mit seinem jüdischen Erbe. Noch vor der Ouvertüre stößt Elias seinen Fluch ("So wahr der Herr") nach vier leitmotivischen Blechbläserakkorden ohne Vorwarnung aus, sodass man sich auch heute noch gut vorstellen kann, wie schockiert die Zuhörer bei der Uraufführung 1846 gewesen sein müssen.

Sofort ist man mitten im Geschehen, wenn die monumentale Ewige-Verdammnis-Stimme durch die gut gefüllte Halle donnert. Das Publikum ist vom ersten Moment an gefesselt und bis zum letzten Ton äußerst aufmerksam. Die Symphoniker erweisen sich mal verträumt elegant, dann wieder energisch treibend als exzellenter Begleiter, treffen stets die richtige Stimmung und müssen dynamisch kaum korrigiert werden.

Der Chor mit seinem gewichtigen Part ist von Rumstadt mit großer Sorgfalt vorbereitet worden, verfällt nirgends ins Skandieren und lässt Abphrasierungen weich nachklingen — romantisch und doch streng und schlank. Mit leidenschaftlicher Souveränität und begeisternder Flexibilität geraten die dramatischen Volkschöre mitreißend und auch die dynamische Finesse in den stimmungsvollen Teilen ist meisterhaft. Die vielen Verzahnungen mit den Solisten gelingen geradezu atemberaubend.

Als kerniger Bass besticht Markus Brück mit hoher Gesanglichkeit und umfangreichem Volumen. Er wechselt mühelos zwischen unterwürfigem Erbarmen, süffisanter Ironie und prophetischer Gewalt. Der Wahlberliner breitet vor allem in der Arie "Es ist genug" einen ganzen Kosmos aus.

Bernhard Schneider (Tenor) verleiht etwa der Rolle des Obadjah einen tröstenden, warmen Ton. Nayun Kim (Sopran) zeigt in ihren kleinen, aber nicht zu unterschätzenden Beiträgen hohe Verlässlichkeit und erzeugt, etwa als Knabe vom Balkon aus in die Stille hinein singend "Ich sehe nichts!", Gänsehautmomente. Den dramatischen Klageton der Witwe trifft Bernadette Müller (Sopran) ebenso wie die lyrische Stimmung in "Höre Israel". Ida Aldrian (Mezzosopran) überzeugt mit überragender stimmlicher und gestalterischer Kultiviertheit, beispielhaft sei das Arioso "Weh ihnen, dass sie von mir weichen" genannt. Gratulation also allen Beteiligten. 

MICHAEL SIKORA

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