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Gespräche mit dem Gefängnis-Irren

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu kommt erneut zum Erlanger Poetenfest - 26.08.2013

Der chinesische Schriftsteller und Dissident Liao Yiwu bei seinem eindrucksvollen Auftritt im Rahmen des Erlanger Poetenfestes 2011. © Bernd Böhner


Kennengelernt hat Liao Yiwu den Erlanger Musiker und Komponisten Stefan Poetzsch beim Poetenfest vor zwei Jahren. Es war einer der ersten öffentlichen Auftritte Liaos im Westen nach seiner Flucht aus China. Seitdem lebt er in Deutschland, wo er unter anderem mit dem Geschwister-Scholl-Preis und dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden ist.

Poetzsch und Liao verbindet die Vergangenheit als Regimekritiker in einem totalitären System. Poetzsch verarbeitet in dem Projekt „unnötig“ seine Untersuchungshaft 1984/85 in der DDR. Das Projekt gewinnt durch Liao, der lange in China inhaftiert war, neue Bedeutung und Aktualität: Zwei sehr persönliche Erfahrungsberichte aus dem Kerker.

Liao Yiwu, 1958 in der Provinz Sichuan geboren, hat seine leidvollen Haft-Erfahrungen in seinem Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“ beschrieben. Bekannt wurde er in Deutschland durch seine Interviews mit Außenseitern der chinesischen Gesellschaft („Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“, 2009).

Liaos neues Buch „Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch“ ist gewissermaßen eine Fortsetzung mit „Geschichten aus der chinesischen Wirklichkeit“. Es ist eine Wirklichkeit, die mit dem offiziellen Bild der neuen Wirtschafts- und Weltmacht nichts zu tun hat. Liao Yiwu, der sich selbst zum „Aufnahmegerät der Epoche“ ernannt hat, gibt mit diesen authentischen Interviews den Unterdrückten und Verlierern des chinesischen Fortschritts eine Stimme.

Insgesamt hat Liao, der den Hunger, die Obdachlosigkeit und das Gefängnis seine Lehrmeister nennt, über 300 Gespräche mit Menschen geführt, die nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Das Personal hätte sich ein Romancier nicht grotesker und eindrucksvoller ausdenken können: Da ist zum Beispiel Gao Ma, der Säufer, Lu Renbiao, der Gattinnenmörder oder Zhao Miaomiao, der Gefängnisirre. Ein profesioneller Geldeintreiber kommt ebenso zu Wort wie ein Nichtstuer aus Peking. Viele Gesprächspartner hat Liao kennengelernt, als er wegen seines 1989 verfassten Gedichtes „Massaker“ für vier Jahre hinter Gitter musste.

Diese poetischen Miniaturen und literarischen Porträts sind mal erschütternd, mal erheiternd, stets aber erhellend. Sie geben ungeahnte Einblicke in den Alltag und die Gedankenwelt von Chinesen, die der Staatsmacht ein Dorn im Auge sind, Kranke und Kriminelle eingeschlossen.

Die Titelgeschichten handeln von Dai Fenghuang, der Dongdong-Tänzerin, und Zhou Bandao, dem Sichuan-Koch. Dai arbeitet in einem illegalen Tanzschuppen, der in einem zu Maos Zeiten gebauten Luftschutzbunker untergebracht ist. Damals gab es ständig Grenzkonflikte mit der Sowjetunion und überall im Land wurden Schutzräume gebaut.

Zhou, der Koch, hat seinen Beruf aufgegeben, weil er die Zutaten kaum noch bezahlen kann. Nebenbei wird am Beispiel der Küchenkultur ein anderes Problem kritisiert: „Sichuan-Gerichte sind wie korrupte Beamte, sie gehen mit der Zeit und verkommen.“

Nicht zu vergessen den perversen Feinschmecker Chi Fu, der so gerne „Säuglingssuppe“ ist, die aus abgetriebenen Föten zubereitet wird. Kannibalismus auf chinesische Art.

Gegen das Vergessen

Wenn man diese Gespräche liest, wundert man sich nicht mehr über die unversöhnliche Haltung von Liao Yiwu, der nicht mehr an Chinas Zukunft glaubt. In einem Interview beim Poetenfest 2011 sagte Liao über seine Motivation als Schriftsteller: „Ich schreibe gegen das Vergessen. Meine Aufgabe ist es, Zeugnis abzulegen. Offizielle Politik in China ist es, Probleme zu vertuschen, egal ob es das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 betrifft oder die schrecklichen Zustände nach dem Erdbeben von 2008. Die Menschen sollen sich nicht erinnern und durch materiellen Wohlstand und Konsum abgelenkt werden. Aber durch Vergessen kann man keine Probleme lösen.“

Liao Yiwu: Die Dongdong-Tänzerin und der Sichau-Koch. Geschichten aus der chinesischen Wirklichkeit. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann. S. Fischer, Frankfurt. 490 Seiten, 24,99 Euro.

 

STEFFEN RADLMAIER (Nürnberger Nachrichten)

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