Mittwoch, 12.12.2018

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Gluck-Festspiele: Für Liebe bedeutet der Tod keine Grenze

Uraufführung des Balletts „Orpheus“ von Xin Peng Wang im Fürther Stadttheater - 21.07.2014 16:50 Uhr

Einsam inmitten von untoten Göttern, Dämonen und Furien: Eurydike (Monica Fotescu-Uta, Mitte) sehnt, ja verzehrt sich nach ihrem Orpheus (Dmitry Semionov, zweiter von rechts).Foto: Ludwig Olah © Ludwig Olah


Da darf sich das Publikum in Prag und Dortmund freuen: Die Uraufführung der jüngsten Arbeit des Dortmunder Ballettchefs vereint viele Pole. Architektonische Strenge, Eindeutigkeit in den Farbgebungen und Körperhaltungen stehen auf der einen Seite, zwingende tänzerische Aktion, Sinnlichkeit und auch ironischer Abstand auf der anderen.

Heinrich Heine hatte schon recht: „Ein Jüngling liebt ein Mädchen, die hat einen andern erwählt.“ So ist das auch Aristeus passiert. Als eher bodenständiger Vertreter, der sich auf Imkerei, Feldbau und Käse versteht, hat er gegen den thrakischen Schöngeist Orpheus keine Chance. Eurydikes Gunst gehört dem Sänger, nicht dem Jäger.

Aristeus ist nicht nur Rachegeist, sondern auch Todesengel. Er tötet Eurydike und führt sie in das unterirdische Schattenreich. Dieses Halbdasein lässt sich auf der Bühne wunderbar ins Szenische übersetzen: Xin Peng Wang arbeitet gezielt mit Silhouetten, macht die Unterweltbewohner wie Dämonen und Furien mit schwarzen Augenpartien kenntlich, flechtet immer wieder Haltungen und Gesten aus seiner chinesischen Tradition ein.

Denn Wang verknüpft die antike Geschichte mit einer verwandten Erzählung aus seiner Heimat: Ein an unerfüllter Liebe verstorbenes Mädchen erweicht die Götter der Unterwelt. Sie schenken ihr das Leben und lassen es ihren Geliebten suchen. . .

Die Verwandtschaft beider Liebes- und Sehnsuchtsgeschichten verdichtet Tanzinszenator Wang durch Personalunion: Monica Fotescu-Uta zeichnet Zerbrechlichkeit und Entschlossenheit in eins. Um sie werbend, mal in klassischer Schrittfolge, mal in Disco-Bewegung: Dmitry Semionov, der eigentlich durch seinen Gesang überzeugen soll, hier aber mit seiner körperlichen Präsenz punktet.

Seinen Konkurrenten markiert Howard Quintero Lopez mit erhabener Noblesse: Hier ist kein hinterhältiger Nebenbuhler am Werk, sondern ein Rivale auf Augen- und Virilitätshöhe. Das Corps ist nicht nur absolut synchron, sondern keine Sekunde ohne Körperspannung. Dieser „Orpheus“ präsentiert sich als Ensemblestück — ein Handlungsballett, das jedoch Seitenstränge öffnet und Assoziationen ermöglicht.

Bipolarität des Soundtracks

Die positive Spannung verstärkt die Bipolarität des Soundtracks: Die Prague Philharmonia spielt unter der akkuraten Leitung von Marek Šedivy Auszüge aus Igor Strawinskys 1948 entstandener „Orpheus“-Ballettmusik antriebsstark, sauber in der Idiomatik, nicht ganz so sauber und homogen im Streicherbereich. Abwechselnd tönt dazu aus den Boxen ein wilder Mix aus altchinesischem Folk und Pop-artiger Neuschöpfung. Lichtdesigner Carlo Cerri hält auf Grundfarben: Gelb, rot, blau — so wechseln die Hintergründe. Die Götter sind fast nackt. Eine archaische Begegnung. 

JENS VOSKAMP

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