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Goethe als persönlicher Lebensretter

Adolf Muschg sieht in seinem Buch "Der weiße Freitag" dem eigenen Tod ins Auge - 20.04.2017 13:45 Uhr

Adolf Muschg © Foto: dpa


So sehr war Adolf Muschg (82) noch nie bei sich. So ungeschützt hat der Autor sein Denken und Empfinden nie zuvor offenbart. Es hat mit der Nähe zum Tod zu tun, dass das jetzt geschieht. Muschg hat eine Krebserkrankung überstanden und den Sturz von einer Treppe. Er schreibt im Buch als Erzähler, doch dieser ist umstandslos mit dem Autor gleichzusetzen. Sein Memento Mori, das mahnend ans Sterben erinnert, feiert aber auch das Leben. Es ist autobiografisch und von beachtlicher literarischer Fantasie, eine "Erzählung vom Entgegenkommen", wie es im Untertitel heißt.

Muschg hat im Krankenhaus noch mal Goethes Aufzeichnungen von der zweiten seiner drei Schweiz-Reisen gelesen, der elfte Band aus Goethes Werkausgabe von 1808. 1779 war der Dreißigjährige aus Frankfurt, der schon vier Jahre seinem Herzog in Weimar diente, mit Carl August im Gebirge unterwegs. Am 12. November, dem titelgebenden Freitag, wollen beide mit ihren Begleitern auf 2429 Meter Höhe den Furka-Pass überqueren. Wanderwege und Markierungen gibt es nicht, aber kniehohen Schnee. Das ist anstrengend, aber gerade darin liegt das Erlebnis, dass Goethe "als Versucher seines Fürsten und seiner selbst in Gottes Namen den Teufel herausgefordert" hatte.

In einem früheren Buch hat Muschg Goethes Tour schon mal gedeutet: als "Versuch, leben zu lernen". Das geschieht nun ein zweites Mal.

Goethe hat seinerzeit nicht nur in der verschneiten Landschaft den Tod herausgefordert, sondern auch ein Erweckungserlebnis gehabt. Und so wie der junge Dichter es damals wagte, an sein Weiterleben zu glauben, findet sich der alte Schriftsteller von heute in einer ähnlichen Weichenstellung: Er hat dem Tod noch einige Zeit abgetrotzt und nimmt einfach Goethes Hand, um sich ins Leben zurückbringen zu lassen. Eine überraschende Wendung. "Den Weg, den du jetzt gehst, gehen alle, aber du zum ersten Mal", schreibt Muschg. Ein berührendes Bekenntnis. Indem Muschg sich mit Goethe auseinandersetzt, verfolgt er sein eigenes Lebensbuch. Er ist nicht allein.

Das ist keine Meditation, sondern eine Beschwörung. Muschgs großer Vorgänger, einer, "der auszog, das Leben zu lernen", wie es heißt, ist ihm prägendes Vorbild. Der Schweizer meint: "Er hat das Zeug zum Lebensretter für die menschliche Zivilisation, ohne es darauf angelegt zu haben." Goethe habe schon von jedem Übel gewusst, das unsere Welt heute bedrängt: die Zerstörung der Natur, die Geldspekulation, die Verachtung der Armen durch die Reichen, der technische Wahnsinn, der den Menschen entmündigen wird. Goethe, der auch wissenschaftlich dachte, hat das alles vorausgesehen.

Adolf Muschg war selbst noch einmal auf dem Furka-Pass, als alter Mann aber abgesichert. Nur so, scheint es, hatte er noch mal den Mut, die eigenen Lebensverhältnisse zu betrachten. Sein Vater starb früh, die Mutter war depressiv und kettete sich an den Katholizismus, unter den älteren Stiefgeschwistern sah er sich als "Rest von Familiengeschichte".

Schreiben in der Klause

"Ich habe nicht gelernt, mein Leben zu genießen, eher es zu rechtfertigen, resümiert Muschg. "Das meiste, was ich an empfohlener Lebens-Form vorfand, war nicht tragfähig." Er blickt zugleich auf seine Stärken: dass er tapfer seinen Weg gegangen ist, dass er offen war, dass es Momente gab, in denen "ihm die Welt grundlos auf- und eingeleuchtet hat".

Der bekannte Pfeifenraucher hat sein Haus verkauft und ist in das kleine Atelierhaus im Garten gezogen, in dem er mit seiner japanischen Frau lebt. Er schreibt in einer Kellerklause, Spiegel wurden so angebracht, dass er einen Blick auf Garten und Himmel hat. Nicht so feudal wie Goethe, aber im selben System. Mit dem geweiteten Blick kann es kommen, das Ende.

Adolf Muschg: Der weiße Freitag. Erzählung vom Entgegenkommen. C.H. Beck, München. 251 Seiten, 22,95 Euro. 

ROLAND MISCHKE

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