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Samstag, 21.07.2018

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Horrorkabinett der Über-Eltern

Lutz Hübners Stück „Frau Müller muss weg!“ über den Kampf im Klassenzimmer - 24.04.2012

Alles für den Nachwuchs: Das Spin Off Theater lässt Eltern auf Lehrer losgehen. © oh


Die einen agieren krankhaft ehrgeizig, weil sie ihr Kind auf Biegen und Brechen ins Gymnasium kriegen wollen, die anderen legen eine erstickende Gluckenhaftigkeit an den Tag und machen einen kleinen Gott aus ihrem unerzogenen Sohn. Ellenbogen-Karrieristen und verschrobene Gutmenschen liefern sich harte Gefechte, wenn es darum geht, die eigene Brut zu beschützen.

Alle Familientypen sind vertreten in Hübners Horrorkabinett. Das Interessante: Im gut besuchten Nürnberger Stadtteilzentrum Desi applaudieren viele junge Zuschauer der gescholtenen Lehrerin Frau Müller. Tanja Busch spielt die Pädagogin handfest und wehrhaft gegen die Elternbande, die eine neue Klassenlehrerin fordert, um das Fortkommen der Sprösslinge zu sichern.

„Frau Müller“ agiert als einzige vernünftig mit einer gewissen Objektivität und zerlegt die vorgeschobenen Argumente der Eltern, indem sie ihnen vor Augen führt, wo es bei ihren lieben Kleinen hakt. Marina als Öko-Esoterik-Mama (schwungvoll: Victoria Kaller) will nicht einsehen, dass ihr perfekter Sohn Fehler hat und flippt heulend aus als sie hört, wie er andere Kinder schlägt. Das ist so treffend dargestellt, dass man Aggressionen kriegen kann. Dauernd gibt es Zoff mit ihrem Mann Patrick (solide: Frank Strobelt), der sie von ihrer Gefühls-Tour wegbringen will.

Den Gegenpart bildet Jessica (cool: Barbara Crate), eine berechnende Geschäftsfrau. Zuerst ist sie unsympathisch, doch am Ende erweist sich ihr Pragmatismus, dass ihre Tochter eben nicht die Schlaueste ist, als wohltuend. Katja (nüchtern: Verena Schmidt) markiert die Zurückhaltende, Vernünftige, die der Lehrerin noch eine Chance geben möchte. Doch sie ist in eine Affäre mit Wolf (witzig: Marcus Gangloff als proletarischer Macho-Vater) verstrickt. Frank Strobelt hat das tragikkomische Stück um den Kampf im Klassenzimmer sehr auf die einzelnen Personen, ihre Beziehungen und Konflikte hin inszeniert.

Er akzentuiert die Entwicklung, als eine Notenliste auftaucht und die Eltern Frau Müller auf einmal doch als Klassleiterin wollen, weil die Bewertungen so gut ausgefallen sind. Doch dann kommt alles anders. Sehens- und diskutierenswert.

Weitere Termine: 28. April Tassilo Theater, 11. Mai Loni-Übler-Haus, 12. Mai Cinecittà, 25. Mai Gostner Hoftheater
  

CLAUDIA SCHULLER

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