Donnerstag, 14.12. - 16:11 Uhr

|

zum Thema

Leipziger Buchpreis für Natascha Wodin

Die in Franken aufgewachsene Autorin hat ein Buch über das Schicksal ihrer Mutter geschrieben - 24.03.2017 10:01 Uhr

Ausgezeichnet: Natascha Wodin auf der Leipziger Buchmesse. © Foto: dpa


Ausgezeichnet: Natascha Wodin auf der Leipziger Buchmesse. © Foto: dpa


Ausgerechnet Leipzig: Genau in der Stadt, in der ihre Eltern ab 1944 als Zwangsarbeiter in einem Unternehmen des Flick-Konzerns unter unwürdigen Bedingungen schuften mussten, nahm Natascha Wodin den Preis der Leipziger Buchmesse entgegen. Es ist eine späte Anerkennung für die 1945 in Fürth geborene Schriftstellerin. 1983 erschien ihre Erzählung "Die gläserne Stadt" (gerade wieder neu aufgelegt im Cadolzburger Verlag ars vivendi), und schon darin schildert die Autorin sehr persönlich, wenig distanziert von der Realität, ihre Kindheit in Fürth, Nürnberg und Forchheim.

Die eigene Biografie prägt immer wieder das Werk von Wodin, die auch ihre schwierige Beziehung zum Schriftsteller Wolfgang Hilbig sehr offen in dem Roman "Nachtgeschwister" schilderte. Auszeichnungen hat sie viele erhalten (darunter den Wolfram-von-Eschenbach-Preis und den Nürnberger Kulturförderpreis), aber sie stand nie in der vorderen Reihe der Autoren-Szene, galt noch bis vor kurzem als Geheimtipp. Dass sie ausgerechnet für ein so persönliches Buch wie "Sie kam aus Mariupol" über das Leben ihrer Mutter den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse erhält, ist umso bemerkenswerter, denn es erfordert viel Mut, so zu schreiben wie Wodin.

Schon für das Manuskript erhielt sie den Alfred-Döblin-Preis, beeindruckend ist nicht nur dieser Lebensweg von Mutter und Tochter, sondern immer wieder auch die ganz eigene Sprache zwischen Sachlichkeit und Verletzlichkeit.

Wodins Buch schildert nicht nur die Stationen ihrer Familie, insbesondere ihrer Mutter, die aus der vom aufkommenden Kommunismus gewaltsam geprägten Ukraine nach Deutschland kam. Womöglich erhoffte sie sich dort ein besseres Leben als das in der Heimat am Asowschen Meer, denn ihre Familie galt als konterrevolutionär und war Anfeindungen aller Art ausgesetzt. Doch die Eltern landeten im Nazi-Deutschland als Zwangsarbeiter in Leipzig.

Nach dem Krieg verschlägt es sie als sogenannte "Displaced Persons" an die Stadtgrenze zwischen Nürnberg und Fürth. Natascha Wodin verbringt ihre ersten Jahre im Schuppen einer Metallwarenfabrik, später im Valka-Lager in Langwasser und in Forchheim. Dort nimmt sich die Mutter das Leben, als Natascha Wodin zehn Jahre alt ist. Sie war nie in Deutschland angekommen.

Die Schriftstellerin ist geprägt von diesen frühen Erfahrungen (auch von der lang anhaltenden Ausgrenzung als "Russenkind"), kannte die Herkunft ihrer Mutter aber nie. Im Buch schildert sie mit viel Innenschau und fast poetischer Sprache ihre erst zaghafte, dann immer drängendere Suche nach den Wurzeln.

Die Leipziger Jury würdigte "eine literarische Biografie, die an die Geschichte der Zwangsarbeiter erinnert, und eine persönliche Spurensuche, die dem Verlorenen eine Sprache gibt". In ihrer Dankesrede sagte Wodin, sie sei sehr glücklich über diesen Preis. Sie wünsche sich, dass möglichst viele Menschen von den Ausmaßen der Zwangsarbeit im Deutschen Reich und dem Schicksal der Millionen in der Kriegsindustrie verschlissenen Arbeiter erfahren.

Sachbuchpreis für Biografie

In der Kategorie Sachbuch/Essayistik war zuvor Barbara Stollberg-Rillinger für ihre Biografie über die Habsburger-Kaiserin Maria Theresia ausgezeichnet worden. Darin habe die Münsteraner Historikerin energisch Klischees beiseite geschoben und dadurch einen neuen Blick auf die Kaiserin ermöglicht, urteilte die Jury. Stollberg-Rillingers Buch sei blendend erzählt, hoch analytisch und prallvoll mit Erkenntnissen. Ihr Stil sei glänzend und von dezenter Eleganz. "Diese Biografie ist ein Meisterinnenwerk", sagte Juror Alexander Cammann.

Der Preis in der Kategorie Übersetzung ging an Eva Lüdi Kong für ihre Übersetzung von "Die Reise in den Westen" aus dem Chinesischen. Autor und Entstehungszeit des Originals sind unbekannt, auf Deutsch lag es bislang nicht vor. Die Jury würdigte Lüdi Kongs Übersetzung als ehrfurchtgebietende Leistung. Durch die Übersetzung dieses "populärsten Werkes der chinesischen Literatur" habe sie einen Schatz gehoben, "von dem wir bisher nichts wussten". Die Preisträgerin stammt aus der Schweiz und lebte 25 Jahre lang in China.

Der Preis der Leipziger Buchmesse wurde zum 13. Mal verliehen. Er ist mit insgesamt 60 000 Euro dotiert. Frühere Preisträger in der Kategorie Belletristik waren unter anderem Wolfgang Herrndorf und Jan Wagner.

Am 10. Mai liest Natascha Wodin in Ansbach im Kunsthaus Reitbahn 

KATHARINA ERLENWEIN

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Name:

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Kultur