12°

Dienstag, 25.07. - 22:55 Uhr

|

zum Thema

Luther unter einem Wortschwall begraben

Zaimoglu liest am 4. Mai in Nürnberg aus seinem Roman "Evangelio" - 20.04.2017 13:45 Uhr

Inspiriert von Luther: Feridun Zaimoglu. © F.: Melanie Grande


Zugegeben: Von der Papierform her hat es etwas Faszinierendes, wenn ein Autor, der biografisch nicht im innerchristlichen Konfessionsstreit verwurzelt ist und dem Luther als Nationalmonument im Grunde völlig egal sein könnte, sich über eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der deutschen Kulturgeschichte Gedanken macht.

Das hätte einen erfrischend anderen, vielleicht originellen Blick ergeben. Oder vielleicht noch spannender: Was hat ein Luther eigentlich einem Muslim zu sagen — oder auch nicht?

Hätte. Könnte. Vielleicht. Denn stattdessen liefert der vielfach ausgezeichnete Autor eine Trittbrettfahrt auf dem Ticket "Reformationsjubiläum" und eine besonders unkomfortable und ungelenke noch dazu. Dass der Roman so gut wie ohne Handlung auskommt, geschenkt. Dass er an Stelle dessen einen Gegensatz zwischen einem grüblerischen Intellektuellen und einem (altgläubigen) schlichten Landsknecht, der den Reformator vor Übergriffen beschützen soll, erfindet, ist im Grunde eine reizvolle Konstellation. Die aber bei Zaimoglu völlig in den Sand gesetzt wird.

Orgie an Hauptsätzen

Denn was auf den Leser niederregnet ist ein entsetzlicher Wortschwall. Eine nicht enden wollende Orgie an Hauptsätzen, so dass man nach zwanzig Seiten völlig ausgetrocknet dankbar ein Relativpronomen oder eine Nebensatzkonstruktion aufsaugt. Keine Frage, Zaimoglu wollte das Idiom der spätmittelalterlichen deutschen Sprache wiederbeleben. Hat sich von seinen zahlreichen Sprach-Rechercheuren helfen lassen und in die Terminologie jener Tage eingefuchst. Er weiß uns von Totengrünkraut, vom "Gespei der Metzenknechte" und der Buhldirne zu berichten und ist bemüht, die Lebensumstände und Speisen authentisch zu schildern.

Auch scheint Zaimoglu Heiko Oberman intensiv studiert zu haben. Der niederländische Theologe hatte Anfang der 80er Jahre für mächtig Furore in der akademischen Fachwelt, aber auch in den Feuilletons gesorgt, als er in einer glänzend geschriebenen Monographie Luther als "Mensch zwischen Gott und Teufel" darstellte. Als Satansbesessenen, hin- und hergerissen zwischen dämonischen Depressionen, ein manischer Geistergläubiger und übersteigerter Gottesschauer.

Nicht viel anders wirkt nun Luther bei Zaimoglu: Ein verstörter Mönch, der beständig zwischen Fäkalsprache und Augustinus, Bibelzitat und Fluchwort pendelt. Aber dabei bleibt es. Inhaltlich tut sich Zaimoglu offensichtlich schwer nachzuvollziehen, um was es dem Reformator eigentlich ging. Jedenfalls nicht nur um Worte.

Zaimoglu freut sich an der kraftvollen, archaischen, ja auch poetischen Sprachwucht des Bibelprofessors. Aber dass die nur Mittel zum Zweck der Überzeugung für neue theologische Ideen, für ein andersartiges Christus- und Gottesbild war, fällt bei Zaimoglu völlig hinten runter. Ganz besonders misslungen sind die (fiktiven) Briefe an seine Vertrauten Melanchthon und Spalatin, die der Autor als gliederndes Element in seinen verbalen Wasserfall einbaut.

Lebenszeit spart, wer sich diesen plätschernden Wort-Kaskaden nicht hingibt. Lesenswerte Luther-Romane gibt es schließlich von Riccarda Huch bis Asta Scheib ("Kinder des Ungehorsams") genug.

Feridun Zaimoglu: Evangelio. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 352 Seiten, 22 Euro. 

JENS VOSKAMP

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Name:

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Kultur