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Manchmal sagt ein einziges Wort alles: "Halleluja!"

Heiterer und bewegender Abschied von Alexander Shelley als Chefdirigent der Nürnberger Symphoniker beim "Klassik-Open-Air" - 06.08.2017 18:15 Uhr

Weltstar ohne Allüren: Daniel Hope begeisterte auf seiner Guarneri del Gesù.


Time to say goodbye und das bei absolut perfektem Timing: Mochten sich auch noch ein paar Regenwolken über den Luitpoldhain verirrt haben, in dem Augenblick, da die Symphoniker das Podium betraten, schloss der Himmel seine Schleusen und verlegte sich nur noch aufs Zuhören. Selbst der Mond schaute breitgrinsend und fast voll ausgeformt auf die eindrucksvolle Kulisse. Die erlebte nach einem dreistündigen musikalischen Feuerwerk auch noch ein pyrotechnisches.

Da war Alexander Shelley bereits dabei, sich persönlich bei seinen Orchesterpartnern der letzten acht Jahre zu bedanken. Davor war der alte "Auf Wiederseh‘n"-Schlager von den Anwesenden intoniert worden. Im Intro klangen noch einmal das "Meistersinger"-Vorspiel und der Marsch "Pomp and circumstance" an, die im Original zuvor diese deutsch-britische "Last Night" geprägt hatten. Julia Lehner gab Shelley dann noch mit auf den Weg: "Come again soon und nicht erst, wenn Nürnberg 2025 als Europäische Kulturhauptstadt grüßt."

Die Zugehörigkeit zur europäischen Familie zu betonen, war auch den beiden Briten Alexander Shelley und Stargeiger Daniel Hope ganz wichtig. Spitzen gegen den Brexit kommen in Deutschland eben immer gut an. . . Wobei der in Berlin lebende Violinist mittlerweile sogar die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat. Weltbürger sind beide ohnehin.

Wie bei den Londoner "Proms"

Der Beschwörung der deutschen Romantik im ersten Teil folgte die Partystimmung, wie sie zum Abschluss der Londoner "Proms" üblich ist. Und so bewiesen die Nürnberger Symphoniker wieder einmal nachdrücklich, wie stilistisch breit und flexibel sie aufgestellt sind: Den großen Opernton haben sie genauso drauf wie den langen sinfonischen Atem. Sie verstehen sich auf Filmmusik wie auf rhythmisch fixierte Genrestücke. In Max Bruchs g-moll-Violinkonzert sind sie dem Solisten ein aufmerksamer Dialogpartner. Daniel Hope geht das viel gespielte Stück nicht zu gefühlig an, sondern mit fast zärtlicher Unaufgeregtheit und kammermusikalischer Noblesse. Virtuosität kommt bei ihm völlig unprätentiös daher.

Besitzt viel Fingerspitzengefühl für klangliche Nuancen und im Umgang mit dem Publikum: Alexander Shelley gab auch bei seinem Ausstand alles.


In den Zugaben reiht sich Hope sogar in die Sängerfront ein, die Guido Johannes Rumstadt aus Abordnungen vom Hans-Sachs- und Philharmonischer Chor formte: Wann gibt es für einen Geiger schon einmal Gelegenheit, Händels "Hallelujah" mitzuschmettern? Und auch das sentimentale "Jerusalem" von Hubert Parry und der nationalistische Part in Herny Woods "Fantasia on British Sea Songs" glückte der Sängerauswahl famos.

Thema aus "Schindlers Liste"

Man darf sicher sein, dass Daniel Hope die Wahl seiner Zugabe gerade mit Hinblick auf diesen besonderen Spielort gewählt hatte: Das Thema aus "Schindlers Liste" von John Williams schlug noch einmal den Bogen zu der Tatsache, dass 80 Jahre nach dem Aufmarsch der braunen Horden in dem Park das Areal seit langem dem friedlichen Miteinander und nicht mehr der Ausgrenzung dient. Darauf einen gepfiffen: Nämlich den "Colonel Bogey" aus der Filmmusik zu "River Kwai", die aus der Feder von Malcom Arnold stammt.

Ob mit oder ohne Opernglas, auf dem Campingstuhl oder im Schneidersitz auf der Decke: Die Nürnberger bewiesen auch beim zweiten „Klassik-Open-Air“ in diesem Jahr, wie friedlich und entspannt so ein Massenevent über die Bühne gehen kann. Anlässlich des Abschieds von Alexander Shelley hatte die Spielzeugmesse sogar ein Feuerwerk spendiert.


18 Luitpold-Einsätze haben die Symphoniker bislang absolviert. Neun Mal stand Alexander Shelley dabei am Pult. Es ist einfach sein Format: Mühelos wechselt der 37-Jährige vom konzentrierten Dirigat in leichtfüßige Moderation, animiert zum Tanzen, bezieht seine musikalischen Abendgäste mit ein und gibt den Wunderkerzen-Einsatz. Ernsthaftes Künstlertum und Begabung zum Entertainment fließen bei ihm charmant zusammen.

Nun warten erst einmal eine Safari und ein Strandurlaub in Tansania auf den umtriebigen Musiker, der seit dem 1. Januar keinen Tag pausiert hatte. Danach ist er wieder als Erster Gastdirigent von London Philharmonic und Leiter des National Arts-Orchester in der kanadischen Metropole Ottawa im Einsatz. Auffällig viele Maple Leaf Flags, also Ahornblatt-Flaggen, wurden bereits im Luitpoldhain gesichtet.

Und manchmal fügt es auch der Kalender glücklich: Eine Mögeldorferin hatte just an diesem Tag Geburtstag und verlegte ihre Feier auf das Musik-Picknick. Europas grünster Konzertsaal sorgte für Glücksgefühle. Well done, Alexander Shelley!

ZDer Mitschnitt ist in der BR-Mediathek zu sehen: www.br.de/mediathek/video/video/br-klassik-klassik-open-air-nuernberg-100.html  

HORST LINKE (Fotos)UND JENS VOSKAMP (Text)

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