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Papa sorgt für Chaos, Mutti ordnet es

Das Fürther Theater zeigt das fantasiereiche Kinderstück „Das Weihnachtselexier“ - 19.11.2012

Emma (Iris Faber) probt auf der Blockflöte schon mal Weihnachtslieder, während Mutti (Simone Ott, rechts) wieder eine Job-Absage erhält. © Roland Huber


Trank des Vergessens, Trank der Erlösung, vertauschter, verwegener, verfluchter Trank! Welt vergeh! Weh!“ Wer hätte gedacht, dass auch das Stadttheater Fürth zum nahenden Wagner-Jahr ein dickes Ding auf die Bühne hievt. Das heißt, nicht ganz. Es gibt da was, das Wagner-Fans wissen sollten. „Das Weihnachtselixier“ ist nur ein Kinderstück.

Doch was heißt hier „nur“? Wenn „Pfütze“-Urvater Christian Schidlowsky sich schreibend und inszenierend ans Werk macht, dann entsteht stets Theater, das Lebenswelt und Alltag kleiner Mitmenschen kitschfrei ernst nimmt, und in dem kindliche Sorgen, Wünsche, Ängste und Freuden im Mittelpunkt stehen, nicht als Kopfgeburt großer Mitmenschen mit Hang zum Niedlichmachen. Auch „Das Weihnachtselixier“ – jüngster Doppelpass Schidlowskys mit Maßbachs Intendantin Anne Maar nach „Luci und die Tanten“ 2010 – ist ein im besten Sinn vollwertiges Goldstück des Fürther Repertoires. Triumph einer ungeheuer spaßig dahinratternden Theatermaschinerie ist es obendrein.

Verrückte Erfinder-Familie

Emma (mit viel Herz und glaubwürdig melancholischer Note: Iris Faber) ist Sprössling einer besonders verrückten Familie. Papa, von der Mama (wunderbar gluckenhaft: Simone Ott) immer nur „Professor“ genannt, liebt sein Labor über alles; dort tüftelt er Erfindungen aus, die die Menschheit nicht braucht. Zum Beispiel erfand er das Fußball-Sammelbild-Album, in dem immer ein Spieler fehlt.

In diesem „Ferfinder“-Clan, wo die dicksten Fehler auf dickstes väterliches Lob stoßen, hat man's nicht leicht, zumal auch die Mama Ferfinderin ist - jedoch auf der Suche nach Arbeit. Emma, von Papas nettem Nerd-Praktikant Max (Nilz Bessel) angeschmachtet, träumt davon, „dass wir endlich einmal zusammen ein Fest zu feiern, das alle feiern“. Nur ihre Familie nicht. Man braucht „Weihnachten“ nicht mal zu Ende sprechen, schon geht der Papa (schön neurotisch zwischen Bond-Schurke und Familienboss: Remo Hofer) unter die Decke.

Aus diesem Stoff machen Schidlowsky, seine brillante Ausstatterin Anita Rask Nielsen und Kostümbildnerin Jutta Reinhard, die für die schrillsten Farbkollisionen seit Erfindung des Fürther Stadttheaters sorgt, gut getimtes Comic-Theater.

Herrlich alberne Geräusche à la „Väter der Klamotte“ avancieren gleichsam zur fünften handelnden Person und sorgen schon nach Sekunden für verblüfft lachende Zuschauer. Dass die Laborbrille beim Aufsetzen nämlich bis in den 1. Rang quietscht, damit war nicht zu rechnen. Und das ist noch lange nicht die einzige Überraschung. Was für ein irrer Aufwand, den Schidlowskys Team in knapp 70 Minuten betreibt! Sogar plappernde Blumensträuße gibt es, die sich um Kopf und Kragen reden.

Einen Trank erfindet der Papa, damit nicht nur Emma, sondern gleich mal die ganze Menschheit auf ewig Weihnachten vergisst — eine Steilvorlage für optische und akustische Effekte zuhauf. Dennoch gelingt es Schidlowsky, die Story, die zum Ende hin an Fahrt verliert und deren Mama-Erzählstrang eine Spur zu wirr gerät, nicht Klamauk-Amok laufen zu lassen. „Das Weihnachtselixier“ hat einen warmherzig-menschlichen Mittelpunkt, den Schidlowsky nicht des Bühnenzaubers wegen an seine Oma verkauft.

Zu viel zu verraten, wäre an dieser Stelle höchst gemein. Nur soviel: Superwichtige Tränke zu verwechseln, das hat theaterhistorisch schon so manches üble Desaster eingeleitet. In Fürth aber sorgt es für explosives, pures Glück.

Weitere Aufführungen: 19. und 20. November (je 9 und 11 Uhr), 25. November (15 Uhr), 26. November (9 und 11 Uhr), 17. Dezember (15 Uhr), 18. und 19. Dezember (je 9 und 11 Uhr). Karten: Tel. 0911/9742400. www.stadttheater.fuerth.de

  

MATTHIAS BOLL

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