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"Tatort" aus München: Kann Selbstjustiz gerecht sein?

In "Wir kriegen euch alle" geht es um einen blutigen Rachefeldzug - 02.12.2018 21:45 Uhr

Ein Ehepaar ist bestialisch ermordet worden - ein Fall für das Team um Leitmayr (Udo Wachtveitl, links) und Hammermann (Ferdinand Hofer). © BR/Michael Schreitel/Tellux-Film GmbH


Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) haben in diesem TV-Jahr schon so einiges erlebt. In "Freies Land" mussten sie es mit einer Horde Rechtsradikaler aufnehmen, die es sich auf einem Areal jenseits des städtischen S-Bahn-Gürtels gemütlich machte. In der zuletzt ausgestrahlten Episode "KI" bekamen es die zwei Silberlocken mit "MARIA", der gehackten Version einer künstlichen Intelligenz zu tun.

Sebastian Markas Film setzte sich mit den Themen der digitalen Welt auseinander. Unterm Strich bildete derlei Technik jedoch nur den Rahmen für einen Thriller, in dessen Kern Menschen standen, die sich elementaren Fragen des Lebens stellen mussten und zu entscheiden hatten, was ethisches Handeln bedeutet, was gut und was böse ist.

Bestialischer Doppelmord

Ethisches Handeln und elementare Fragen des Lebens spielen auch in "Wir kriegen euch alle" eine Rolle. Sven Bohses Film, der das Thema Kindesmissbrauch behandelt, dreht sich um die Fragen, ob man für Gerechtigkeit sorgen kann, in dem man selbst das Gesetz bricht und ob Opfer, die zu Tätern werden, dabei aus der Opferrolle ihres eigenes Lebens herausfinden oder nicht?

Der 80. Fall von Batic und Leitmayr beginnt, als die Fahnder zu einer Villa gerufen werden, in der ein Ehepaar bestialisch ermordet worden ist. Nur Lena, die kleine Tochter, blieb verschont. Jemand hatte sie betäubt. An die Wand geschmierte Botschaften lassen keinen Zweifel daran, dass es sich bei dem Mord um einen Racheakt gehandelt haben muss. Offenbar nahm hier jemand das Gesetz selbst in die Hand und richtete einen bis dato unerkannt lebenden Kinderschänder sowie dessen Frau hin.

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Ein Racheengel geht um

Durch ein "Smart-Toy" können die Kommissare eine Verbindung zu einem kurz zuvor begangenen Suizid einer alten Dame konstruieren. Die kleine Lena hatte die sprechende Puppe von eben jener Oma Frida auf dem Spielplatz bekommen. Wie sich herausstellt, schenkte die Frau auch anderen Kindern eine solche Puppe, durch die man mittels moderner Technik und etwas Manipulationsgeschick direkten Kontakt mit den Kindern aufnehmen kann. Auf diese Weise versuchte die Dame mit Unterstützung eines jungen Mannes herauszufinden, ob Kinder in ihren Familien sicher sind oder nicht. Lena war es offensichtlich nicht.

Dass es derartige Spielzeuge tatsächlich gibt, beweist übrigens die Realität. BR-Redakteurin Stefanie Heckner, die die ursprüngliche Idee zu dieser Geschichte hatte, fiel eines Tages ein Zeitungsbericht über die New Yorker Toy-Fair in die Hände. Darin war von einer solchen Puppe die Rede, die ein Fremder nachweislich hacken und somit anonym Kontakt zu Kindern aufbauen konnte. In Deutschland sind die Spielzeuge inzwischen verboten. In Österreich gibt es sie noch.

Michael Proehl und Michael Comtesse formen aus Heckners Gedanken einen Krimiplot, der das in diesem Zusammenhang naheliegende Thema Kindesmissbrauch jedoch eher subtil behandelt und darauf verzichtet, das ganz große Drama herauszufordern. Bohses zweiter "Tatort" ist vor allem ein faszinierender Thriller, der es schafft, von Anfang an eine Sogwirkung zu entfalten und am Ende mit einem überraschenden Finale verblüfft, weil der Zuschauer zumeist auf dem gleichen Stand der Ermittler ist.

Ästhetisches Ausrufezeichen

Bohse setzt nach "Borowski und das Land zwischen den Meeren" ein weiteres ästhetisches Ausrufezeichen und sorgt für einen echten Hingucker. So macht er beispielsweise die jeweilige Stimmungslage im Innern des Hauptverdächtigen, dem unterstellt wird, als Weihnachtsmann verkleidet Kinderschänder und Mitwisser mit seiner Machete zu richten, durch verschiedene Farbeinstellungen für den Zuschauer sichtbar.

Der Regisseur spielt zudem mit den Möglichkeiten der Musik und streut immer dann einen wohl temperierten Humor ein, wenn sichtbare oder unsichtbare Brutalität an Oberhand gewinnt. Einen Humor, für den die Kommissare zuständig sind, und der einzig und allein dazu dient, die über dem Film liegende Schwere ein Stück weit aufzubrechen, so dass ein Moment zum Durchatmen entsteht. Wieder mal ein extrem starker "Tatort" aus München! 

Micha Klang E-Mail

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