Tatort-Kommissar Hinrichs: "Franken sind erdige Menschen"

8.4.2015, 06:00 Uhr
Im Franken-Tatort „Der Himmel ist ein Platz auf Erden“ zieht Fabian Hinrichs alias Hauptkommissar Felix Voss nach Nürnberg und übernimmt die Mordkommission.

© dpa Im Franken-Tatort „Der Himmel ist ein Platz auf Erden“ zieht Fabian Hinrichs alias Hauptkommissar Felix Voss nach Nürnberg und übernimmt die Mordkommission.

Der Herr Hauptkommissar ist etwas erschöpft. Fabian Hinrichs hat bei der Berliner Premiere des Franken-Tatorts ein halbes Dutzend Interviews nacheinander gegeben. Deswegen bittet er vor Beginn unseres Gesprächs um einen Platzwechsel. Statt auf dem harten Stuhl möchte er es sich lieber auf dem Sofa bequem machen. Kaum sitzt er, springt er schon wieder auf und holt sich ein belegtes Brötchen. "Gegen die Unterzuckerung“, sagt der 40-Jährige.

Herr Hinrichs, ich gestehe: Ihr Tod hat mich berührt. Ich war einer von Millionen Deutschen, die im Jahr 2012 den etwas verpeilten Kriminalassistenten Gisbert Engelhardt in ihr Herz geschlossen hatten und seine Ermordung sehr bedauerten. Träumten Sie damals eigentlich schon von einer späteren Tatort-Karriere?

Nein, an so etwas habe ich nie gedacht. Ein Traum von mir war es schon gar nicht. Es war von Anfang an klar gewesen, dass es nur ein 60-minütiger Auftritt sein sollte und mehr nicht. Der Hype um diese Figur des Gisbert hat mich völlig überrascht. Ich war zum Zeitpunkt der Ausstrahlung fünf Wochen lang in Myanmar, hatte weder Handy noch Zugang zum Internet. Als ich nach Deutschland zurückkehrte, war es für mich eine ziemlich unwirkliche Situation.

Ein Tatort-Hauptdarsteller hat hier zu Lande so etwas wie ein öffentliches Amt inne. Er ist bekannter als mancher Bundesminister. Wie finden Sie das?

Es muss ja nichts Schlechtes daran sein, eine gewisse Popularität zu besitzen. Da schließe ich mich John Lennon an, der einmal gesagt hat, es sei ihm natürlich lieber, wenn viele Menschen seine Musik hören. Das Dargebotene wird ja dadurch nicht schlechter. Aber die Maßstäbe sollten auch nicht verrutschen, oder? Es gibt auf der Welt wirklich entscheidendere Dinge als den Tatort. Menschen verhungern, Menschen sterben, Menschen leiden unter mangelnder Verteilungsgerechtigkeit.

Das klingt sehr ernst, was Sie hier sagen ...

Manchmal kann ein Film auch ein Symbol sein für solche wichtigen Themen. Das ist nach meiner Auffassung eine der großen Aufgaben von Kunst. Es gibt eine Verantwortung, anspruchsvolle Filme zu drehen. Die müssen nicht immer einen primär politischen Inhalt haben. Auch Poesie ist politisch, alleine dadurch, dass sie da ist. Aber es darf nicht alles der Quote unterliegen.

Ein Video zum Thema wird präsentiert vom FrankenFernsehen

Gerade der Tatort schafft es aber manchmal durchaus, Quote und Qualität zu vereinen. Und das schon seit Jahrzehnten. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

In unserer Zeit, in der wirklich alles sofort hinweggefegt werden kann, ist das etwas ganz Tolles. Es gibt von dem Soziologen Niklas Luhmann einen Aufsatz mit dem Titel „Lob der Routine“. Darin beschreibt er, wie wichtig in einer Gesellschaft solche Haltepunkte sind. Je älter ich werde, desto besser finde ich Konstanten. Inkonstante Dinge haben wir sowieso genug. Deswegen ist es gut, dass es den Tatort schon so lange gibt und er für viele Menschen zu einer Routine am Sonntagabend geworden ist.

Wie viel Zeit beansprucht Sie denn die Mitarbeit an einer Tatort-Folge?

Die reine Dreharbeit beträgt nur fünf Wochen. Aber die anderen Termine, etwa die Drehbuchentwicklung, Kostümproben und Pressetermine so wie heute kommen noch dazu. Das läppert sich, es sind im Endeffekt deutlich mehr als zwei Monate.

Sehen Sie sich eigentlich selbst am Sonntagabend regelmäßig den Tatort an?

Ich hatte eine frühe intensive Phase, in der ich kaum eine Folge versäumte. Manfred Krug und eben Götz George dürften meine ersten bewusst wahrgenommenen Tatort-Kommissare gewesen sein. Dann wurde es eine Zeit lang deutlich weniger. Ein Schauspieler will eben nicht immer, wenn er selbst nicht gerade schauspielert, anderen Schauspielern zusehen, das geht Friseuren bei Frisuren ähnlich. Jetzt ist es wieder anders. Mal sehe ich ihn mir an, dann mal wieder nicht. Je nachdem, ob es sich gerade so ergibt. Ein Ritual ist es für mich nicht.

Verraten Sie mir das Geheimnis: Was macht einen richtig guten Tatort aus?

Das allerwichtigste ist immer das Drehbuch. Man kann es als das Rückgrat des Films bezeichnen. Deswegen müssten meines Erachtens auch junge Autoren in Deutschland besser gefördert werden. Die brauchen wir dringend.

Wie sind Sie mit Ihrer Rolle des Felix Voss zufrieden?

Ich finde es gut, dass nicht von Anfang an im Drehbuch irrsinnige Gegensätze zwischen uns beiden Kommissaren konstruiert wurden. Nach dem Motto "Er hört ständig Heavy Metal, sie hört ständig Jazzmusik." Das wurde in der ersten Folge alles noch etwas offen gehalten. So haben meine Kollegin Dagmar Manzel als Hauptkommissarin Paula Ringelhahn und ich Gelegenheit, die Rollen in aller Ruhe während der nächsten Folgen weiter zu entwickeln. Das ist wirklich sehr reizvoll.

Sie waren vor dem Franken-Tatort noch nie in Nürnberg und seiner Umgebung. Wie haben Sie Land und Leute erlebt?

Mir kamen die Leute im ersten Moment ziemlich ruhig und überaus zurückhaltend vor. Wenn man sie länger kennt, dann sind sie allerdings sehr herzlich und verbindlich. Wahrscheinlich könnte man den Menschenschlag auch ganz gut als "erdig" bezeichnen. Ganz im Gegensatz zum Beispiel zu Paris, wo mir die Menschen immer sehr affektiert vorkommen.

Wo haben Sie denn überall gedreht? Woran erinnern Sie sich gerne?

Mir hat Fürth sehr gut gefallen, aber auch Nürnberg. Von Erlangen habe ich nur die Universität kennengelernt. Ich bin sehr viel mit dem Rad unterwegs gewesen, das sind ja keine weiten Entfernungen. Ich habe wohl das besucht, was alle Urlauber besuchen, die zum ersten Mal in der Gegend sind: die Burg, das Reichsparteitagsgelände, das Germanische Nationalmuseum. Ich habe während der ganzen Zeit in der Nordstadt gewohnt, da hatte ich eine schöne kleine Altbauwohnung unterm Dach gemietet. Das ist mir wichtig, damit keiner über mir herumtrampeln kann. Der nächste Supermarkt war nicht weit weg und so konnte ich mir gelegentlich selbst etwas kochen.

Was wollen Sie während des nächsten Drehs alles unternehmen?

Ich habe mir einige fränkische Reiseführer geholt und freue mich darauf, nun auch mal die kleinen Städte in der Umgebung zu sehen. Bamberg würde mich sehr interessieren. Da war ich noch nie. Es wäre schön, wenn in der Fränkischen Schweiz gedreht wird, denn ich bin eigentlich gar nicht so sehr ein Stadtmensch, sondern sehr naturverbunden. Mit fallen jedenfalls genug Orte ein, die ich in Franken noch kennenlernen will. Das würde sicher für etliche Tatorte reichen.

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