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Terror im Spiegel der Kunst

Der Schock wirkt nach: Packende Ausstellung zum 11. September in Nürnberg - 12.09.2011 13:00 Uhr

Nein, das in der Mitte ist nicht Ai Wewei. Die Gemäldeserie zeigt Riesenporträts von Uiguren, die als vermeintlich gefährliche Terroristen nach den Anschlägen vom 11. September im US-Gefangenenlager Guantanamo inhaftiert waren. © Matejka


Das Foto des Marinesoldaten Ty Ziegel, 24, und seiner Braut Renee Kline, 21, an ihrem Hochzeitstag ist in aller scheinbaren Normalität ein Schock: Die junge Frau mit dem großen Rosenstrauß blickt angestrengt in die Kamera — und angstvoll in die ungewisse Zukunft. Neben ihr der uniformierte Bräutigam, der bei einem Selbstmordanschlag im Irak grausam entstellt wurde. Nina Berman, Fotografin aus New York, porträtiert seit 2003 Kriegsveteranen im Alltag und gewann mit dem schockierenden Hochzeitsbild 2007 den internationalen „World Press Photo Award“. „Es war sehr verstörend, so viele schwer geschädigte junge Männer und Frauen kennenzulernen und mich damit in diesen Krieg verwickelt zu sehen, weil sie in meinem Namen kämpften“, gesteht die Fotografin, die vier Serien zu den Nachwirkungen des 11. September 2001 ausstellt.

„Die Kunst ist ein gutes Werkzeug, um jenseits der Ökonomie, Politik und Medienberichterstattung das vergangen Jahrzehnt zu analysieren“, sagt Frank Motz, Kurator der Schau, die zuvor in Leipzig zu sehen war und im Anschluss nach Weimar wandert. Sie zeigt Arbeiten, die ganz neu sind, aber auch Werke, die unmittelbar nach den Anschlägen entstanden sind. Dazu gehören die Aufnahmen des deutschen, seit 1976 in New York lebenden Fotografen Thomas Hoepker von den brennenden Türmen, verzweifelten Angehörigen und Feuerwehrleuten, die nach Überlebenden suchen.

Kein Ereignis der letzten Jahrzehnte wurde medial derart ausgeleuchtet, wie diese Terroranschläge. Da ist es fast zynisch, dass ausgerechnet ein Künstler zum hautnahen Dokumentaristen wird, der die allgegenwärtige Informationsflut und Liveschaltungs-Orgie zu Ereignissen aller Art in seinen Werken entschleunigen möchte. Für ein Kunstprojekt hatte Wolfgang Staehle am 6. September 2001 in einer New Yorker Galerie eine Web-Kamera montiert, die im Vier-Sekunden-Rhythmus Echtzeitbilder der Skyline von Manhattan zeigten — neben Aufnahmen von einem Kloster in Süddeutschland und dem Berliner Fernsehturm. Um exakt 8:46 und 50 Sekunden entstand an jenem 11. September das Bild, das nun zu sehen ist: Das erste Flugzeug nähert sich am wolkenlosen Himmel den Türmen — und jeder weiß, was Sekunden später passieren wird. Staehle veröffentlichte die Bilder seiner Webcam übrigens erst ein Jahr nach den Anschlägen.

Mit dem politischen Klima, „das sich angetrieben von Angst, Misstrauen und Aktionismus durch den Krieg gegen den Terror“ entwickelt hat, befasst sich Christoph Faulhaber in einer aufwendigen Serie mit Groß-Porträts und einem Film, gedreht im Südsee-Paradies Palau: Hier fanden sechs in Guantanamo inhaftierte Uiguren nach ihrer Entlassung Asyl. Europäische Regierungen hatten deren Aufnahme verweigert. „Die Ex-Häftlinge fühlen sich im Südsee-Paradies wie im Gefängnis“, sagt Motz.

Er selbst war als Mitarbeiter der renommierten Whitney Biennale in New York vor Ort, als die Katastrophe geschah. „Ich war mit dem Fahrrad unterwegs in den Süden Manhattans, als mich eine rennende Frau umriss“, erzählt er. Die Folgen sind bis heute unübersehbar: Drei versteifte Finger an der linken Hand nach einem Trümmerbruch. Apropos Versehrtheit und Schmerz: Auch die Ehe von Renee und Ty ist zerbrochen.

Bis zum 30. Oktober ist die Ausstellung auf dem AEG-Gelände in der Fürther Straße zu sehen. Geöffnet ist von Mittwoch bis Freitag von 16 bis 21 Uhr und am Wochenende von 14 bis 18 Uhr. 

BIRGIT RUF

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