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Tretter: "In der Diaspora bin ich viel fränkischer geworden"

Der kommende Träger des Deutschen Kabarettpreises im Interview - 10.01.2018 18:55 Uhr

Das neue Programm von Mathias Tretter, mit dem er in den kommenden Wochen auch mehrfach in der Region gastiert, heißt "Pop". In der Nürnberger Tafelhalle bekommt er nun den mit 6000 Euro dotierten Hauptpreis des Deutschen Kabarettpreises. © Foto:


Herr Tretter, warum tragen Sie im neuen Programm Lippenstift?

Mathias Tretter: Das Programm heißt ja "Pop" und ein ganz großer Aspekt von Popkultur war immer das Spielen mit Identitäten, in dem Fall ist es das Spielen mit Geschlechteridentitäten. Es ist natürlich ein Element der Verstörung und hat für mich etwas Hochästhetisches. Ich wollte schon immer mal mit Lippenstift auf die Bühne gehen, war auch kurz davor noch einen Rock anzuziehen. Aber wer weiß, was noch kommt...

Was war nach dem Anglistik- und Germanistik-Studium Ihr eigentliches Berufsziel?

Tretter: Ich wusste zumindest ziemlich genau, was ich nicht will. Der pädagogische Bereich war für mich ein Minenfeld. Da wollte sich definitiv nicht hin. Alles andere war eigentlich offen und hat sich entwickelt.

Was ist das Schöne an Ihrem Beruf? Was sind die Schattenseiten?

Tretter: Sehr radikal ausgedrückt: Das Schöne sind die zwei Stunden auf der Bühne. Das Schlimme ist der Rest außenrum. Dabei nehme ich aber das Schreiben aus.

In den TV-Kabarettsendungen machen Sie sich rar. Warum?

Tretter: Grundsätzlich ist Fernsehen ja eigentlich nur eine Werbesendung für uns Kabarettisten, weit befreit von irgendeinem Sinn. Zwischen dreieinhalb und fünf Minuten lässt sich einfach nichts machen, was irgendwie Substanz hat. Deswegen sind das die Commercials, die für uns gedreht werden, damit mehr Leute zu den Bühnenauftritten kommen. Ich reiß mich da nicht drum, ehrlich gesagt.

Seit 2015 haben Sie ein englisches Programm. Wie ist es dazu gekommen und wie unterscheidet sich das von Ihrem deutschen?

Tretter: Ich wollte das immer schon mal machen. Aber einfach ein englischsprachiges Programm zu schreiben, ohne einen einzigen Auftrittstermin damit zu haben, und dann zu versuchen, das Ganze irgendjemandem unterzujubeln, das war mir dann doch zu viel Aufwand. Dann kam das konkrete Angebot von der deutschen Botschaft in der kanadischen Hauptstadt Ottawa und ich hab mich endlich doch hingesetzt.

Und eine Übersetzung geschrieben?

Tretter: Nein, ich habe von Anfang an auf Englisch geschrieben. Das Programm ist thematisch etwas vollkommen anderes. Und es orientiert sich auch formal viel mehr an der angelsächsischen Stand-up-Tradition. Die ist viel assoziativer. Wenige Programme dort haben einen großen Rahmen, sondern der jeweilige Komiker stellt sich auf die Bühne, redet einfach und macht sich nicht mal über Übergänge Gedanken. Das ist dort vollkommen akzeptiert, was ich grundsätzlich auch gar nicht so schlecht finde. In Deutschland muss immer alles formal aufbereitet sein, von einem ins andere übergehen. Auf der einen Seite schätze ich das, auf der anderen Seite verkrampft das aber auch manchmal sehr. Mir ist es bei meinen Programmen in Deutsch wichtig, dass es letztlich eine große Nummer ist. Dass eine Geschichte erzählt wird und eine Dramaturgie da ist. Ich würde mich nicht hinstellen und Nummern aneinanderreihen. Das mach ich aber im Englischen dann umso lieber.

Wie unterscheidet sich der angelsächsische Humor vom deutschen?

Tretter: Grundsätzlich ist es schon so, dass die Leute dort amüsierwilliger sind. Das heißt, sie werden normalerweise ein- bis eineinhalb Stunden bedient und gehen dann auch nach Hause. Wenn einer eine Zugabe spielt, dann ist die höchstens zwei Minuten lang. Das Publikum klatscht auch nicht minutenlang, egal, ob es ein begeisternder Abend war oder nicht. Ich habe das Gefühl, es ist mehr auf Dienstleistung aus.

Das klingt irgendwie nicht gut...

Tretter: Ja, aber ich finde es besser als diese unendlich ausufernden selbstverliebten Kabarettabende, die es in Deutschland gibt, die dreieinhalb Stunden dauern, in denen man das Publikum zu Tode reitet. Kein Mensch hat etwas davon außer dem auf der Bühne. Das würde in Großbritannien in einem halben Bürgerkrieg enden. So jemanden würde man von der Bühne zerren, weil er nervt.

Und Sie vermeiden das, indem Sie früher aufhören?

Tretter: Meine Programme bisher waren so zweieinviertel Stunden und ich habe gemerkt, das ist dem Publikum und mir schon zu lang. Bei "Pop" ist es jetzt so, dass der Abend mit Pause knapp, aber wirklich nur knapp über zwei Stunden ist. Das ist gut für alle. Ich spiele auch keine Zugabe mehr, was immer nur ganz kurz für Enttäuschung und Murren sorgt. Die Leute sind dann letztlich doch froh, dass sie gehen können.

Vor drei Jahren bei Ihrem Besuch in Nürnberg haben Sie erzählt, dass Sie kein Fernsehen haben und ihr Handy lediglich Textnachricht und Telefonie kann. Halten Sie das noch durch?

Tretter: Ja, klar. Es gibt ja keinen Grund, das zu ändern.

Und es kommt auch kein Druck von außen nach dem Motto: "Lern endlich whatsappen, damit ich dich besser erreichen kann!"?

Tretter: Nein, wer soll mir Druck machen? Ich hab echte Freunde, die kämen niemals auf die Idee von mir so etwas zu verlangen. Dann wäre auch die Freundschaft beendet.

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Sie spielen schon lange regelmäßig in Nürnberg. Kann man sagen, dass Sie zu der Stadt eine besondere Beziehung haben?

Tretter: Seit ich nicht mehr in Franken lebe, bin ich wirklich gerne da und ich bin auch viel fränkischer geworden in der Diaspora. Ich spiele schon sehr lange im Nürnberger Burgtheater. Es ist dort immer gut gelaufen. Ich habe hier ja schon den Förderpreis beim Deutschen Kabarettpreis bekommen und kürzlich in der ausverkauften Tafelhalle gespielt. Das ist für mich die größte Halle, die ich ohne Unterstützung wie Abonnenten oder Freikarten ausverkauft habe. Also, man kann schon konstatieren: Es gibt eine besondere Beziehung zu Nürnberg.

Nürnberg will Kulturhauptstadt Europas werden. Bei der Bewerbung geht es darum, zu skizzieren, was eine Stadtgesellschaft im Jahr 2025 umtreibt. Was ist das Ihrer Meinung nach?

Tretter: Also diese Fragestellung ist von einer so radikalen Dummheit, da wallt mir das Adrenalin hoch. Schauen wir uns doch mal die Entwicklung allein nur der Kommunikation in den letzten zehn Jahren an und bedenken, dass sich das ganze noch weiter beschleunigt. Ich weiß doch gar nicht, ob ich mit meinen Kindern in acht Jahren überhaupt noch mündlich kommuniziere oder ob wir Chips aneinander halten werden. Nur ein Idiot kann ernsthaft versuchen einzuschätzen, was 2025 Thema sein wird. 

Interview: BIRGIT RUF

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